Die Lebensumstände!

Garda und das dritte Album "Odds"

Garda gingen Mitte der Nullerjahre aus demselben Freundeskreis hervor wie A Gentle Lurch, bergen oder das feine, kleine Dresdner Schallplattenlabel K&F Records. Miteinander verbandelt geblieben sind die verschiedenen Unternehmungen bis heute. Wenn jetzt mit "Odds" das dritte Garda-Album erscheint, grenzt das fast an ein Wunder, immerhin zog sich der Entstehungsprozess sechs Jahre hin. Die Lebensumstände ließen leider keine andere Wahl, kann Sänger und Songtextschreiber Kai Lehmann glaubhaft versichern.

Sechs Jahre sind eine lange Zeit.
Geplant war das nicht. Vorgenommen hatten wir uns wie bei den beiden Vorgängeralben "Die, Technique, Die!" beziehungsweise "A Heart Of A Pro" zwei Jahre. Was wir dort schon nicht einhalten konnten. Diesmal ist alles noch viel schwieriger gewesen, fast existenzbedrohend für die Band, würde ich sagen.

Wie das?
Es ist viel passiert in der Zwischenzeit. Einige von uns haben Familienzuwachse bekommen, zwei sind für ein Jahr in die Vereinigten Staaten gegangen, ich bin umgezogen. Mit solchen veränderten Lebensumständen mussten wir klarkommen, nachdem wir zuvor alle in Dresden gelebt hatten und uns täglich sehen konnten. Wenn es ums Proben ging, ließ sich das auf Zuruf organisieren, jetzt musste ich aus Leipzig herkommen.

Hört sich kompliziert an.
Ja, und richtig schwierig wurde es, als wir mit dem dritten Album begannen, vier von uns in Dresden neue Songs schrieben, diese den beiden in den USA schickten und innerhalb der nächsten drei Stunden auf eine Rückmeldung hofften, wie großartig das alles ist. Stattdessen geschah eine Woche gar nichts und dann hieß es, dass diese Songs das Schlimmste wären, was Garda jemals verbrochen hätten! Der Austausch untereinander, die produktive Reibung fehlte einfach. Wurden Songs früher zu zweit oder zu dritt erarbeitet, sind das inzwischen mehr und mehr Einzelleistungen gewesen. Daraus hat sich jede Menge zusätzliches Konfliktpotenzial ergeben. Und dann kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem jeder nur noch unzufrieden ist und einer ausspricht, was alle denken, nämlich, ob man es nicht besser bleiben lassen sollte.

Wenn die Band eine derartige Belastung darstellt, warum schmeißt ihr nicht hin?
Wir sechs Mitglieder der Stammbesetzung kennen uns seit über zwanzig Jahren und werden, egal, was mit der Band geschieht, immer beste Freunde bleiben. Wir wissen, wie in einer Familie, wenn man sich seit Ewigkeiten kennt und vertraut, kann man sich auch richtig gut zoffen. Wie es mit der Band weitergehen sollte, wussten wir noch Ende 2017 nicht genau. Wir haben dann zwei kleinere Konzerte gegeben, eins in Dresden, ein anderes in Chemnitz, unserer alten Heimat. Richtig super lief keins von beiden, das war mehr ein Augen-zu-und-durch. Aber in Chemnitz gab es im Anschluss diesen Moment, in dem allen klar war, ohne, dass jemand irgendwas sagen musste: Das ist es, wir machen weiter. Bis dahin war uns allen wohl nicht bewusst, wie viel uns die Musik bedeutet. Wir arbeiten jetzt sogar schon an Album Nummer vier. Vielleicht wird es in drei Jahren fertig, mal sehen.

Nach außen verrät das Album über die Turbulenzen im Hintergrund rein gar nichts. An der Oberfläche klingen die neun Songs einfach nur schön, kann man nicht anders sagen.
Danke, mittlerweile finden wir auch, dass es schön klingt. Ein Erfolg ist das Album schon, bevor es überhaupt erscheint, weil wir alle damit zufrieden sind, unabhängig davon, was noch kommt. Es würde uns natürlich freuen, wenn es sich gut verkauft, wenn viele Leute zu den Konzerten kommen. Für uns aber ist das Wichtigste, dass alle in der Band happy damit sind.

