

Mauerbilder von Christian Borchert im Goethe-Institut
Zwei Männer tippen mit dem Daumen auf die Nasenspitze, spreizen die Hände im »Ätsch« gegen den Fotografen. Neben den beiden Männern stehen noch andere Leute, einige mit dunklen Brillen, alle auf einer erhöhten Plattform. Zwischen der Gruppe und dem Fotografen liegen nur wenige Meter und die Mauer in Berlin. Westhäme für den Ostmann im August 1967.
Die Fotografie stammt von Christian Borchert und wird vom Kunstfonds der Staatlichen Kunstsammlungen in Kooperation mit dem Goethe-Institut daselbst in einer Ausstellung präsentiert. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1963 und 1990.
Diese Zeitspanne ist bezeichnend für Borcherts Arbeitsweise. Seine Projekte dauerten immer lange, ob es die Dokumentationen des Wiederaufbaus der Dresdner Semperoper wie der Stadt waren, das Buch Victor Klemperer. Ein Leben in Bildern (Mitarbeit am Film über Klemperer) oder Flug über Dresden, wo er aus über 50 km Film die prägnantesten Bilder auswählte und in einem fulminanten Band zusammenfasste. Ebenso die Familienporträts, aufgenommen zu DDR-Zeiten. Nach 1989, zehn und mehr Jahre später, suchte er die gleichen Familien wieder auf, machte erneut Fotos von ihnen in ihrer Wohnung. Raffiniert, er tat so, als ob er fotografiere, das Klicken des Auslösers und seine freundliche Bemühtheit waren nur ein Ablenkungsmanöver. Sagte er geschafft, legten die Personen ihre Verkrampfung aus Scheu vor der Kamera ab. Noch ein, zwei Aufnahmen zur Sicherheit, meinte er beiläufig – so entstanden die prägnanten Porträts. »Es wäre furchtbar, wenn alles Verbrüderung wäre; Distanzlosigkeit würde Flachheit bedeuten. Distanz heißt nicht Fremdheit, sondern Würde.« Borchert kannte den berühmten einmaligen Augenblick des Reportagefotografen, aber auch, dass man diesem Glücksfall durch Stetigkeit, Wachheit und Ausdauer nahe kommen kann. Sonst gäbe es auch die Mauerbilder nicht.
Borchert wurde 1942 in Dresden geboren. Nach der Fotografenlehre war er von 1970 an fünf Jahre Reportagefotograf für die Neue Berliner Illustrierte. Er absolvierte ein Studium und arbeitete ab 1975 freischaffend in Berlin. 2000 starb er bei einem Badeunfall. Sein nachgelassenes Werk befindet sich in der Deutschen Fotothek: 230.000 Negative, 10.000 Abzüge, 3.000 Dias.
Die Mauerbilder sind aus der Nähe aufgenommen. Sein Talent, den Desinteressierten zu spielen und seine kleinste Kamera in der Hand zu verstecken, vorausgesetzt, ist es trotzdem rätselhaft, wie er so nahe an die Grenzanlage herankam, wo fotografieren strengstens verboten war. »Selbstbetrug aber kann einsetzen, wenn man eine Sache von weitem betrachtet und als Fotograf glaubt, man sähe dadurch klarer.« Offensichtlich ist, dass die Fotos von West nach Ost bei einem Besuch in Westberlin entstanden. Ein Reiz der Ausstellung besteht auch darin, dass sie zeigt, wie ein Mann der Dokumentation des Sozialen von beiden Seiten aus den Wall sah.
Das Laute und Spektakuläre war Borchert suspekt, da machte er sich ins Nebenseitige davon. Und so fand er, wie zwei Volkspolizisten auf ihren Motorrädern, vorbei an der Mauer mit ausgebrochenem Segment, Streife fahren; auf dem Boden liegen Fäustel und Stemmeisen neben einem Zettel: 30 Minuten 5 DM 3 $.
Borchert wurde in Aneignung großer deutscher Fotografietradition selbst stilbildend. Er griff, dem Dokumentarischen verpflichtet, nie arrangierend ein. In seinen Bildern treffen sich das Spontane des Augenblickes und die Souveränität der Gestaltung. In Vom Park Babelsberg (1963) füllt ein Maschendrahtzaun das Format, dahinter liegt eine friedliche Landschaft. In der Bildästhetik genial, in der Aussage mitten ins Herz. »Was mich an der Fotografie interessiert, ist, eine Mitteilung zu machen. Aber die wünsche ich mir gerecht, genau und ohne Übertreibung und Effekte, eben ›entsprechend‹, so dass andere – jetzt oder später oder an fremden Orten – sich eine Vorstellung machen können von Situationen und Verhältnissen. Es ist Fotografie gegen das Verschwinden.«
Jacob Richard
Christian Borchert: Mauerbilder bis 6. Februar 2010, Goethe-Institut