Enger mit der Welt verwoben

Wayne Graham am 1. September beim The Sound Of Bronkow Music Festival

Vor zwei Jahren gaben Wayne Graham ihr Europadebüt im Blue Note in Dresden. Ein denkwürdiger Abend, wer dabei gewesen ist, dürfte sich erinnern. Diese minimalistische Duobesetzung aus Schlagzeug, Gitarre und Gesang galt lange als Eigenart des zeitgenössischen Mississippi Delta Blues. Zusammen mit den poetisch gut abgewogenen Weltbetrachtungen, wie sie eher für die Country Music typisch sind, entstand eine ungeheuer aufregende Mischung. Definitiv keine Konfektionsware von der Stange! Kurz zuvor war mit "Mexico" ihr drittes Album insgesamt erschienen und das erste bei K&F Records, dem feinen, kleinen Dresdner Schallplattenlabel für Americana, Folk und Singer/Songwriter. Wo jetzt auch "Joy!" veröffentlicht wurde, Album Nummer vier, dessen Songmaterial einmal mehr derart anregenden Debattierstoff liefert, dass es dringend angeraten schien, sich vor dem Auftritt beim The Sound Of Bronkow Music Festival mit der Doppelspitze der Band, dem Brüdergespann Kenny und Hayden Miles zum Interview zu verabreden.

"Joy!" ist gewissermaßen aus der Distanz heraus entstanden, in zweifacher Hinsicht sogar. Zum einen aus der Distanz zwischen eurer Heimatstadt Whitesburg, Kentucky und Nashville, Tennessee, wo Kenny eine Zeit lang gelebt hat. Zum anderen aus der Distanz zwischen zwei Kontinenten. Beteiligt gewesen sind zwei Musiker aus Deutschland, die Dresdner Ludwig Bauer und Johannes Till. Wie muss man sich den Einspielprozess des Albums vorstellen?
Kenny Miles: Wir hatten zu jedem Song ein Grundgerüst, das schickten wir Ludwig und Johannes rüber. Sie ergänzten die Songs, die ihnen gefielen um ihre Beiträge wie sie sich das dachten. Das schickten sie zurück, und wir suchten uns aus, was wir behalten wollten.
Hayden Miles: Einige der Songs wurden auch schon geschrieben, als wir vergangenes Frühjahr zuletzt in Deutschland auf Tour gewesen sind.

Wie seid ihr auf Ludwig und Johannes gekommen?
Kenny Miles: Unser Label brachte uns zusammen. Wobei, miteinander bekannt sind wir schon, seit wir ihnen vor vier Jahren als Mitglied von Lars Hillers A Gentle Lurch in Louisville, Kentucky das erste Mal begegnet sind. Leider sind beide schwer beschäftigt, so dass sie nur für wenige Tourtermine im Frühjahr zur Verfügung standen.

Ist eure Musik durch die deutschen Mitstreiter eine andere geworden?
Kenny Miles: Ich würde sagen, die beiden liegen mehr auf einer Wellenlänge mit dem was wir benötigen, als uns das jemals gelingen wird. Sie kennen sich bestens aus mit amerikanischer Musik. Wir sind durch sie nicht weniger wir selbst als zuvor.
Hayden Miles: Beide sind phänomenale Musiker, aber besonders Johannes könnte jederzeit als amerikanisches Countryoriginal durchgehen.

Ludwig und Johannes spielen amerikanische Musik vor ihrem angeborenen kulturellen Hintergrund nicht mit einem anderen Zugang?
Kenny Miles: Gute Frage, im Frühjahr sind wir mit Digger Barnes aufgetreten, einem Deutschen, der sich als Amerikaner ausgibt. Vielleicht besteht ein Unterschied im Akzent, abhängig davon, wie gut jemand die Sprache beherrscht. Ansonsten kann man Unterschiede höchstens vermuten.

Trotzdem klingt "Joy!" anders als der Albumvorgänger "Mexico". Der Sound erinnert an die Country Music der frühen siebziger Jahre. Bezeichnenderweise ist ein Song nach einer Countrygröße jener Ära benannt.
Kenny Miles: Ja, richtig, "Don Williams". Das ist Haydens Song, das hat er geschrieben und fast sämtliche Instrumente selbst eingespielt. Es ist eins der Stücke, die am seltsamsten klingen und einer meiner Lieblingssongs. Ansonsten sind wir vorgegangen wie immer. Wir schreiben etwas, fragen uns, wie ein Grundgerüst aussehen müsste. Nehmen das auf und überlegen, ob uns das Zwischenergebnis so gut gefällt, dass wir weiter daran arbeiten wollen.