Das Album heißt ja aber "Odds", was so viel wie Merkwürdigkeiten bedeutet. Welche Merkwürdigkeiten verbergen sich unter der schönen Oberfläche?
Der Albumtitel bezieht sich durchaus auf die schwierige Entstehung, darauf, was uns, aber auch was in der Welt geschehen ist. Dinge, über die man ins Grübeln kommt. Wo man sich fragt, weshalb das nicht mehr funktioniert, obwohl es am Ende doch funktioniert, bloß anders. Es hat sich in den vergangenen sechs Jahren vieles verändert, für uns und um uns herum. Ich will gar nicht ins Detail gehen, wir beziehen uns auf nichts Bestimmtes. Wir denken nicht, dass wir Songs darüber schreiben müssen, weil uns dieses oder jenes stört. Wir erleben gerade eine Reihe von Umbrüchen, die einem irgendwie merkwürdig vorkommen. Aber das brechen wir auf die persönliche, die private Ebene runter.

Warum?
Man muss die Leute nicht immer mit der Nase drauf stoßen, man erreicht auch etwas über Umwege, auf die subtile Art. So haben wir die Band immer gesehen. Nicht als große Welterklärer, wir sind keine politische Band. Wir vertreten alle einen klaren Standpunkt, der tut in der Band aber nichts zur Sache. Für uns als Dresdner Band ist das schwierig. Es wird erwartet, dass man zu bestimmten Themen Stellung bezieht. Jeder von uns vertritt da auch eine eindeutige Position, aber innerhalb der kreativen Prozess spielt das keine Rolle.

Mit anderen Worten: Auf "Odds" werden weder Pegida, noch die AfD, Donald Trump oder rechtsradikale Stimmungsmache direkt angesprochen. Entstanden aber sind die neun Songs sehr wohl unter dem Eindruck von all dem?!
Richtig, die ersten beiden Alben sind reine Beziehungsalben gewesen. Bei "Odds" fließen das erste Mal Einflüsse von außen ein. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird erkennen, was gemeint ist. Und wenn jemand etwas davon mitnimmt und wir ins Gespräch kommen, haben wir auf jeden Fall eine Meinung. Aber wir geben keine Meinung vor. Wenn ich Songtexte schreibe, schreibe ich über etwas, das mich betrifft. Jeder soll seine eigene Geschichte herausfiltern können.

Seinen Reiz bezieht "Odds" auch aus der Beteiligung des Dresdner Kammermusikensembles Tanderas. Wie kam es zu dieser Kooperation?
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr genau. Ich weiß nur noch, dass wir zusätzlich zu dem Cello, das auf dem ersten Album und bei mehreren Songs des zweiten Albums zu hören ist, gern noch mehr Streicherunterstützung haben wollten. Dank einer glücklichen Fügung sind wir an das Ensemble Tanderas gekommen. Seither gehören sie praktisch als Erweiterung zur Band, genau wie die beiden Woods-Of-Birnam-Mitglieder Ludwig Bauer und Uwe Pasora, die für uns Arrangements schreiben beziehungsweise als Produzenten tätig sind. Über die Albumeinspielung hinaus gab es über die Jahre genügend Anlässe, gemeinsam mit Tanderas aufzutreten. Wie bei dem speziellen Abend im Beatpol, als wir sämtliche Stücke im Dreiviertakt gespielt haben. Es ist auch da eine Frage der Organisation. Im Zusammenhang mit "Odds" sind zunächst drei Auftritte in erweiterter Besetzung geplant.

Einer der Auftritte mit Tanderas soll in der Hamburger Elbphilharmonie stattfinden. Das zeugt von Risikobereitschaft. Respekt.
Eine Portion Größenwahn ist dort natürlich dabei. Aber wir denken, dass wir perfekt dorthin passen. Wobei wir im kleinen Saal auftreten. Aber wie gesagt, in den vergangenen sechs Jahren ist einiges passiert, und wir sind nicht präsent gewesen. Es kamen bereits Zweifel auf, ob Garda überhaupt noch existieren. Uns allen war klar, dass wir uns etwas einfallen lassen müssen, wenn wir wahrgenommen werden wollen. Also haben wir uns gesagt: Dann lasst uns das eine Nummer größer angehen und drei Konzerte in erweiterter Besetzung geben, im Beatpol, in Berlin im Funkhaus in der Nalepastraße und das in der Elbphilharmonie. Das wird ein Ritterschlag wie unser allererster Auftritt seinerzeit im Beatpol. Nach wie vor ist es für uns etwas Besonders, im Beatpol aufzutreten.
Bernd Gürtler

Garda 20. Oktober Braunschweig, 23. Oktober Berlin, 24. Oktober Rostock, 26. Oktober Jena, 27. Oktober Karlsruhe
www.gardamusic.com