Doch, das kann Kunst noch leisten

Interview mit Hans-Eckardt Wenzel

Man weiß es längst: Reisen bildet. Jeder Ortswechsel verändert den Blick auf fast alles, unterwegs und zu Hause. Hans-Eckardt Wenzel ist auf Reisen gewesen, hat Thessaloniki besucht, Idomeni und Triest, die Insel Hiddensee, Wien und Dresden. Teils, um Freunde zu treffen, teils einfach so. Jedenfalls nicht notwendigerweise auf Tournee, dieses Unterwegssein lässt leider wenig Möglichkeit zum Songschreiben. Entstanden ist mit »Wenn wir warten« ein neues Album, das sich als aktuelles Gegenstück zu seinem Solodebüt »Stirb mit mir ein Stück« von 1986 versteht. Was das bedeutet? Der Künstler verrät es gern. Ein gespräch vor dem Konzert am 29. Januar im Pirnaer Tom Pauls Theater.

Welchen Erkenntnisgewinn hat dir deine Reise gebracht?
Dass wir in Deutschland zurzeit in einer aufgeregten Gleichförmigkeit festsitzen und uns mit Dingen beschäftigen, die höchstens für uns von größter Wichtigkeit sind. Es herrscht ein seltsamer Wartezustand. Werden Europa und seine Kultur überleben oder kaputtgehen? Das ist eine entscheidende Frage im Augenblick.

Stillstand liegt in der Luft, stimmt. Nichts geht mehr, obwohl sich dringend etwas ändern müsste.
Naja, es ist schon Bewegung drin, aber eben vom rechten Rand her. Die Trump-Wahl in den USA hat alle mächtig aufgeregt und fertig gemacht. Das ist aber nur der Ausdruck einer Realität, die seit Jahren nicht mehr zur Kenntnis genommen wird.

Du meinst, weil Politik und Medien einer bestimmten Lebenswirklichkeit schon viel zu lange mit Ignoranz und Hochmut begegnen, bekommen wir jetzt die Quittung?
Ja, wir tun gern so, als kämen gesellschaftliche Katastrophen wie ein Gewitterguss über uns. Aber das stimmt nicht, die gegenwärtigen Probleme sind hausgemacht und lassen sich bis zur deutschen Wiedervereinigung zurückverfolgen. Es ist mit unglaublicher Arroganz über die Menschen in Ostdeutschland hinweggegangen worden, der Euro eingeführt worden, die Agenda 2010 durchgedrückt worden, und alles unter dem Aspekt der Effizienz. Es war extrem unfair, wie Deutschland und die EU mit Griechenland umgesprungen sind. Inzwischen hat sich die Gesellschaft völlig entsolidarisiert und die Politik glaubt, den Rechten nacheifern zu müssen, ohne zu sehen, dass achtzig Prozent der Bevölkerung in diesem Land das nicht wollen. Eine brandgefährliche Situation. Mein Album soll eine nicht vordergründig politische Anregung sein, sich Klarheit zu verschaffen, in welcher Lage wir uns befinden, um uns verständigen können, was getan werden muss.

Also für eine Albumlänge zuhören und nachdenken, wo man selber stehen möchte und wie es gesellschaftlich weitergehen kann?
Das zum einen, zum anderen geht es auch darum, dass die politische Krise längst ins Private durchschlägt. Die Menschen sind müde und genervt, es fehlt an Motivation. Alle denken, es betrifft nur sie. Wenn es aber durch jemand anderen formuliert wird, ist diese Privatisierung schon aufgehoben. Und in den Konzerten merken die Leute, dass sie nicht allein sind. Anderen geht es genauso, das ist doch eine gesellschaftliche Erscheinung, keine individuelle. Mit meiner ersten Soloplatte »Stirb mit mir ein Stück« wollte ich den Zustand der DDR mit Liebesliedern zu fassen bekommen. Damals wie heute glaube ich, dass die Lösungen, die sich ergeben müssen, keine politischen sein werden. Das Ende der Politik ist eingeläutet. Jeder, der sich als Politiker betrachtet, klebt an einem Rollenmodell des vergangenen Jahrhunderts. Wir erleben die Ästhetisierung der Politik. Donald Trump ist kein Politiker sondern Schauspieler. Eine dramatische Verschiebung findet statt. Entsprechend muss man überlegen, welche kulturellen Phänomene man als Rettungsanker in die Zeit werfen kann.

