Wo Klipphahn draufsteht …

"Phantom Fan" in der Goldenen Pforte

Als Alternative zu den wenigen aktiven und professionellen Dresdner Galerien bieten seit geraumer Zeit Agenturen, Privatsammler, engagierte Künstler, sogar Clubs u.a. der hiesigen jungen Kunstszene Ausstellungsmöglichkeiten. Michael Klipphahn konnte in jüngster Zeit bereits mehrfach seine Werke an solchen Orten präsentieren. Am klassischsten (mit kleinen Gemälden) zeigte er sich in der Ausstellung »Liebelei« im Club objekt klein a, am erhabensten (mit einer Armada an Nofretete-Büsten) bei Oberüber Karger und am frischesten (mit Fotocollagen) im Kunztraum Dresden. Wer jetzt meint, er habe bereits alles von Michael Klipphahn – dem Meister des Pop und handwerklich virtuosen Maler, der souverän mit der Rätselhaftigkeit extravagant gewählter Bildausschnitte arbeitet – gesehen, der sollte unbedingt noch in die aktuelle Ausstellung »Phantom Fan« in der Goldenen Pforte an der Martin-Luther-Straße kommen.
Die Crew um André Wandslebe hat in den knapp zwei Jahren des Bestehens der kleinen »Goldenen Pforte« diese zu einem Experimentierfeld entwickelt und überraschende Ausstellungen u.a. mit Falk Töpfer, Frank Zitzmann, Susan Donath und Silvio Zesch veranstaltet.

Nein, man jagt keinem Phantom hinterher, wenn man derzeit die Ausstellung »Phantom Fan« im Projektraum des Designbüros pingundpong betritt – denn wo Klipphahn draufsteht, ist definitiv auch Klipphahn drin, auch wenn dieser die Pforte ebenfalls als Experimentierbühne begreift und hier, für den Künstler ungewöhnlich, kein gemaltes Bild an den Wänden zu finden ist.

Betritt man den Showroom, fällt das Augenmerk auf »Nancy«, eine neongelbe auf einem Sockel präsentierte Bomberjacke, in all ihrer Lautheit vermeintliches Herzstück der Ausstellung. Im medizinischen Sinn bedeutet Phantom auch nachgebildeter Körper, bzw. Körperteil. Doch Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt der Präsentation ist die eher unscheinbare Computergrafik einer Skulptur aus dem 19. Jahrhundert – »Ugolino und seine Söhne« von Jean-Baptiste Carpeaux. Michael Klipphahn ist durch die Lektüre von Dantes Göttlicher Komödie auf die Figur des Grafen Ugolino gestoßen, der aufgrund seiner Papsttreue im 13. Jahrhundert mit seinen Kindern und Enkeln in einen Turm gesperrt wurde und der Legende nach seine Nachkommen aufgegessen hat, um zu überleben. Mit dieser Geschichte im Kopf könnte man die überall im Ausstellungsraum platzierten, durch Farblacke versteiften Jacken als Verweise auf die toten Kinder lesen. Doch Klipphahn wäre nicht Klipphahn, wenn er derart einfache Interpretationen vorgäbe. Der Künstler spielt provokativ mit den Erwartungen der Betrachter.

Auch Jean-Baptiste Carpeaux, französischer Bildhauer im 19. Jahrhundert und Schöpfer der Ugolino-Skulptur, deren Bronzeguss derzeit im Petit Musee in Paris steht, provozierte mit ebendieser Figurengruppe. Carpeaux erhielt Mitte des 19. Jahrhunderts ein Stipendium an der Villa Medici, mit der Vorgabe, einen Entwurf nach einem biblischen Thema für eine freistehende Figur zu schaffen. Der Bildhauer hingegen kam mit einem Gipsmodell, einer Interpretation von Dantes 33. Höllengesang in Form einer Skulptur aus fünf Figuren, zurück. Das wertete die französische Akademie als Affront und verweigerte dem Künstler zunächst den staatlichen Auftrag für einen Bronzeabguss. Bei seinen Recherchen fand Michael Klipphahn das Gipsmodell im Metropolitan Museum of Art in New York. Das Met hatte, wie heute in großen Museen üblich, einen 3D-Scan des Ugolino als Sicherung erstellt und schickte diesen auf Anfrage an Klipphahn. Der Künstler ließ diesen Scan so bearbeiten, dass die Skulptur wie in Marmor gehauen aussieht. Das New Yorker Museum nahm die Marmorversion des Scans dankend zurück. Das gefakte Marmormotiv zieht sich durch die Ausstellung, die gerenderten Computergrafiken zeigen Details eines marmornen Ugolino, den es so nicht gibt, die versteiften Jacken sind auf »Marmorsockeln«, deren Oberflächen auf den zweiten Blick als Baumarkt-Kunststoffe enttarnt werden, drapiert. Auch hier bricht Klipphahn mit den Erwartungen und dem Fake, hat er doch einmal echten Marmor aufgestellt.

Einigen der mit Vornamen betitelten Jacken wurden noch leere Champagnerflaschen beigestellt, so dass die Ausstellungschoreografie scheinbar auf eine wild ausgeartete Party am Vorabend verweist, deren Protagonisten sich ähnlich wie die Kinder am Ugolino aneinander klammern und nicht voneinander lösen konnten. Doch das ist wie ein Phantom nur reine Fantasie, finden sich ansonsten doch keine Verweise exzessiven Feierns im Raum. Und der teure Champagner ist eher untypisch für Dresdner Künstlerpartys.

Eine Besucherin übersetzte am Eröffnungsabend das Wort veuve auf dem Flaschenetikett mit Witwe, interpretierte die Sockel als Grabsteine und die Jacken als Geister. So oder so, Michael Klipphahns Ausstellung liest sich in ihrem Zusammenhang spannend wie ein Krimi. Die einzelnen Ausstellungsstücke hingegen in ihrer irritierenden Ausschnitthaftigkeit wie ein typisches Gemälde von Klipphahn. Wie gesagt, wo Klipphahn draufsteht, ist auch Klipphahn drin.
Patrick-Daniel Baer

Michael Klipphahn: Phantom Fan
bis 15. Februar 2018
Goldene Pforte, Martin-Luther-Straße 15, 01099 Dresden
geöffnet freitags von 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung