Die Farbe ordnet das Chaos

Arbeiten von Günther Hornig in der Städtischen Galerie

Im Foyer der Städtischen Galerie begrüßen den Besucher blaugetönte vertikal-gestaffelte Stäbe, die den hohen Raum des Treppenaufganges schmücken. Die Installation »Blaue Energie« schuf der Dresdner Künstler Günther Hornig gemeinsam mit seinem Malerfreund Dieter Weise 2003 aus Anlass der Eröffnung der Altana-Galerie für den Görges-Bau der TU. Dieter Weise erinnert sich an Günther Hornig als einen liebenswerten Freund, dessen geistige und menschliche Haltung in der Kunst er bewunderte, seine innovative Beziehung zu Farbe und Raum. Die Dresdner Kunst und deren Künstler, besonders seine Studenten an der HfBK Dresden (Grundlagenstudium Bühnenbild) haben Günther Hornig sehr viel zu verdanken.

Nach seinem unerwarteten Tod im vergangenen Jahr mit 79 Jahren hat die Städtische Galerie Dresden sofort reagiert und einen der Bahnbrecher der abstrakten Kunst im Osten Deutschlands mit einer Werk-Retrospektive geehrt und gewürdigt. Die sparsam gehängte Präsentation, unterbrochen von turmartigen Papp- und Holzobjekten wirkt fast therapeutisch durch ihre die Düsternis überwindende, leuchtende, frohgemute Farbigkeit und Leichtigkeit. Die Ausstellung demonstriert, was Farbe, Struktur und Raum im Verbund leisten können. Die das Licht einfangenden Farbstrukturen erobern sich den Raum, aufwärtsstrebend und pulsierend, wie Strudel in einer kreisförmigen, sich aufschraubenden Bewegung, über sich selbst hinausweisend, heiter und klar.

Günther Hornig wurde 1937 in Bitterfeld geboren. Die Not unmittelbar nach dem Krieg, die »chaotische Zeit des Zusammenbruches« waren prägend für den Jungen. Als guter Zeichner fiel er in der Schule auf und begann 1954 als Theatermaler am Landestheater in Halle zu arbeiten. Bereits dort zeigte sich das große Interesse an der Malerei, aber aus einer anderen Perspektive, der der Theaterwelt, mit ihrer fortwährenden Kommunikation und der Bühne, auf der sich die Problematik des Raumes zeigt. Endlich gelang ihm 1957 die Aufnahme für das Studium der Malerei an der HfBK bei den Professoren Herbert Kunze, Erich Fraas, Hans Mroczinski und Gerhard Augst. Die Hinwendung zur Malerei war eine »persönliche Entscheidung ... Dieses Medium ziehe ich anderen Medien vor (Film, Foto). Es ist das Medium, was meiner Empfindung die größte Möglichkeit zur Artikulation bietet«.

Bereits im Studium neigte Hornig (gerade beim Akt) zur Abstraktion, wobei er früh mit dem Diktat des Sozialistischen Realismus kollidierte. Die experimentelle Arbeit mit dem Bühnenbild (von 1968-93 Lehrer im Grundstudium, Fachbereich Bühnenbild) war zugleich malerisch als auch praktisch wertvoll (die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Materialien, mit der Problematik des Raumes). Zudem war die Arbeit mit den Studenten, wie er selbst in einem Kurzfilm-Interview von 2009 bekannte, eine große Anregung für die eigene Malerei, die Collage, das Materialbild und die Objektkunst. Lehre und eigenes Schaffen gingen Hand in Hand. Der Zugang zu den Studenten war gerade und unkompliziert, nicht theoriekopflastig, sondern befreiend und aus der Enge der ideologischen Auffassungen herausführend, »eine lebendige Begegnung«, ein »partnerschaftliches Verhältnis« (G.H.). Erheiternd seine Bemerkung über einen Brand in der Hochschule, der durch die Studenten, die unter Schock standen, beim Experimentieren mit Nitrolack verursacht worden war: »Hm, was mit Feuer probiert ... Muss man machen!« Von 1993 bis 2002 war Günther Hornig selbst Professor für Malerei und Grafik im Fachbereich Freie Kunst an der HfBK Dresden.

Eine Kern von vier Studenten, die Bühnenbild bei Günther Hornig studierten, gehörte zu den sogenannten Autoperforationsartisten (Selbstverletzungskünstler), die ihren Körper in Perfomances bis zur Selbstverleugnung als Teil eines Kunstwerkes einsetzten und inszenierten: »Wir haben im Unterricht mit Körper und Raum experimentiert und später sind dann die Autoperforationsartisten Micha Brendel, Else Gabriel, Via Lewandowsky und Rainer Görß auf den Plan getreten und haben diese Tendenz kreativ und höchst künstlerisch erweitert« (G.H.).

In seiner eigenen freien Arbeit als Maler und Grafiker entwickelt er sein Konzept ausgehend von der Collage und seiner Arbeit als Bühnenbildner in Halle und Potsdam. Das Chaos seiner Kindheit, die Unsicherheit und Instabilität der Nachkriegsjahre (»als Grundzustand von Freiheit, aus der alles Mögliche entstehen kann« (Susanne Altmann, Katalog)) haben auch im Bildnerischen ihre Wirkung. Es schafft aus sich die Form durch Farbe. Das Gegenständliche wird suspekt, die Abstrakte und das Informel bieten zunehmend einen gewissen Halt. Der Raum wird zum Aktionsfeld. Er besteht aus unendlich viel geschichteten Flächen, die Spuren im Raum hinterlassen. Gestisch und stark farbig gehalten entstehen Objekte, die in den Raum greifen. Vielfalt und Überschaubarkeit findet man auch in seiner Malerei, den großen Zyklen von 1991 bis 2013, die aus Formenelementen der Postmoderne ebenso geschaffen sind wie aus eigener Kreativität. Hornig fasst zusammen und aus der Analyse der Strukturen anderer Künstler entwickelt er Eigenes und Neues zu einer herzerfrischenden Synthese.

Im Zusammenklang der Farb-Formenelemente entsteht eine eigenwillige Struktur, die typisch für Günther Hornig wird. Das Chaos ordnet sich über die Farbe und streift seine Willkürlichkeit ab, ohne sie grundlegend zu verlieren. Ich musste an die Glasbilder von Gerhard Richter im Kölner Dom denken, der den Computer für die Farbmischung der farbigen Scheiben eingesetzt hat, um dem natürlichen Chaos so nahe wie möglich zu kommen. Hornig jedoch geht bis an seine »analogen« Grenzen und treibt aus sich selbst die feindurchdachte Strukturiertheit seiner Bilder zu großer Vollkommenheit und Frische. »Der Raum konzipiert sich über die Eigenschaften der Farbe, unter der Maßgabe, das VIEL der Erscheinungen und Aktivitäten zu berücksichtigen« (G.H.)
Heinz Weißflog

Günther Hornig
: Farbe, Rhythmus, Raum, Städtische Galerie Dresden, bis 17. September
www.galerie-dresden.de