Winnie Seifert und David Morgenstern sagen Danke

Preisträger des Hegenbarth-Stipendiums stellen in der Neuen Galerie aus

Das Hegenbarth-Stipendium hat mit Winnie Seifert und David Morgenstern, den Preisträgern des Jahres 2016, stolz seine zwanzigste Runde erreicht. Seifert und Morgenstern stellen die Ergebnisse ihres Arbeitsstipendiums derzeit in der Neuen Galerie der Städtischen Galerie Dresden vor.

Doch haben die Künstler heute noch etwas mit dem Namensgeber dieses Preises für Meisterschüler an der HfBK Dresden gemein? Josef Hegenbarth (1884-1962), Student und Professor an der Dresdner Kunstakademie, ausgezeichnet mit dem Nationalpreis der DDR und außerordentliches Mitglied der Akademie der Künste Berlin, dessen Werk in seinem 1921 erworbenen Wohnhaus auf der Calberlastraße 2 durch das Kupferstichkabinett Dresden archiviert und präsentiert wird, war vor allem eins: ein begnadeter Beobachter der Menschen und ihres Alltags.

Für Seifert und Morgenstern haben Menschen und ihr Alltag keine besondere Bedeutung für ihr künstlerisches Schaffen. Ein erster Blick in die Ausstellung kann folglich auch keine Beziehung zwischen Winnie Seiferts sanften »Farbschwaden« oder David Morgensterns abstrakten Formen und den Zeichnungen und Malereien Josef Hegenbarths herstellen. Außer vielleicht, schenkt man dem Moment der Flüchtigkeit Beachtung.

Winnie Seiferts überlegt komponierte Malereien, vor allem die großformatigen, wirken zunächst wie zufällige Konstellationen, ganz so, als ob, nur wenige Minuten später als Bild begonnen, ein ganz anderes Ergebnis vorliegen könnte. Bei Hegenbarth wäre die Frau mit Hut aus dem Bildausschnitt verschwunden, die Straßenbahn weggefahren – jede eingefangene Szene anders. In Winnie Seiferts Arbeiten manifestiert sich diese Auswirkung von Flüchtigkeit nicht nur auf der Leinwand selbst. Auch der Betrachter wird mit seinem flüchtigen Blick Minuten später an selber Stelle ein anderes Bild wahrnehmen. Seiferts Striche, Flecken, Kleckse schwirren rastlos über die Leinwand (vor allem bei »Champainting«, 2018), ändern gefühlt sogar ihre Rotationsrichtung, kehrt man als Betrachter zum Bild zurück. Die dezent eingesetzte, vorsichtig auf Konfrontation und Kontraste verzichtende Farbpalette der Bilder spielt mit den physikalischen Gesetzen und lässt den Betrachter ständig zweifeln, ob er nun gelbe, blaue oder grüne Bilddetails vor sich hat. Seifert ist Malerin, doch ihr Formenvokabular entstammt der Zeichnung. Sie arbeitet mit Strichen, Schwüngen, Punkten. Das Stehengebliebene im Bild ist die Bindeform, es geht nicht primär um Störfaktoren, sondern wann und wie sie neben- und miteinander funktionieren. Das Zufällige wird aus dem Bild eliminiert. Und hier haben wir, ohne dass dies überhaupt beabsichtigt wurde, eine Verbindung zu Hegenbarth. Dessen Biograph Fritz Löffler schrieb über Hegenbarth: »Als Zeichner malend und als Maler zeichnend«. Beide Facetten zeigt Winnie Seifert mit unglaublicher Selbstverständlichkeit auf ihren Leinwänden.

Auch David Morgenstern arbeitet mit dem flüchtigen Moment. Anders als Winnie Seifert. Das zuerst Wahrgenommene seiner Arbeiten ist weit entfernt von jedweder Flüchtigkeit. Es geht um die Form, und diese resultiert in Morgensterns Arbeiten aus einem Prozess, der mit der Skizze beginnt und auf der Leinwand oder im Objekt mit einer starren, festen Form endet. Das Eingeschlossene, Umrissene, Kontrastierte der Form ist das verbindende flüchtige Moment, das Gegenständliche selbst wurde schnell weggewischt, das Übriggelassene jedoch mit Bitumen und Harz für die Ewigkeit eingefroren. Und wenn sich Löfflers Zitat über Hegenbarth auf Seiffert eins zu eins übertagen lässt, so muss man es für Morgenstern nur übersetzen: »Als Bildhauer malend und als Maler dreidimensional denkend«. Die beiden Skulpturen »Torso I + II« sind ein Fest für das Auge. Die Stammholzdoggen haben gestisch bearbeitete, lebendige Oberflächen. Im Gegensatz dazu erscheint die Draufsicht nüchtern reduziert und jeweils durch einen eingelegten roten Schamottsteinen klar formuliert. Blickt man von diesen Objekten zur Serie »Spanisches Pferd«, so lässt sich bei Morgenstern dieselbe künstlerische Herangehensweise an Skulptur wie Malerei erkennen. Und hier zeigt sich, dass Morgenstern Meisterschüler bei Christian Sery ist. Einem konzept- und raumgreifenden Installationskünstler, dessen Seele aber der Malerei verschrieben scheint.

Diese Preisträgerausstellung in der Neuen Galerie ist eine kleine, nur zwölf Werke umfassende Schau. Aber bitte bringen Sie Zeit mit: erst wenn Sie mehrmals hin- und hergegangen sind, die Richtungen und Perspektiven geändert haben, werden Sie im Eigentlichen verstehen, dass nichts ist, wie es scheint, sondern mehr ist, als Sie im Moment sehen.
Patrick-Daniel Baer

Preisträger des Hegenbarth-Stipendiums der Dresdner Stiftung Kunst und Kultur

bis 15. April 2018, Städtische Galerie Dresden, Wilsdruffer Straße 2
www.winnie-seifert.de
www.davidmorgenstern.de