Hell strahlend spricht dein Marmorbild

Von Schönheit und Größe. Römische Porträts und ihre barocke Aneignung

Mit der äußerlichen Sichtbarkeit in Relation zu den inneren Werten ist es so eine Sache. Das gilt manchmal auch für Kunstwerke und ganze Kunstsammlungen. Die derzeitige Ausstellung der Skulpturensammlung im Albertinum mit einem Teil der hochwertigsten ihrer römisch-antiken Bildnisse und barocken Büsten ist sinnliche wie intellektuelle Erbauung. Zugleich macht sie schmerzlich das Vakuum bewusst, welches die zu lange schon andauernde Unsichtbarkeit dieser Werke bedeutet.

Von August dem Starken gegründet, ist die Antikensammlung nicht nur eine der ältesten kurfürstlich-königlichen Sammlungen der Stadt, sie gehört auch zu den ältesten museal präsentierten großen Antikensammlungen außerhalb Italiens. Die römischen Porträts und Statuen bilden den Kern der Dresdner Skulpturensammlung. Dennoch waren sie, wie auch die barocken Bildwerke, über viele Jahre nicht angemessen ausgestellt. Nun hat das Herzstück der Sammlung im Albertinum zeitweilig wieder den seinem ästhetischen und kunsthistorischen Rang gebührenden Auftritt und gibt dabei einen Vorgeschmack auf die Neuaufstellung der Antiken in wenigen Jahren im Osttrakt der Sempergalerie im Zwinger.

Das römische Porträt gehört zu den wichtigsten antiken Kunstgattungen. In Rom und den Provinzen erreichte die Porträtkunst eine besondere Blüte und Verbreitung, sowohl in Form intimer Selbstdarstellungen und Erinnerungsbilder im Privaten als auch als repräsentative Porträts und Ehrenstatuen auf öffentlichen Plätzen, in Gebäuden und Heiligtümern. Die privaten Porträts von Frauen, Kindern und Jugendlichen, zumeist Grab- oder Erinnerungsbildnisse, stehen im Mosaiksaal des Albertinums am Anfang. Ebenso berührend wie von herausragender Qualität ist die »Togastatue eines Knaben« von 250 n. Chr. Wurden die Augen der Porträtierten zunächst ganz glatt dargestellt und lediglich aufgemalt, ritzte man die Pupillenform nach 130 n. Chr. tatsächlich in den Stein, so auch bei diesem Kinderporträt. Der Blick des Knaben scheint ins Weite zu gehen und steht, zusammen mit seinem eleganten Gewand, in seltsamem Kontrast zu dem frühkindlichen Gesicht. Es ist ein reduziertes wie verinnerlichtes Bildnis, das die jäh beendeten elterlichen Hoffnungen und Zukunftspläne für den früh verstorbenen Sohn anschaulich macht und diesen dabei doch als Kind darstellt und die Zeit überdauern lässt.

Unter den sich daran anschließenden öffentlichen Porträts sind Darstellungen von Herrscherinnen und Herrschern, Politikern und anderen Vertretern der römischen Elite. Besonders hervorzuheben ist die grandiose »Büste des Mark Aurel« von 170–180 n. Chr., die 1728 aus der römischen Sammlung Chigi nach Dresden kam. Sie war ganz in der Nähe des kaiserlichen Palastes am Lateran wiederaufgefunden worden und gehört zu den besten überlieferten Bildnissen des Kaisers. Kleinformatiger, doch von beinahe körperlicher Präsenz ist das »Bildnis des Caracalla« aus Alabaster mit nicht dazugehöriger, ebenfalls antiker Büste. Deutlich erhöht aufgestellt, kann man beim Umschreiten der Figur tatsächlich erkennen, wie das Licht durch die feine Alabasterschicht hindurchscheint.

Die Antike ist den Nachfolgenden vor allem seit der Renaissance intellektueller und künstlerischer Bezugsrahmen, Vorbild und Überbietungsfolie. Herrscher wie August der Starke orientierten sich an den Hervorbringungen der Vergangenheit, suchten sich daran zu messen und als Wiedergänger römischer Herrscher aufzuwerten. Anfang des 18. Jahrhunderts erwarb August antike Bildwerke (bzw. das, was man dafür hielt), mit denen er sich im Bilderzimmer umgab oder sie im Palais im Großen Garten in der Art einer römischen Antikengalerie aufstellte. Darunter waren römisch-antike Originale, Antikenkopien und Werke, in denen Antike und Neuzeit miteinander verwoben waren, wie barocke Büsten mit antikem Kopf – schließlich galt Vollständigkeit mehr als das Fragment. Ein Beispiel für diese später vielfach rückgängig gemachte Ergänzungspraxis ist die »Büste des Septimius Severus«. Sie besteht aus dem antiken marmornen Herrscherbildnis von ca. 200 n. Chr. und einer prächtigen neuzeitlichen vielfarbigen Büste, die den Ausdruck von Macht und Würde im Antlitz noch steigert.

Es ist eine wunderbare Schule des Sehens, vor allem aber ein großes ästhetisches Vergnügen, die antiken mit den aus dem 17. Jahrhundert stammenden, häufig in »antiquer Manier« gearbeiteten Porträts zu vergleichen, die hervorragende Verarbeitung und unterschiedliche Wirkung der Gesteine zu erforschen und, bei jedem Antlitz aufs Neue, das feine Mienenspiel zu studieren, die Nuancen zwischen Authentizität und Idealisierung.
Teresa Ende

Von Schönheit und Größe. Römische Porträts und ihre barocke Aneignung.

Skulpturensammlung im Albertinum, Mosaiksaal, bis 6. November
www.skd.museum