Eine kleine kuratorische Meisterleistung

Vanitas in der Galerie Stephanie Kelly

»Vanitas, Vanitatum, et omnia vanitas«, des Predigers Salomos Worte übersetzte Luther mit: Es ist alles ganz eitel, es ist alles ganz eitel. Den Eindruck von Selbstverliebtheit erweckt das kleine kuratorische Meisterwerk »Vanitas« in der Galerie Stephanie Kelly allerdings nicht. Nur drei künstlerische Positionen skizzieren – klug inszeniert – zahlreiche Facetten des vor allem im Barock vorkommenden Vanitas-Motives, ohne die damals für diese Stilrichtung vorherrschenden Symbole wie Masken, Schneckenhäuser, Sanduhren, welke Blumen, Kerzen, Insekten, Nahrungsmittel zu strapazieren.

Der Begriff der Inszenierung kommt aus dem Theater, und in der Tat überkommt einen in der Galerie das Gefühl, eine Bühne zu betreten. Die gesamte frontale Breitseite wird von einem sieben mal vier Meter großen Vanitas-Stillleben überspannt. Kein Werk eines bildenden Künstlers, sondern der studierten Theatermalerin Lena Kemmler und Teil ihrer Diplomarbeit: »Fleisch und Körper: Ekelstrategien in der bildenden Kunst«. Die Kenntnis von diesem Thema degradiert den ersten Eindruck eines »schönen« Stilllebens schnell zur Illusion und führt alsbald zur eigentlichen Aussage von »Vanitas« – Schein, Nichtigkeit, leeres Gerede, Vergeblichkeit«. Nicht a priori auf die Kunstwerke, sondern auf die Ausstellung bezogen, die von einem vor allem barocken Denkmodell des Bewusstmachens der Unumgänglichkeit irdischer Vergänglichkeit und Veränderung erzählt. Keine romantische Ewigkeitssehnsucht, sondern die pure Erkenntnis, dass alles im Werden und Sterben begriffen und kein Zustand von Dauer sei. Organisches Dasein vergeht.

Wendet man sich von Kemmlers überdimensioniertem Streifzug durch die Landschaft des Körperinneren ab, steht man vor der nächsten Inszenierung. Diese ist real, und ihre Vergänglichkeit nahezu minutiös nachvollziehbar. Durch das große Galeriefenster blickt man über die Straße auf eine Brache. Dahinter auf eine sanierte barocke Fassadenreihe mit einer hilflosen modernistischen Interimslösung, flankiert von der monumentalen glatten Rückansicht des Polizeipräsidiums, an dem nur ein kleines Giebeltürmchen auf die ursprüngliche Entstehung des Gebäudes um 1900 zu verweisen scheint. Auf diesen Architekturmix der Jahrhunderte, auf das werdende und vergängliche urbane Chaos, nimmt Marten Schech mit seiner Arbeit »Kartierungen« bezug. Neben dem Fenster sind zwei kleine Bildschirme montiert, auf denen Fotos handgezeichneter Aufrisse von Ruinen zu sehen sind, mit farbigen digital hinzugefügten Linien macht der Künstler die Bauabfolgen an den Gebäuden sichtbar und den Grundkörper der Häuser ablesbar.

Ein weiteres Vanitassymbol ist der Totenschädel, und auch diesen findet man nicht in der Ausstellung. Die Künstlerin Susan Donath adaptiert und abstrahiert dieses Motiv, indem sie einen Zinksarg an die Wand montiert. Der Sarg wurde nicht für das Begräbnis und die vermeintliche Ewigkeit gefertigt, sondern für den Transport über Ländergrenzen. Außer in Italien sind solche Särge für die Zollkontrolle mit einem Sichtfenster ausgestattet. Solch einen für den italienischen Markt gefertigten Sarg präsentiert die Künstlerin und konterkariert die katholische Befindlichkeit, indem sie den Deckel neben dem Sarg an die Wand lehnt und somit das größtmögliche Sichtfenster offeriert.

Weitere Werke von Susan Donath sind ein am Boden liegendes Kreuz, bei naher Betrachtung zeigt es sich überwuchert von organischen Formen. Schnell und permanent verändert die Natur die Welt. Weiterhin stellt sie die Arbeit »1,83 qm« aus. Mit rotem Kuli auf großer Fläche erzeugt sie, wie viele selbst schon in langweiligem Schulunterricht erprobt und erkritzelt haben, eine Veränderung der Materialität mit Assoziationen zur menschlichen Haut. So sind auch Titel und Maße der Arbeit den körperlichen Merkmalen der Künstlerin entlehnt – da alles im Wandel begriffen ist, sind beide möglicherweise nicht mehr aktuell. Korrespondierend zu dieser Arbeit steht Marten Schechs kleine Fachwerkskulptur. Dieser fehlt quasi »Donaths Außenhaut«, zu sehen ist ein architektonisches Skelett. Das frei sichtbare Fachwerk ist kein dekoratives Sichtfachwerk, sondern nur für die Statik des Gebäudes verantwortlich und wird normalerweise von einer Außenhülle verdeckt. Die Statik des Ausstellungsraumes kann zumindest während »Vanitas« nicht ins Wanken geraten, der Künstler Marten Schech hat sie durch ein großes Stützgerüst in der Raummitte gesichert.

Da wären noch Diagonalbeziehungen, farbliche Abstimmungen, stoffliche Logiken und vieles mehr bei Stephanie Kelly zu entdecken. Wie gesagt: Vanitas ist eine kleine kuratorische Meisterleistung.
Patrick-Daniel Baer

»Vanitas« Susan Donath, Lena Kemmler, Marten Schech
bis 20. Januar 2018
. Galerie Stephanie Kelly Landhausstraße 8
www.stephaniekelly.de