Rupfen in fremden Gärten

Eric Keller und Michael Klipphahn im Kunztraum Dresden

oben: Michael Klipphahn: »Jeans«, unten: Eric Keller: »Aula«

Vorab: Die Ausstellung von Eric Keller und Michael Klipphahn ist großartig. Auch wenn der Titel »Rupfen in fremden Gärten« einen leichten Beigeschmack hat. Beide Künstler, einst von Dresdner Galerien vertreten, haben sich - der aktuell schwierigen Dresdner Ausstellungssituation geschuldet - mittlerweile Galerien in Frankfurt und Berlin gesucht. Das seit Jahren klaffende Loch in der Dresdner Galerienlandschaft wurde kürzlich durch die Schließung von Sybille Nütt noch vergrößert. Und so wird es für hiesige Künstler zunehmend schwerer, am Ort ihrer Ausbildung, ihres Wirkens und Arbeitens, Projektionsflächen zu finden.

Gott sei Dank gibt es eine Handvoll »fremder Gärten«, privates bürgerliches Engagement, zum Beispiel Ulrike Lerchl mit der Agentur Oberüber Karger oder den Architekten Jens Heinrich Zander mit seinem Kunztraum, die dem entgegenwirken und den übersichtlichen Ausstellungskalender mit regelmäßigen Terminen füllen. Auch selbstverwaltete Räume wie Stephanie Kelly und Ursula Walter oder von Künstlern organisierte Ausstellungen wie kürzlich »Liebelei« im Club objekt klein a bieten dem hiesigen Kunstpublikum ernsthafte und abwechslungsreiche Ausstellungen und Konzepte. Dennoch bleibt festzuhalten: Die Dresdner zeitgenössische Kunstlandschaft ist verletzt und bedarf dringender Pflege.

Verletzlichkeit ist auch die Vokabel, die sich mir beim Betrachten der Arbeiten von Michael Klipphahn in der aktuellen Ausstellung aufdrängt. Der Künstler versteht sein Handwerk. Virtuos zaubert er mit dem Pinsel Bilder eines Realismus, erst beim Nähertreten wird klar, dass man nicht vor einer Fotografie steht. Doch wie gesagt, das ist Handwerk. Die künstlerische Qualität, das Erlebnis für den Betrachter, ist Klipphahns Spiel mit Wahrnehmung und Wirklichkeit, das ungewöhnliche Motiv mit dem rätselhaften Bildausschnitt, welches der Künstler wählt. Der »Taucher« ist kein Schwimmer, der stolz erhobenen Hauptes aus dem Wasser steigt, man sieht ihm nicht einmal die Anstrengung nach einer sportlichen Leistung an. Der junge Mann hält den Kopf gesenkt, die Augen nahezu geschlossen, als ob er versucht, sich heimlich wegzustehlen, ungesehen und unerkannt zu sein. Das »verhindert« Michael Klipphahn, indem er schonungslos Kopf und Brust im Bild festhält, den Oberkörper noch ins Rampenlicht setzt.

Im vorderen Ausstellungsraum zeigt Michael Klipphahn eine neue Bildserie. Öl auf Fotografie, mit kleinen Comicfiguren und Cartoonverweisen noch um eine weitere für Klipphahn neue Bildkomponente ergänzt. In »Agave 2« scheint der Künstler sein Ölbild »Agave« auseinandergerupft zu haben. Aus dem schützenden Hartlaub dieser verletzten Pflanze springen behände zwei kleine Comicfiguren, als ob sie im ornamental floralen Dschungel des fotografischen Bildträgers ein neues Versteck suchen. »Jeans« zeigt als fotografischen Bildgrund einen Hosenstapel, darauf wurde die Rückansicht eines jungen Menschen gemalt. Hoher Hals, wohlgeformter Kopf – die Kombination mit dem Jeanshaufen lässt ein Model vermuten. Aber warum ist dieses so modeluntypisch abgewendet dargestellt? Warum in Schwarzweiß gemalt? Und ist der cartoonesk gestreckte Finger ein Fingerzeig? Worauf? Immer neue Fragen tauchen auf, das Betrachten wird gewiss nicht langweilig.

Auch bei Eric Kellers Arbeiten wird der Rezipient zum eigentlichen Erzähler der Bilder. Die Motive und dargestellten Situationen erinnert der Künstler, befreit sie jedoch während des Malprozesses von sämtlichem autobiografischen Ballast. In den gemalten Landschaften und Räumen finden sich kaum noch narrative Verweise. Gerade mal ein Stuhl oder Schatten künden davon, dass der Raum eine Geschichte hatte oder haben wird. Eric Keller inszeniert seine Innen- und Außenräume mit  malerischer Distanziertheit durch bewusst gewählte Fragmentierung und Verknappung zu atmosphärischen Bühnen. Trotz ihrer Leere wirken diese mit nahezu homogener Farbpalette dargestellten Orte und Konstellationen merkwürdig vertraut, eigene zwischen Melancholie und Schwermut abgespeicherte Erlebnisse tauchen aus der Erinnerung auf. Selbst Nichtdresdnern könnte beim Bild »Loschwitz« der Gedanke kommen, schon einmal an diesem Fluss gestanden oder gesessen zu haben. An diesem Ort, in dieser Situation des gemeinsamen Schweigens.

Doch das eigentliche Faszinosum bei Eric Kellers Arbeiten ist dessen Umgang mit Farbe und Fläche. Nicht nur, dass der Maler die einzelnen Bildflächen durch geschickt eingesetzte harte Geometrien begrenzt und den Blick des Betrachters somit steuert. Nicht nur, dass der Künstler mit denselben herbstlich spröden Farbtönen einerseits im Bild »Loschwitz« den Himmel und andererseits beim »Kleinen Interieur« eine Wand in jeweils voll differenzierter Stofflichkeit malt. Jedes einzelne Bodensegment des Bildes »Aula« liest sich durch die scheinbar dutzendfach aufgebrachten Farbschichten und Lasuren mit all ihren Transparenzen, Übermalungen und farblichen Dissonanzen, ihren Störstellen und Verwerfungen, in dem Spiel zwischen Schärfe und Unschärfe und der sich aufdrängenden Frage, warum Passagen aus dem Bild entfernt oder stehengelassen werden, spannend wie ein Krimi.
Patrick-Daniel Baer
 
»Rupfen in fremden Gärten« – Eric Keller und Michael Klipphahn

3. November bis 7. Dezember 2017
Kunztraum Dresden, Gutschmidstraße 7, 01097 Dresden
Geöffnet jeweils donnerstags (in Anwesenheit der Künstler) oder nach Vereinbarung (0351/26717630 und info@zanderarchitekten.de)
www.mklipphahn.de
www.erickeller.net