Demnach ist es das, was die Alben »Wenn wir warten« und »Stirb mit mir ein Stück« verbindet? Dass die Verhältnisse jetzt und damals in der DDR Parallelen aufweisen?
Man muss vorsichtig sein mit Analogien, aber wir erleben gerade eine ähnliche Ausweglosigkeit, eine ähnliche Arroganz der Macht. Die Medien beklagen häufig, dass sich kein Intellektueller äußert. Das ist wegen dieser Ignoranz. Keiner hört zu, wenn man was sagt. Wir leben in einer monologischen Welt, Dialoge werden nicht mehr geführt. Kriege sind ein Monolog, jeder will den anderen vernichten und überhört die Argumente. Wenn wir nicht aufpassen, steuert die westliche Zivilisation unweigerlich in den Abgrund.

Mit anderen Worten, Pegida und AfD dürften sich nicht einfach dadurch erledigen, dass ihre Gegner lauter schreien? So sehr die Entrüstung auch angebracht ist?!
Nein, das wird nicht funktionieren. Anhänger von Pegida und AfD repräsentieren eine Gruppe in der Gesellschaft, die sich seit geraumer Zeit nicht mehr politisch geäußert hat. Für sie hat Demokratie keinen Wert, weil sie sich nicht repräsentiert fühlen. Die Demokratie, wie sie im Moment gefahren wird, nützt am meisten den Millionären. Die brauchen keine Heimat, die besitzen Appartements in Berlin, Paris und New York. Für Fortschrittsverlierer, die vom Mindestlohn leben müssen, ist diese Demokratie wertlos, weil sie ihnen keinen Sinn gibt. Darüber müssen wir nachdenken, wie sich Demokratie wieder offen gestalten lässt und Funktionalität für das reale Leben bekommt. Genau an dieser Schwelle stehen wir. Die Wut, die sich nach rechts orientiert, ist eine Trotzreaktion, die Deutschland schon einmal in eine böse Diktatur geführt hat. Wir brauchen einen neuen gesellschaftlichen Dialog.

Aber kann Kunst, wie damals in der DDR, noch immer ein Versammlungsraum und Energiespender sein, nur heute für diejenigen, die jede Form von Diktatur, von Populismus, von Rechtsruck ablehnen? Manchmal scheint es, als sei eine erschreckend wachsende Zahl netter Mitmenschen nur noch daran interessiert, Chaos und Verwüstung anzuzetteln.
Doch, das kann Kunst noch leisten. Wenn ich Symphoniekonzerte oder Jazzklubs besuche und mich daran erfreue, wie auf der Bühne Menschen in Harmonie miteinander kommunizieren und sich ergänzen, wird es anderen doch hoffentlich genauso gehen.

Und der Albumtitel, was bedeutet der? »Wenn wir warten«, dann wird alles gut? Oder ist alles zu spät?
Nein, das versucht, die augenblickliche Situation einzufangen. Der Titelsong beschreibt vier Momente des Wartens. Den Odysseus, der dem Geschwätz der Sirenen nicht mehr zuhören darf, während er wartet, nach Hause zu kommen. Es ist das zweite Bild von jemandem, der in einer Zelle sitzt und wartet, auf seine Hinrichtung oder Freilassung, das bleibt offen. Dann ist da jemand, der im Krankenhaus an die Maschinen angeschlossen ist und auf ein göttliches Zeichen wartet, das ihn aus seiner Lage befreit. Das vierte Bild sind Menschen, die hinter Stacheldraht warten.
Bernd Gürtler

www.wenzel-im-netz.de