Der gesamte Mount Everest

Ein opulentes Boxset mit Songs aus Rio Reisers Nachlass

Das Max & Moritz also, ein Alterbliner Wirtshaus in der Kreuzberger Oranienstraße, welches sich heute auf der eigenen Website als Kulturkneipe mit „deutscher Küche“ präsentiert und seines weltoffenen Geistes „in einer familiären Atmosphäre“ rühmt. Während der verflixten Mauerjahre ist dies das Stammlokal der Gebrüder Ralph und Gert Möbius gewesen, in einem der Häuser gegenüber auf der anderen Straßenseite hatten die beiden vorübergehend ein Wohndomizil belegt. Ralph Möbius sollte als Sänger der Westberliner Rockformation Ton Steine Scherben und Soloartist Rio Reiser in die Geschichte eingehen. Gert Möbius, Theaterstückeschreiber und Drehbuchautor, verwaltet seit Rios Tod im August 1996 dessen Nachlass. In eben dieser Angelegenheit hatte er zur Pressekonferenz ins Max & Moritz geladen. Der Anlass, die Veröffentlichung eines Boxsets mit sensationellen dreihundertfünfzig Rio-Songs auf sechzehn CDs, Gesamtlaufzeit mehr als sechzehn Stunden. Nicht umsonst heißt das Konvolut „Black Box“, denn nahezu sämtliches Material ist bislang unveröffentlicht.

Das Reden überlässt Gert Möbius meistenteils Lutz Kerschowski. Der prominente DDR-Rocker bestritt mit seiner nach ihm benannten Band das Vorprogramm der Rio Reiser-Konzerte 1988 in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle. Von damals blieb eine enge Freundschaft bestehen, nach der Wende trat Lutz Kerschowski Rio Reisers Tourbesetzung bei und wurde schließlich von Gert Möbius zum Kurator des musikalischen Erbes berufen. Seiner Hartnäckigkeit ist es zu danken, dass die „Black Box“ überhaupt erscheinen konnte.

Schon das Zusammentragen sämtlicher noch verfügbarer Aufnahmen sollte sich als problematisch erweisen. Lange war völlig unklar, welche Aufnahmen überhaupt vorhanden sind. Kenntnis hatten manchmal nur jeweils beteiligte Musiker, die Auftraggeber oder lediglich Rio selbst, niemand sonst. Ein Großteil der Tonbänder lagerte bei Rios langjährigen Gitarrenweggefährten Lanrue, der zwischenzeitlich nach Portugal gezogen war. Jeder Tonbandtyp machte die Bereitstellung der entsprechenden Bandmaschine erforderlich. Zweispurbänder laufen nur auf Zweispurmaschinen, bei Vierspur- oder Achtspurbändern gilt dasselbe. Echte Schwierigkeiten bereitete ein Sechzehnspurformat, für das ein ganz bestimmtes und selbstverständlich längst nicht mehr gebräuchliches Gerätemodell der Firma Akai aufgetrieben sein wollte.

Die eigentliche Herausforderung aber war das Präparieren der Tonbänder für ein erneutes Abspielen nach so langer Lagerzeit. Die mehr als eintausend Tonbandspulen teils noch aus den Sechzigern, mussten abgewickelt, in einer Speziallauge gereinigt, getrocknet, wieder aufgewickelt und im Anschluss buchstäblich im Backofen einem kniffeligen Aufbackprozess unterzogen werden, damit sich die Magnetschicht wieder stabil mit dem Trägermaterial verbindet und nicht beim ersten Abspielversuch beides ruiniert ist, die Tonköpfe der Bandgeräte und die Aufnahmen.

Lutz Kerschowskis schildert jedes Detail ausführlich, damit deutlich wird, „warum das so lange gedauert hat“. Zwanzig Jahre, um genau zu sein, und von Erfolg gekrönt war das Unterfangen letzten Endes nur deshalb, weil irgendwann Computerfestplatten mit Speicherkapazitäten ab einem Terrabyte zur Verfügung standen. Erst damit ließ sich die komplette Songhinterlassenschaft übersichtlich ordnen und für einen schnellen Zugriff ablegen.

Jetzt, wo es vollbracht ist, stellt sich die Frage, weshalb die viele Mühe? An wen wendet sich die „Black Box“?! „An mich“, entgegnet Lutz Kerschowski keck. Als sie sich kennenlernten, verrät er, saß „ich „häufig bei Rio zu Hause im Wohnzimmer und schaute auf ein Wandregal voller Demokassetten. Manchmal hat er mir was überspielt, aber ich dachte immer, dass ich das gern alles hätte.“ Sein Wunsch wird verständlich, wenn man jetzt sieht, welche Kostbarkeiten das unveröffentlichte Tonbandarchiv enthielt. Frühe Home Recordings im Bob Dylan-Stil mit Wanderharfe, Mundharmonika und englischen Songtexten zum Beispiel. Die ersten professionellen Studioeinspielungen für den westdeutschen Schlagermogul Peter Meisel. Darüber hinaus Film- und Fernsehproduktionen, Theatermusiken, Kompositionen für Revueprogramme, Musicals oder die Stadtoper „Wasser des Lebens“ nach Texten von Gert Möbius.

