

Franz Hohler als bekennender Fußläufer
Der Zürcher Franz Hohler, geboren 1943, bekannt als Autor grotesken Humors, geht zwischen 12.3.2010 und 4.3.2011 spazieren, einmal jede Woche, schreibt darüber und wirkt dabei gar nicht grotesk. So kommen 52 Texte zusammen, keiner länger als drei Buchseiten, oft nur zwei. Aber der Begriff »Spaziergang« ist dehnbar. Sehr oft wird auf hohe Berge gewandert, einmal zu IKEA im Speckgürtel von Zürich, einmal zur Operation in die Klinik und einmal zwischen den heimischen Bücherregalen hin und her gelaufen. Nur eines ist gewiss, auch wenn zwischenzeitlich Bus, S-Bahn, Tram und Schweizerische Bundesbahn gefahren, sogar geschwommen und geflogen wird, die Fortbewegungsart, um die es Hohler geht, ist das Gehen. Von den insgesamt 52 Gehstrecken werden 20 in, um und nahe bei Zürich absolviert. Andere führen nach Luzern, Basel, Baden und Olten, ins Bündner Oberland, Appenzeller Land und Tessin, nach Graubünden, Ligurien, Kanada, Korea und nach Frankfurt am Main zur Buchmesse. Gelegentlich darf der Leser überlegen, was »Nielen« und »Fünfliber« sind, was eine »Krete«, was »trotzig« und wer Ina Bindschedler ist oder sich daran erfreuen, wenn »schlitteln« erwähnt wird, was er als »rodeln« kennt. Herausragend, hier auch ein bisschen grotesk, erzählt Franz Hohler in »Weinstraße«, wie er in seinem Rucksack »die gesammelten Flaschenkorken der letzten Jahre« zur »Korkzapfen«-Sammelstelle trägt. Über das Gesamtgewicht aller und das Einzelgewicht eines Korken errechnet er, dass er »die Überreste von etwa 800 getrunkenen Flaschen« auf seinem Rücken hat, gedenkt »umnebelt … vom leicht säuerlichen Geruch eines ganzen Weinkellers« der geselligen Anlässe, an denen all das getrunken worden ist, wünscht bei Abgabe den Korken, die er »vor der Verbrennung im Kehrichtwerk bewahrt habe, viel Spaß bei ihrem zweiten Leben als Matten und Unterlagen«, trinkt eine Apfelschorle, denn: »Wein gibt es erst am Abend.« Sehr schön gelingen ihm die Berichte über jene vier Spaziergänge, die er von seinem Haus aus ohne konkretes Ziel, einzig zur Erkundung der Himmelsrichtungen unternimmt, dabei »stets auf Bauchnabelhöhe« einen Kompass vor sich hertragend und schlussendlich feststellend, wohin ihn die Nadel zu seiner eigenen Überraschung erkenntnisreich führt. »... als ich kurz vor der Ortstafel 'Kilchberg' zwei Feigen von einem Busch pflücke, der auf das Trottoir ragt, weiß ich, dass ich im Süden angekommen bin.« Gelegentlich fragt man sich, wozu das eigentlich gut sein soll, zu lesen, was ein Schweizer beim Gehen entdeckt, bis man plötzlich bemerkt, wie anders es sich nach der Lektüre dieses Buches geht.
Dülstweef
Franz Hohler: Spaziergänge Luchterhand Literaturverlag, München 2012, 18,99 Euro