Was war die Idee zu "Don Williams"?
Hayden Miles: Unsere Großmutter war gestorben. Sie war mit Wayne aus dem Bandnamen verheiratet. Ich bin ihm nie begegnet, er starb, bevor ich geboren wurde. Aber eine Tante besaß Tonbandkassetten und meinte, möglich, dass Großmutter und Großvater da drauf sind, wie sie Musik machen. Ich sollte mir die Kassetten anhören. Leider fanden sich weder Großvater noch Großmutter, stattdessen Musiker aus der Gegend, Tondokumente regionaler Ereignisse und jede Menge Don Williams. Ich beschreibe meine Suche auf den Tonbandkassetten.

Der erste Song des Albums heißt "On My Throne". Eine markante Textzeile lautet "I'm full of war but I never had to serve/On my throne". Erkennt hier jemand, dass es ihm trotz Widrigkeiten besser geht als den meisten?
Kenny Miles: Nein, dort geht es um die Einsamkeit, die mit der Macht einhergeht. Aus der Entfernung betrachtet, erscheint Macht als etwas Erstrebenswertes. Ich aber denke, es ist unmöglich, Macht zu haben und glücklich zu sein. Um Macht zu erlangen, darf man keine Skrupel kennen. Die Songfigur musste etliche Menschen schamlos ausnutzen, um dorthin zu gelangen, wo sie ist. Nur um festzustellen, dass es einsam um sie wird. Die Zeile "I'm full of war but I never had to serve" meint, dass jemand, der um das, was er nötig braucht nicht kämpfen musste, auch nicht glauben wird, dass Krieg die Antwort ist.

Der Titelsong zu "Joy!" erzählt offenbar von einer Liebesbeziehung, die sich in ein Gefängnis verwandelt. "Joy when did you lock the door", heißt es an einer Stelle.
Kenny Miles: Dort ist mehreres zusammengeflossen. In Nashville kellnerte ich zeitweise in einem Frühstücksimbiss zusammen mit einer Frau, sie hieß Joy. Mit ihr konnte man über die merkwürdigsten Dinge reden. Es gefiel ihr, wenn ich meine gedankenvollen Grübeleien ausbreitete. Von daher dachte ich, einen Song "Joy" zu nennen, wäre schön. Der Name kann auch 'Freude' bedeuten. Beim Schreiben fiel mir auf, dass ein Wortwechsel einige Male hin und her geht und auf dem Fußboden ein Schlüssel liegt, mit dem sich die Gefängnistür aufsperren lässt. So gesehen könnte 'Joy' auch eine Metapher für die Schöpfung sein, je nachdem zu welcher höheren Instanz man sich hingezogen fühlt. Aber das sind nur Gedanken, die mir zufliegen. Weiß nicht, ob das Sinn ergibt.

Womit wird der Hörer am Schluss des Albums bei "Venetian Blinds" entlassen?
Hayden Miles: Das ist ein durch und durch grimmiger Song …
Kenny Miles: … und ein einziges Fragezeichen, das mich daran erinnert, wie wenig ich weiß und was das eigentlich alles soll, wenn ich mich so umschaue.

Wie geht ihr damit um, dass die Welt im Irrsinn zu versinken scheint und durch Donald Trump viel schlimmer wird als je befürchtet?
Kenny Miles: Wir erfüllen noch nicht die Kriterien, um Zielscheiben des Präsidenten zu werden. Abgesehen von Gesetzesänderungen beispielsweise zur Krankenversicherung, leben wir den Alltag wie bisher. Aber es schwebt eine dunkle Wolke über uns. Bleibt zu hoffen, dass die jüngsten Entwicklungen in ein Amtsenthebungsverfahren münden.

Nachdem ihr mit Musikern aus Deutschland gearbeitet habt, mehrfach in Deutschland und Europa auf Tour gewesen seid, wie hat das euren Blick auf die Welt verändert?
Kenny Miles: Es hat uns die Augen geöffnet, wie groß die Welt ist und wie ähnlich sich die Menschen sind. Obwohl gravierende Unterschiede in der Beschaffenheit der Gesellschaften bestehen, wollen alle den Sinn des Lebens ergründen und stoßen auf dieselben Hindernisse. Um dieses Wissen reicher, fühlen wir uns enger mit der Welt verwoben. Uns ist bewusst geworden, dass dort, wo wir herkommen, keiner die Wahrheit gepachtet hat.
Bernd Gürtler

Wayne Graham 1. September, Societätstheater, The Sound Of Bronkow Music Festival, www.waynegraham.co

PS: Wayne Graham aus Whitesburg, Kentucky, benannt nach den Großvätern der Gebrüder Miles, sind dieses Jahr das erste Mal Gast beim The Sound Of Bronkow Music Festival. Begleitet werden sie von Chris Justice und Lee Owen an Bass und Gitarre. Das Album "Joy!" steht derzeit auf Platz eins der Kritikercharts der deutschen Ausgabe des US-Musikmagazins Rolling Stone.
Bernd Gürtler