Einzige Überschneidung sind die Kinderlieder, die es unter dem Titel „Rio singt Lieder von kleinen und großen Vorstadttigern“ bereits als Einzel-CD gab, jetzt aber auch Bestandteil der „Black Box“ sind. Damit „sich das nicht so verplempert“, erläutert Lutz Kerschowski. „Relativ schnell war klar, dass die verschiedenen Projekte auf separaten Veröffentlichungen weniger interessant sind als einmal der ganze Mount Everest hingestellt. Man soll auch einfach staunen, was es alles gibt. Manches klingt nach Schlagerschnulze, anderes nach Hans Albers. Auf Hardrock folgen Balladen oder psychedelische Klänge. Sowohl Ton Steine Scherben als auch Rio Reiser wollten auf gar keinen Fall bei diesen Genrequatsch mitmachen. Aus allem, was geeignet erschien, zogen sie das Beste und bedienten die Stile auch nicht bloß als Klischee, sondern mit Witz und eigenen Ideen.“

Anders ausgedrückt, erst in geballter Form entwickelt Rio Reisers Musiknachlass seine volle Wucht und zeigt, dass er nicht nur der Politrocker hinter Ton Steine Scherben-Songs wie „Macht kaputt was euch kaputt macht“ gewesen ist und mehr war als der Popstar aus „König von Deutschland“ oder „Junimond“. Dazwischen lag ein weites Feld, und genau aus diese Vielfalt heraus konnte der bedeutende Songpoet deutscher Sprache, den wir kennen und schätzen überhaupt erwachsen. Vollends einleuchten wird einem das beim Hören der „Black Box“ im Kontext mit dem „Gesamtwerk“ der Ton Steine Scherben (13CD/ 8LP-Set mit den regulären Alben, Konzertmitschnitten und Raritäten) und den originalen Soloscheiben zu Lebzeiten (sechs insgesamt, im Vinyl-Format neuerdings alle in einer LP-Box, auf CD als 5er-Set, „Blinder Passagier“ muss leider einzeln erworben werden).
Bernd Gürtler

www.blackboxrioreiser.de

Hintergründe
Bevor Jan Maihorn Orchesterfassungen von Rio Reiser-Songs mit der Thüringer Stüba Philharmonie und Sängerin Anna Mateur Mitte August 2016 auf die Bühne des Alten Schlachthofs in Dresden brachte, war er an der Aufbereitung der Stadtoper „Wasser des Lebens“ beteiligt. Auch er berichtet von einer ungeheuer aufwändigen Prozedur, immerhin mussten provisorische Demoeinspielungen halbwegs anhörbar gemacht werden. Und auch er konnte überraschende Erkenntnisse und Einblicke gewinnen. Rios philharmonisches Werk, erzählt er, sei „einzigartig. Wahnsinn, was da in kürzester Zeit an Klangeindrücken aufgeschrieben wurde. Ich bin fünf, sechs Monate damit beschäftigt gewesen. Erst dachte ich, das geht schneller, weil es nur kurze Stücke sind, wie bei einer Oper üblich. Der größere Teil sind normalerweise Rezitative und Handlung. Dann war das aber doch sehr viel vor allem technische Arbeit. Trotzdem, es hat gelohnt.

„Insgesamt sind das einundzwanzig Songs mit und zehn Stücke ohne Stimme. Was er sich ausgedacht hatte, wie er mit Leitmotiven umgeht, ist sehr unterhaltsam und erfrischend. Rio hatte für die Darsteller Demos angefertigt, damit sie wissen, was wie zu singen ist, und hatte das selbst auf seinem Midi-Klavier eingespielt, einen Orchester-Sampler dran gehängt und davon einen Rough Mix angefertigt. Für den Gesang hatte er mehrere Spuren gelassen, um auch mehrstimmig singen zu können, aber nur eine Stereo oder Mono-Spur für sämtliche Instrumente. Und das hat er immer sehr schnell gemacht. Das heißt, es rauschte, Verspieler sind drin geblieben, und man weiß ja, wie Orchester-Sampler damals klangen. Manchmal gut, meistens aber sehr schlecht. Die Blechbläser und Geigen klangen furchtbar.

„Lutz Kerschowski hatte schon vorgearbeitet und die Midi-Noten, also die Steuersignale an moderne Sampler angeschlossen. Wir sind dann alle Spuren durchgegangen, um zu schauen, wo welche Noten standen, welches Tempo die Tracks hatten. Das wurde überarbeitet und zuletzt Rios Stimme wieder oben drauf gesetzt. Das war preußische Fleißarbeit, wo man einen langen Atem braucht und denkt, wenn man fertig ist, dass man am liebsten noch mal von vorn beginnen würde. Weil, jetzt kennt man das Ding und hat eine Arbeitsweise entwickelt. Aber irgendwann muss man einfach sagen, Schluss jetzt. Entweder man spielt das mit einem richtigen Orchester ganz neu ein, was hervorragend klingen würde. Oder belässt es bei dem, was jetzt vorliegt. Was aber auch mehr als gelungen ist, vor allem im Vergleich zum Ausgangsmaterial.“
Bernd Gürtler