Es geschieht nichts Gutes, außer man tut es

Interview mit Kurt Wagner vor dem Lambchop

Reiner Zufall, dass Lambchop mit „Flotus“ Anfang November 2016 ein neues Album direkt am Vorabend der US-Präsidentschaftswahlen veröffentlichen, hieß es damals. Die Scheibe sei der Versuch, musikalisch neue Akzente zu setzen, mehr nicht. Bei Interviewterminen brachte Kurt Wagner dann aber Dinge zur Sprache, die umgehend Bedeutung erlangen sollten als feststand, dass Donald Trump als nächster US-Präsident ins Weiße Haus einziehen würde. Eine wichtige Inspiration, offen politisch zu werden, ist dem Lambchop-Chef Ehefrau Mary Mancini gewesen, das gibt er gern zu.

„Flotus“ ist unter Aufbietung sämtlicher technologischer Errungenschaften des modernen Tonstudios entstanden. Sampler kamen zum Einsatz, Sequenzer, Effektgeräte jeder Art, sowie eine Computersoftware zum Einspielen und Bearbeiten von Musik. Was hat das gebracht?
Einen deutlichen Unterschied beim Schreiben der Songs. Ein versierter Songschreiber bin ich nie gewesen. Jetzt konnte ich ausprobieren und verwerfen und war nicht länger von meinen Beschränkungen eingeschränkt. Technologie lässt mich besser aussehen und Ideen umsetzen, an die vorher nicht zu denken war.

Bei „Flotus“ klingen Lambchop auch deutlich anders als gewohnt, weitaus elektronischer als jemals zuvor in der Bandgeschichte. Würdest du sagen, moderne Technologie konnte deine Kreativität beflügeln?
Unbedingt, eine Welt ging auf. Ähnlich wie damals beim Umstieg von Schreibmaschine auf die ersten einfachen Textverarbeitungsprogramme. Plötzlich konnte ich löschen, kopieren, verschieben und schrieb Songtexte einer ganz anderen Qualität. Diesmal allerdings war es wichtig, das Gelernte so schnell wieder zu vergessen. Moderne Tonstudios verleiten, perfekt sein zu wollen. Bei „Flotus“ finden die Hörer hoffentlich dasselbe, was ich entdeckt habe. Nämlich dass es gerade das Unperfekte ist, das den Maschinen Seele gibt, etwas Menschliches verleiht. Dass es nicht die roboterhafte Einfalt wird wie bei Kraftwerk, als diese Technologie noch relativ neu war.

Lambchop sind schon immer sehr speziell gewesen. Gegründet 1986 in der Welthauptstadt der Country Music, Nashville, Tennessee, spielt die Band auf gar keinen Fall Country. Auch keinen Alternative Country, selbst wenn das hartnäckig behauptet wird. Du hast Kunst studiert, bist weiterhin als Maler aktiv und verstehst deine Songs als Klangskulpturen. Gilt das nach wie vor?
Ohne jede Einschränkung. Als Bildhauer, der ich auch bin, empfinde ich Sound als ultimative Skulptur.

Ihr sozusagen neu modelliertes Klangbild verdanken Lambchop dem Umstand, dass „Flotus“ ein Album werden sollte, das deiner Frau gefällt. Bist du erfolgreich gewesen?
Nein, leider. Es hat sich rausgestellt, meine Frau wollte mich, wie ich bin, meine Stimme, wie sie ist. Ganz süß, sie wollte den Mann, den sie geheiratet hatte.

Deine Frau ist selbst eine Person des öffentlichen Lebens geworden. Verschiedene Quellen bezeichnen sie als Aktivistin. Mittlerweile ist sie wohl auch Mitglied der Demokratischen Partei?!
Sie ist weitaus mehr als das. Sie ist die Parteichefin der Demokraten für den gesamten Bundesstaat Tennessee. Sie wirbt Parteimitglieder, so dass Mehrheiten entstehen können, die in der Lage sind, im Senat Themen zu setzen oder die Gesetzgebung zu ändern. Sie wirbt Parteispenden ein, so funktioniert das System bei uns. Wenn die Republikaner Mist bauen, ist sie es, die sich hinstellt und sagt, was ihr nicht wisst, ist dies und das und jenes, was immer es sein mag. Sie ist häufig im Fernsehen oder im Radio und wird erkannt. Wenn wir unterwegs sind, geht es ständig, Mary, Mary! Sie ist mehr als eine Aktivistin, sie ist eingebunden in den Apparat.

Konnte nicht aber Donald Trump gerade deshalb derart viele Wählerstimmen auf sich vereinen, weil Amerikaner in große Zahl sauer sind auf den Apparat, egal ob repräsentiert durch Demokraten oder Republikaner? Warum begibt sich dann jemand freiwillig in den Apparat?
Du kannst sauer sein auf den Apparat, ich bin sauer. Das ändert aber rein gar nichts. Du musst reingehen und den Apparat von innen ändern.

Du meinst, es geschieht nichts Gutes, außer man tut es?
Genau!

Wie ist deine Frau überhaupt zur Politik gekommen?
Sie war jahrelang Radiomoderatorin einer Talkshow und hat mit Studiogästen oder den Hörern linke Ideen diskutiert. Etwas völlig Neues in der Rundfunklandschaft von Nashville. Irgendwann reichte ihr das nicht mehr und sie bewarb sich um einen Sitz im Senat von Tennessee. Beim ersten Anlauf hat es nicht geklappt. Aber sie konnte jede Menge Anhänger gewinnen. Heute gehört sie zu denen, die die politische Zukunft des Bundesstaates gestalten. Sie scheint wie geschaffen dafür, als sei das von jeher ihre Bestimmung gewesen.

Bei Lambchop sind politische Inhalte bislang höchstens als vage Andeutung vorhanden gewesen. Siehe „The Decline Of Western Civilisation“ 2006 vom Album „Damaged“, das eine Auseinandersetzung ist mit Nathan Bedford Forest, einem Mitbegründer der Ku-Klux-Clan, geboren in Nashville. Wäre nicht genau jetzt die Zeit, deutlicher zu werden? Zu zeigen, „which side you are on“, um das berühmte Bergarbeiterlied aus Kentucky zu bemühen, das durch Pete Seeger und zuletzt Ani Difranco weltbekannt wurde?
Absolut, das wird auch passieren. Vorerst staune ich, welche Überraschungen eine Beziehung bereithält, wenn sie von Bestand ist. Dinge geschehen, die Rollenverteilung ändert sich. Wir sind zwanzig Jahre verheiratet. Wer hätte gedacht, dass wir dorthin gelangen, wo wir heute stehen? Der Pfarrer bei der Hochzeit hat nichts dergleichen erwähnt. Meine Frau bekommt jedenfalls meine vollste Unterstützung. Ich will, dass sie erfolgreich ist.

P.S. Die Frau an Kurt Wagners Seite könnte dafür sorgen, dass aus Lambchop, die bislang als überwiegend ästhetisches Phänomen wahrgenommen worden sind, eine richtig politische Band wird. Und was, wenn Donald Trump nach vier Jahren von einer Demokratin namens Mary Mancini abgelöst wird? Dann gäbe es zwar keine First Lady, aber einen First Husband im Staate, Kurt Wagner. Eine reizvolle Vorstellung, zweifellos.
Bernd Gürtler

www.lambchop.net