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Im Panoptikum der Zeit – Otto Griebel in der Städtischen Galerie

Otto Griebel ist in Dresden natürlich ein Begriff und man meint ihn zu kennen, hat man doch seine 1986 erstmals herausgegebene Biografie »Ich war ein Mann der Straße« gelesen. Darin findet sich auch der eingangs zitierte Ausspruch des Atelierkollegen und Freundes Otto Dix aus der unruhigen Zeit des Kapp-Putschs 1920, in dessen Folge es auch in Dresden zu Auseinandersetzungen, Gewalt und Todesopfern kam. Mit der Dix‘schen Aufforderung lässt sich hervorragend das Bild jenes Malers Griebel verbinden, der eigene Front-Erlebnisse aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, die Randfiguren der Gesellschaft und die sozialen Missstände der Weimarer Republik thematisierte. Man kennt ihn als Maler von in Schützengräben hockenden Soldaten (»Im Granattrichter«), des Alltags der Benachteiligten (»Sonntagnachmittag«) und als Verfechter der kommunistischen Idee (»Die Internationale«).

Dass das Werk Griebels noch weitere Facetten aufweist, zeigt die aktuelle Ausstellung der Städtischen Galerie in einer Fülle, die in Anbetracht des Verlustes seines bis 1945 geschaffenen Werkes, sei es durch Beschlagnahme oder durch die Bombentreffer des 13. Februar, beeindruckt. Zahlreiche Leihgaben aus dem In- und Ausland haben dieses »Panoptikum« möglich gemacht.

In die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg fallen Griebels kurzzeitige Versuche, gegenstandslos zu arbeiten. Angeregt dazu wird er einerseits durch die Arbeit an Entwürfen für Glasfenster – Griebel hatte eine Glasmalerlehre absolviert – andererseits durch die Begegnung mit Erwin Schulhoff. Gemeinsam mit dem Komponisten und Pianisten schuf er eine Lithografie-Folge zu den »Zehn Themen«, in der verschiedene Tempi und Temperamente der Musik in Partituren und bildlich abstrakt umgesetzt sind.

Ein gänzlich anderer Aspekt im Schaffen des Künstlers rückt beim Betrachten der Gelegenheitszeichnungen, etwa Glückwunschkarten, Briefe und Einträge in Gästebüchern, in den Fokus. Hier offenbart sich Griebels großer Sinn für Humor und sein satirischer Blick. Dies verdeutlichen Einzelarbeiten Griebels oder Gemeinschaftswerke mit anderen künstlerischen Zeitgenossen im Gästebuch des Dresdner Rechtsanwalts Dr. Fritz Glaser und – weit weniger bekannt – in einem Skizzenbuch, welches Ende des Jahres 1923 im Café Central am Altmarkt auslag. In diesem ehemals im Besitz des Malers und Weggefährten Eric Johansson befindlichen Buch spart Griebel nicht mit Ironie, Sarkasmus und Kritik: So etwa an Oskar Kokoschka in dem Blatt »Nur a Walzer muss es sein«. Kokoschka, der damals gerade Dresden und seine Professur an der Kunstakademie verlassen hatte, war nach den Auseinandersetzungen des Kapp-Putsches als »Kunstlump« betitelt worden, da er sich nicht auf die Seite der Aufständischen stellte, sondern stattdessen forderte, man möge doch die Schießereien fern ab der Kunstwerke der Gemäldegalerie betreiben. Etliche der Gästebuch-Zeichnungen gehen auf die Persönlichkeit des Besitzers des Buches ein, wie auch viele weitere der ausgestellten Werke Widmungen an Freunde und Gönner aufweisen.

Humor und Schlagfertigkeit machten Otto Griebel auch zu einem Meister auf einem völlig anderen Feld der Kunst. Wenig bekannt war bisher dessen Liebe zum Puppenspiel, die ihn zeitlebens begleitete und ihm vor allem in den wirtschaftlich schwierigen 1920er Jahren so manche Extra-Mark bescherte. Ging es zunächst darum, für den befreundeten Puppenspieler Otto Kunze Köpfe und Kulissen zu bemalen, probierte sich Griebel alsbald auch als dessen Spielpartner aus und gestaltete schließlich in den 1930ern eigene Puppen und die dazugehörigen Bühnen. Die Kulisse zur »Dada-Hölle« und zwei von Griebel entworfene Puppen geben einen kleinen Einblick in diese Spielart seines Schaffens.

Der 13. Februar 1945 bedeutet für Otto Griebel wie für die meisten Dresdner eine persönliche Katastrophe. Seine Wohnung und das Atelier wurden vollständig zerstört und mit diesen, bis auf eine Mappe von Aquarellen, alle Werke, die sich zu der Zeit im Besitz des Künstlers befanden. Im »Selbstbildnis mit Grashalm« vom Mai 1945, seinem letzten Selbstporträt, stellt sich der Künstler vor dem brennenden, zerstörten Dresden dar.

Auffällig ist der Hang zum Erinnern, zum Wiederaufgreifen von Motiven und Themen nach 1945, was man als Zeichen der Auseinandersetzung mit der Zerstörung seines Werkes deuten könnte. Nur einmal noch griff der ehemals prononciert politische Künstler seinen spitzen agitatorischen Stil der 1920er wieder auf – in dem Aquarell-Zyklus »Der Sumpf«, den Griebel jedoch nicht vollständig ausführte. Daraus ist in der Ausstellungen eine Szene »Tanz im Westen« zu sehen.

Die Städtische Galerie schlägt den Bogen um ein Lebenswerk, das in seiner Vielfalt überrascht. Und sie zeigt auch den etwas verbitterten Rückzug aus der Kunst am Ende dieses Lebens, der sich in Griebels Antwort auf die Frage, warum er nicht mehr male, 1968 so spiegelt: »Meine Zeit ist vorbei. Ich käme mir vor wie ein alter Prärie-Indianer, der in der Manege auftritt.«

Begleitet oder vielmehr fundiert wird die Ausstellung durch das von Kurator Johannes Schmidt erstellte detaillierte Werkverzeichnis des Künstlers, welches sowohl die Vielfalt seines Schaffens als auch das Ausmaß des Verlustes im Griebelschen Œuvre verdeutlicht.
Katja Lindenau

Otto Griebel: Im Panoptikum der Zeit
Städtische Galerie, bis 7. Mai
www.galerie-dresden.de