

Was ein russischer »Faust«-Film mit Dresden zu tun hat
Der literarische Fauststoff grenzt ans Mythische, Goethes »Faust«-Epos ist Mythos, nun kommt ein neuer »Faust«-Film ins Kino – und der ist durch und durch mystisch.
Dabei gibt es wahrlich mehr als genug Adaptionen dieses unendlichen Themas um die Erkennbarkeit der Welt und den Sinn menschlichen Lebens. Angefangen bei Sage und Volksstück »Doktor Johannes Faust« über den »Urfaust« bis hin zu Thomas Mann und Hanns Eisler ist allein in der deutschsprachigen Literatur in fast 500 Jahren eine Menge anspruchsvoller Deutung entstanden. Auch russische Künstler wie Lermontow oder Bulgakow zeigten sich immer wieder von diesem Sujet fasziniert.
Einer der profiliertesten Filmregisseure aus dem heutigen Russland hat nun eine gänzlich neue Sicht gewagt. Alexander Sokurow (Jahrgang 1951, zu Sowjetzeiten blieben zahlreiche seiner Filme verboten) krönt mit »Faust« seine Tetralogie um Machtmenschen wie Hitler (»Moloch«, 1999), Lenin (»Taurus«, 2001) und den japanischen Kaiser Hirohito (»Sonne«, 2004). Die Parts müssen freilich nicht zwingend in Folge gesehen werden, zumal allein »Faust« eine Laufzeit von 135 Minuten hat.
Dabei ist dieser fulminante Film ganz und gar schweres Kino. Faust drängt es nach Wissen, Mephisto ist nicht sein Widerpart, sondern ein Wucherer, der schwarzen Handel treibt, Seelenhandel. Aber: Alle haben sie Hunger und die Unglücklichen sind gemeingefährlich. Liegt darin Sokurows Botschaft? Der Regisseur aus dem Land der unmöglichen Begrenztheiten (»lupenreine Demokratie«) hat den exemplarischen Stoff genutzt, um die Unzulänglichkeiten des Miteinanders von Mensch und Menschen aufzuzeigen. Er braucht keine schrägen Aktualisierungen und Ausrufezeichen, sondern zeigt Seelenlandschaften in Spiegelbildern. Was ganz wörtlich zu nehmen ist, denn die fesselnden Kameraeinstellungen (Bruno Delbonnel) zielen oft nicht auf die Szene selbst, sondern auf riesige Spiegel, die in dunstig kargen Farben die Aktion verzerrt reflektieren. Symbolik findet sich sowohl in den Bildern als auch in der Sprache, die zwar sehr von Goethe-Zitaten lebt, aber tapfer damit zu spielen vermag.
Sokurow hat dafür nach langem Suchen ein internationales Ensemble gefunden: Johannes Zeiler als grübelnden Faust, die eben erst 18-jährige Isolda Dychauk als seelenvoll (!) faszinierende Margarethe, Georg Friedrich als besessenen Wagner, in einer kleineren Rolle als Teufelsmutter Hanna Schygulla – und dieser mephistophelische Wucherer selbst ist kein Geringerer als Derevo-Chef Anton Adassinsky. Für »Faust« mutierte der hagere Darsteller zum diabolischen Dickling.
Bezeichnend, dass ein Russe diese Lanze bricht für den intellektuellen Film. In Venedig erhielt Alexander Sokurow für »Faust« den Goldenen Löwen.
Michael Ernst
Faust Russland 2011, Regie: Alexander Sokurow
Zu sehen im Programmkino Ost
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