Welt der Worte, Zeichen und Gesten

Ausstellung zur Sprache im Hygiene-Museum

Ausstellungen über Sprache oder Literatur stehen vor dem Problem, wie ein flüchtiges Medium visuell erfahrbar gemacht werden kann oder was, wenn sie auf Papier fixiert ist, gezeigt werden kann außer eben Papier. Was sagt das im Literaturmuseum Marbach ausgestellte Taufkleidchen von Thomas Mann schon über dessen Literatur? Wie kann man Worte greifbar machen, Gesten konservieren, Schweigen zum Klingen bringen? Das Deutsche Hygiene Museum meistert diese Hürde in seiner Ausstellung »Sprache«, diesmal in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gewohnt souverän (Kuratorin: Colleen M. Schmitz, Gestaltung: Julia Neubauer, büroberlin).

In vier, jeweils einen Themenschwerpunkt zugeordneten Räumen (der informative und wunderbar gestaltete Katalog ordnet das Thema alphabetisch nach Stichworten), wird Sprache als physische Spur und in ihrer Vielschichtigkeit gezeigt, werden die Zusammenhänge zwischen Gesprochenem, Gestisch-Mimischem und Geschriebenem untersucht. Wer dieser Fährte aus Objekten, Tondokumenten, Videos, Kunstwerken, interaktiven Elementen und eben Papier folgen will, braucht etwas Zeit, allein das Abhören der Audio-Texte dürfte mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Denn Sprache ist mehr als das miteinander Reden, mehr als Lesen, Schreiben, Gestikulieren, ist ein komplexes und anpassungsfähiges Instrument, ein zentrales Merkmal unseres Menschseins. Der erste Raum der Ausstellung geht diesen Fragen unter dem Motto »Homo loquens. Zur Sprache kommen« nach, in dem die physischen und genetischen Voraussetzungen der Sprachbildung, die Mythen über den Ursprung der Sprache und deren Evolution sowie der Zusammenhang zwischen Sprache und Gestik untersucht werden. »Denkbewegungen. Sinn und Sinnlichkeit der Sprache«, so der Titel des zweiten Themenkomplexes, zeigt Beispiele dafür, wie die Sprache unsere Vorstellung von der Welt geprägt hat, mit welchen Techniken sie im Laufe der Jahrhunderte aufgeschrieben wurde oder wie Sprachbilder und grammatische Systeme entstanden sind.

Kann Sprache neutral sein und welche Rolle spielt sie in gesellschaftlichen Ritualen? Diese Fragen stehen im Zentrum des dritten Abschnitts »Redehandwerk. Macht und Magie der Sprache«. Hier finden sich spannende Beispiele über den Gebrauch und Missbrauch von Sprache in unterschiedlichen politischen Systemen. Mit Verwunderung liest man zum Beispiel, dass der Begriff »Festung Europa« im Dritten Reich verpönt war, weil er mit der Bedeutung des Wortes »Festung« eine Verteidigungshaltung suggeriere, Europa sich aber im Angriff befinde. Kaum verwunderlich ist, dass der Verrohung der Sprache, wie sie sich bei Pegida offenbart (im Katalog findet sich dazu ein extra Text von Anna-Maria Schielicke) weitere Steilvorlagen für die Aktualität und politische Brisanz des Themas liefert. Der vierte und letzte Abschnitt ist dem Thema »Sprachheimat(en). Zugehörigkeit und Selbstbestimmung« gewidmet. Hier werden Fragen wie die unterschiedlichen Dialekte und ihre Behandlung in der Gesellschaft oder Veränderungen der Sprache durch Migration und Globalisierung untersucht.

Wie schon in verschiedenen Ausstellungen der Vergangenheit gelingt es dem Hygiene-Museum auch diesmal wissenschaftlichen und kulturhistorischen Anspruch, Verständlichkeit und künstlerische Reflexionen zu verbinden. Objekte wie eine sumerische Keilschrifttafel oder der Heidelberger Sachsenspiegel, Kuriositäten wie die sogenannte Vogelorgel, mit der gefangenen Singvögeln Melodien beigebracht werden sollen, stehen neben Manuskripten oder Grafiken von Stefan Zweig, Herta Müller oder Carlfriedrich Claus. Kurt Schwitters’ »Ursonate« ist zu hören und wer möchte, kann verschiedenen Bundestagsreden lauschen oder mit einer Installation, die auf einem Gemälde von Pieter Bruegel d.Ä. basiert, Redewendungen und Sprichwörtern auf den Grund gehen.

In zweifacher Hinsicht besonders beeindruckend ist eine Leinwandprojektion über die kurdischen Volksliedsänger und Geschichtenerzähler, die Dengbej. Wie hier mit Sprache umgegangen wird ist einfach atemberaubend! Doch dann weitet sich allmählich der Blick der Kamera und die anfangs in einer archaisch anmutenden Holzhütte agierenden Geschichtenerzähler werden zum absurden Teil der Hochhausdachlandschaft einer türkischen Großstadt und das Video zum Zeugnis der Bedrohung von Sprache und alten Traditionen. (Vor diesem Hintergrund bleibt zu hoffen, dass die mit dem Attribut »Leichte Sprache« versehenen Audio-Elemente vor allem Hilfestellungen für Kinder und nicht Tribut an den Zustand allgemeinen Sprachverständnisses sind.)

Die Ausstellung zeugt nicht nur von der Vielfältigkeit der Sprache, von ihrem Missbrauch und ihrer Bedrohung, sondern auch von ihrer Schönheit. Dass Sprache zuweilen auch als störend empfunden werden kann, beweist das babylonische Sprachgewirr, das an einigen Stellen der Ausstellung herrscht und zu dem manchmal auch das Personal mit lauten Unterhaltungen beiträgt (oder ist auch das Teil der Ausstellung?). Manchmal spricht auch einiges für mehr Ruhe.
wonne

Sprache. Welt der Worte, Zeichen, Gesten
Deutsches Hygiene-Museum, bis 20. August 2017

Sprache. Ein Lesebuch von A-Z Wallstein Verlag, 24.90 Euro