Rückkehr nach Montauk

Schlöndorff und Frisch zwischen Literatur und Kino

Max Frischs Erzählung „Montauk“ wird als eines seiner bedeutendsten Werke gelobt – eine Geschichte, die bleibt, die das Leben reflektiert, das Alter und die Liebe. Sein großes Bekenntnis, in dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschwimmen, Fiktion und Realität sich auflösen und das Leben in ein Kunstwerk verwandelt wird. Dies zu verfilmen, schien für Regisseur Volker Schlöndorff schlichtweg als unmöglich, doch mit seinem neuen Film „Rückkehr nach Montauk“ setzt er seinem Freund Max Frisch, besagter Erzählung und der Literatur trotzdem ein originelles Denkmal.

Die zentrale Figur des Dramas ist ein älterer, in Berlin lebender Schriftsteller mit dem „außergewöhnlichen“ Namen Max Zorn – Max Träumer oder Max Altmännersentimentalität wären wohl passendere Nachnamen für den Charakter gewesen, der vom grandiosen, charismatischen und immer noch sehr attraktiven Stellan Skarsgard gespielt wird. Aufgrund der Premiere seines neuen Buches „Jäger und Gejagte“ fliegt Zorn für eine Woche nach New York, um nicht nur sein Werk zu promoten, sondern auch, um seine jüngere Lebensgefährtin Clara (Susanne Wolff) wiederzusehen. Diese ist ein paar Monate eher als Max nach New York gezogen, um an der US-Veröffentlichung des Buches mitzuarbeiten.

In seinem Roman erzählt Max vom Scheitern einer großen Liebe in der schillernden Weltmetropole. Dass der Grat zwischen Fiktion und Wirklichkeit sehr schmal ist, wird deutlich, als Max nicht ganz zufällig auf Rebecca (Nina Hoss) trifft, die er vor 17 Jahren in New York kennen- und liebengelernt hatte. Diese ist mittlerweile eine sehr erfolgreiche Anwältin und eigentlich nicht mehr die Frau, in die er sich damals Hals über Kopf verliebt hat. Doch Max, der Rebecca über die Jahre romantisiert hat, erkennt das nicht oder will es nicht erkennen, und setzt alles daran, ihrer Liebe eine letzte Chance zu geben. Gemeinsam verbringen sie ein Wochenende in Montauk, dem kleinen Fischerhafen mit dem berühmten Leuchtturm am Ende von Long Island. Sie beziehen dasselbe kleine Hotel direkt am Stand, das Jahre zuvor ihr Liebensnest war: Zwei Menschen, eine Vergangenheit, eine große Liebe, Trauer um das versäumte Leben und Hoffnung auf die Zukunft – alles trifft in Montauk zusammen.

„Rückkehr nach Montauk“ ist kein klassischer Film, der dem Zuschauer alle Geschehnisse bildlich vor Augen führt – vielmehr gleicht er einem Buch oder einem Hörbuch. Die Fantasie des Publikums wird herausgefordert, was sich aber als eine beeindruckende Herangehensweise an  entwickelt. „Rückkehr nach Montauk“ schwingt irgendwo zwischen Literatur und Film, Fiktion und Realität, Sehen und Denken, zwischen grandiosen malerischen Szenarien und dem Verborgenen, zwischen Tiefe und Banalität, Wirklichkeit und Traumwelt. Ein Film, der viele Fragen aufwirft, aber die Protagonisten und die Zuschauer ohne eine Antwort, ohne einen Sinn oder eine Richtung einfach so im Regen stehen lässt, was Schlöndorffs Werk gerade so erstaunlich und ungewöhnlich macht.

Der Film holt einen nicht ab wie ein Taxi, dass auf dem schnellsten Weg sein Ziel findet, er lässt einen warten und warten, bis man sich entscheidet, selbst loszulaufen. Die Charaktere werden einfach nur aufgezeigt, ganz zurückhalten und nur ansatzweise werden ihre Hintergrundgeschichten erzählt. Ein großes Puzzle, in dem vielen Stücke fehlen. Die emotionale Nähe zwischen Zuschauer und den Figuren ist auf ein Minimum reduziert, obwohl sie wiedererkennbare und identifizierbare Charakterzüge aufweisen. Der Mythos der „großen Liebe“ entpuppt sich dabei trocken als eine Erfindung von Schriftstellern. „Rückkehr nach Montauk“ ist dabei so schwermütig, verträumt, sehnsüchtig und widersprüchlich wie seine Charaktere und die Geschichte.
Felicitas Galinat

Rückkehr nach Montauk Deutschland, Frankreich, Irland 2017; Regie: Volker Schlöndorff
Mit Stellen Skarsgard, Nina Hoss, Susanne Wolff und Isi Laborde
Ab 11. Mai zusehen im Programmkino Ost
www.rueckkehr-nach-montauk.de