Nico im Kino

Zum 80. Geburtstag – das Biopic "Nico, 1988" am 16. Oktober im Kino im Dach

1981 strandet Nico im englischen Manchester, völlig mittellos und schwer heroinabhängig. Aber ihr Name gilt noch etwas. Mit neuen Musikern und neuem Management wird ein Comeback gestartet. Sieben Jahre später stirbt sie auf Ibiza. Diesem letzten Lebensabschnitt widmet sich "Nico, 1988" im Wesentlichen, geschickt verwoben mit Rückblenden in die kaum weniger bewegte Vorgeschichte. Auch ihre chaotische Osteuropatournee mit Konzerten in Budapest, Prag und Warschau kommt vor.

Lutz Graf-Ulbrich gehört zu den wenigen, die der Person, die in Susanna Nicchiarellis Biopic von der Dänin Trine Dyrholm verkörpert wird, tatsächlich nahe gewesen sind. Der Mitbegründer von Agitation Free, der unter seinem Künstlernamen Lüül wie gerade jetzt wieder mit "Fremdenzimmer" regelmäßig Soloalben veröffentlicht, sofern er nicht bei Ash Ra Tempel aushilft oder mit den 17 Hippies unterwegs ist, war von 1973 an für knapp sechs Jahre Nicos Lebensgefährte. Begegnet sind sie sich das erste Mal am Rande eines gemeinsamen Festivalauftritts in Frankreich. "Ihr Gesang, ihre Musik, ihre Schönheit, die Aura, die sie umgab, sie kam mir vor wie von einem anderen Stern", erinnert sich der gebürtige Berliner. "Da wir dasselbe Management hatten, sind wir uns danach öfter begegnet. So hat sich unsere Beziehung ergeben."

Bereits hinter ihr liegen damals die frühen Jahre als Model, protegiert durch den Fotografen Herbert Tobias und Modeschöpfer Heinz Oestergaard, der Nico als Fünfzehnjährige nach Paris holt und dem Dior-Starfotografen Willy Maywald vorstellt. Ebenfalls längst Geschichte ihre Filmengagements unter anderem in Federico Fellinis "La Dolce Vita". Dann der Sprung ins Swinging London der Mittsechziger, wo sie Brian Jones den Kopf verdreht und ihre Debütsingle "I'm Not Saying" entsteht, mit Jimmy Page an der Gitarre. Bob Dylans Manager Albert Grossman ist es, der ihr ein Flugticket nach New York spendiert. Kaum eingetroffen, findet sie Anschluss an Andy Warhols Factory-Clique und avanciert zur Sängerin der einzigartigen Velvet Underground. Parallel zum Debütalbum "The Velvet Underground & Nico" (das Bananencover!), erscheint mit "Chelsea Girl" bereits ihr eigenes erstes Album.

Drei weitere sollten vorerst folgen, wovon besonders "The Marble Index" und "Desert Shore" garantiert ungewöhnlich sind. "Nico war unglaublich", schwärmt Lüül. "Überall dort, wo kulturell der Puls der Zeit schlug, war sie mittendrin und pflegte Umgang mit den jeweiligen Trendsettern, war mit einigen sogar liiert. Oder die Sache mit ihrem Harmonium, das war auch sowas. Keiner spielte Harmonium. Die Beatles hatten das Instrument in ihrer indischen Phase vereinzelt als Klangfarbe eingesetzt. Dass jemand es als Soloinstrument nutzt, war neu. Zumal Nicos Harmonium kein von Hand betriebenes war. Bei ihrem musste sie mit den Füßen Pedale treten, das gab es ganz selten. Und obwohl sie keine besondere Schulbildung besaß, beschäftigte sie sich intensiv mit Literatur. Goethes 'Faust' lasen wir gemeinsam. Mir hat sie eine Beethoven-Biographie geschenkt, als Schüler bin ich Beethoven-Fan gewesen. Sie begeisterte sich für Gustav Meyrink, Oscar Wilde, das Ägyptische Totenbuch. Sie hatte immer Bücher dabei!" Eine ungewöhnliche Frau, mit anderen Worten?! "Absolut", kann Lüül nur beipflichten. Leider blieb ihr die verdiente Anerkennung versagt. Eben weil sie eine Frau war, lautet eine häufige Erklärung.

Mitverantwortlich dürfte allerdings auch sein, dass ihre Songs ungeheuer herausfordernd gewesen sind und eine Düsternis verbreiten, dass ihr Album "The End" von der Schallplattenfirma mit dem Slogan beworben wurde, "Warum Selbstmord begehen, wenn Sie Nico hören können." Woher das kam? Lüül kann auch nur spekulieren. "Sicher hat das mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Um den nächtlichen Bombenangriffen zu entgehen, verbrachte sie fünf Jahre bei Verwandte im brandenburgischen Lübbenau. Nach dem Krieg kehrt sie in ein zerstörtes Berlin zurück und lebt mit ihrer Mutter in ärmlichen Verhältnissen zwischen Ruinen." Bei der erstbesten Gelegenheit, die sie im Rahmen ihrer Modelkarriere bietet, kehrt sie Deutschland den Rücken. Mit "Nibelungen" von "The Marble Index" reibt sie später den Deutschen ihre blindwütige Treue gegenüber einem irrsinnigen "Führer" unter die Nase, der nichts als Zerstörung über die Menschheit brachte. Auch sonst gab es wenig, was sie vom Weggehen hätte abhalten können.

Geboren am 16. Oktober 1938 als Christa Päffgen, trennen sich die Eltern sehr bald wieder. Ihr Vater, ein Spross der Kölner Brauereidynastie Päffgen, fällt bei seiner Familie in Ungnade, weil er als Katholik eine Protestantin geheiratet hat. Den Zweiten Weltkrieg überlebt er nicht. Verleugnet wird Nico vom väterlichen Familienzweig bis heute, während sich auch das Verhältnis zur Mutter zeitlebens schwierig gestaltet. Einzige Heimatfixpunkte bleiben Tante Helma (die Schwester ihrer Mutter) in Lübbenau und Cousin Uli (Helmas Sohn) in Westberlin. Die Tragik ihres Schicksals liegt darin, dass sie in dem Moment stirbt, als sie mit sich ins Reine kommt, die Drogen überwindet, sich zu Ari, ihrem Sohn mit Alain Delon ein Verhältnis entwickelt und mit "Drama Of Exile", "Camera Obscura" sowie "Behind The Iron Curtain" zwei exzellente neue Studioalben sowie ein hervorragendes Konzertdoppel vorliegen.

"Sie wollte mit dem Fahrrad nach Ibiza Stadt", weiß Lüül zu berichten. "Schon am Vortag hatte sie über Kopfschmerzen geklagt und fuhr mit einem Handtuch um den Kopf gebunden los, in der größten Mittagshitze. Sie wurde am Straßenrand gefunden, ins Krankenhaus gebracht und notoperiert. Offenbar war ein Aneurysma im Kopf geplatzt. Tags darauf war sie tot." Mit dieser Fahrradepisode auf Ibiza eröffnet und endet "Nico, 1988" übrigens.
Bernd Gürtler

Nico, 1988
16. Oktober, 18.30 Uhr, Kino im Dach
Lüül 19. Oktober, Pirna, Kunsthof Mocketal im Duo auf "Fremdenzimmer-Tour"