Erfindungen aus dem Unberechenbaren

Neue Malerei von Sándor Dóró in der Galerie am Damm

Ein Wortspiel begleitet die neue Ausstellung von Sándor Dóró in der Galerie am Damm, das sich um das Lateinische »nolens volens« dreht. Der Dresdner Maler/Grafiker und Hochschullehrer weiß, wovon er spricht. Zu Deutsch heißt die Sentenz »wider Willen« oder »wohl oder übel«, was sich durchaus auf die aktuelle Malerei des Künstlers anwenden lässt. Dóró spielt mit den ihn zufällig eingegebenen Formen in einer durchaus vorstellbaren Art, ohne bewusst den Willen einzuspannen. Das Assoziative tritt zwar zurück hinter den informellen Erfindungen, aber immer bleibt ein Rest, der die Anschauung seiner Bilder reizvoll und genießbar macht.

Alle Arbeiten entstanden 2015 und 2016, sowohl auf Papier als auch auf Leinwand. Die meisten von ihnen tragen keinen Titel, geben aber einen Einblick in Dórós gegenwärtige kreative Situation. Der Anatomieprofessor an der HfBK Dresden (selbst Schüler des legendären Professor Gottfried Bammes) braucht den Ausbruch aus der Enge des von der Natur Vorgegebenen. Hier ist er. Auch in seinen nicht ausgestellten Zeichnungen, die ich für das Beste von Dóró halte, offenbart sich das Loslassen der Formen von den anatomischen Gesetztheiten zugunsten der Erfindung aus dem Unberechenbaren. Konstrukte werden integriert; wie von selbst geschieht die Metamorphose des Formalen zugunsten des Irrationalen: »nolens volens«.

Die Ausstellung besteht aus 8 Bildern, darunter 7 Arbeiten auf Papier und eine Leinwand. Freies Fabulieren in Gedanken betört durch Freiheit der Formen im Bild. Der Betrachtende gerät in den Sog einer Welt aus amorphen Flächen, Clustern, Kokons und Lineaturen, die den Schauplatz kreuzen oder wie ein Richtungsgeber das Bildgeschehen hinter sich herziehen. Da ist durchaus Poesie verbunden mit Klang und Rhythmus, die das Bild zu einer Metapher machen für ein unwillkürlich aufkommendes Gefühl, das sich auch sukzessive beim Betrachten ausbreitet. Dóró zaubert aus sich selbst und es ist, als frage er nach der Auflösung seines Zauberspruchs »nolens volens«. Jedes Bild (auch farblich in einem Grundklang) gibt Rätsel auf, das zu lösen vielleicht seine Schönheit beschädigen könnte. Trotzdem ist die Suche nach Artikulation immer präsent.

Sind die vier en bloc gehangenen, zart-farbenen Kompositionen eher verspielt und fast wässrig-diaphan und klingen wie eine aquatische Unterwassermelodie, so offenbart die Arbeit auf der Einladungskarte eine strenge Zäsur von Sachlichkeit und Spiel: Ein gelbes Cluster beherrscht die Szenerie, darüber eine schwarze, angeschnittene Fläche, die nach unten drückt, zwei kleinere Flächen aus Orange und Wasserblau vermitteln bis zu einem Spritzer aus Farbe über einem zufällig entstandenem Geflecht. Dort sitzt etwas wie ein Blauer Vogel. Quer dazu im Bild von links unten nach rechts oben geht ein »Strich«, eine dicke dunkel getönte, rote Linie, die ein schwache kreuzt, den Druck nehmend und ausgleichend.

Das Hauptwerk der Ausstellung »pervis und piriformis«, ein überdimensionales Leinwandbild, bemalt mit Ölstift, benennt Dóró nach zwei Muskeln des menschlichen Körpers. Dergestalt inkorporiert findet sich auch auf der schwarzen Leinwand eine seltsame Menschenfigur, die an seine Zeichnungen zur Anatomie des Menschen auf der schwarzen Zeichentafel des Hörsaales erinnert. Die etwas rechts angeordnete Gestalt ist durch zahlreiche Linien mit einem geheimen Zentrum verbunden. Informelles und Gegenständliches berühren sich und durchdringen einander wie Cyber-Konstrukte, Mensch und Maschine. Die intensive Beschäftigung mit der menschlichen Anatomie erfährt in Dórós Schaffen in einem wissenschaftlichen Kompendium ihren Höhepunkt. Hier aber zeigt er Malerei, die von seinen eigenen Erfahrungen als Künstler gefärbt und durchdrungen sind. Wissenschaftliche Arbeit, Pädagogik und Kunst werden hier auf glückliche Weise zusammengeführt.
Heinz Weißflog

 
Sándor Dóró: »volens nolens, nolens volens«
Galerie am Damm, bis 22. November
www.galerie-am-damm.de