Frank Zappa? Der hätte das super gefunden!

Interview zum Jubiläumskonzert der Dresdner Sinfoniker am 1. November

Markus Rindt

Ihre Existenz verdanken die Dresdner Sinfoniker einem Biergartenbesuch in der Sächsischen Schweiz und sind ursprünglich gar nicht als Orchester sondern als Band gedacht gewesen. Leider ist nicht überliefert, nach der wievielten Hopfenkaltschale der Gedanke aufkam, doch das Orchester zu gründen, es aber wie eine Band zu betreiben. Mit einer Kernbesetzung und jeweils projektbezogenen Gastmitstreitern. Ein Entschluss, der sich als wahrer Glücksgriff erweisen sollte, wie die imposante Aufführungshistorie zwanzig Jahre später belegen kann. Schlicht sensationell die im Gespann mit den Pet Shop Boys geschaffene und 2006 anlässlich des Dresdner Stadtjubiläums als opulentes Freiluftevent auf die Prager Straße gebrachte Neuvertonung von Sergei Eisensteins Stummfilmklassiker "Panzerkreuzer Potemkin". Mutig wiederum "Aghet", eine Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern, die bei Geschichtsleugnern in der Türkei auf wenig Beifall stieß. Oder man denke an das Aktionskonzert "Tear Down This Wall!", nachdem Donald Trump verkündet hatte, entlang der US-Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen zu lassen.

Markus Rindt war Gründungsmitglied der Dresdner Sinfoniker. Seine Blechbläserposition hat der gebürtige Magdeburger aufgegeben, als Orchesterintendant widmet er sich inzwischen vorrangig der Organisation und absolviert im Vorfeld des Jubiläumskonzerts die Interviewtermine. In diesem Jahr erhält er den Erich-Kästner-Preis. Bernd Gürtler hat für die SAX mit Markus Rindt gesprochen.

Eröffnen werden die Dresdner Sinfoniker ihr Jubiläumskonzert mit drei Kompositionen aus dem Nachlass von Frank Zappa gemeinsam mit dem Universal Druckluft Orchester Dresden von Peter Till.
Genau, etwas ganz Verrücktes. Die Druckluftinstrumente sind unglaubliche Konstruktionen, die nicht nur toll aussehen und in Aktion lustig leuchten. Damit lässt sich richtig virtuos Musik machen! Ich kenne Peter Till seit Ewigkeiten und schätze ihn sowohl als Erfinder als auch als Musiker und Entertainer.

Was genau muss man sich unter Druckluftinstrumenten vorstellen?
Am besten erklärt sich das am Xylophon, wo, wie es in der korrekten Fachterminologie heißt, Klangplatten aus Holz mit Schlägeln angeschlagen werden. Bei Peter Tills Druckluftxylophon können gleich 80 druckluftgetriebe Schlägel in Schwingung versetzt werden. Da jeder Ton mit zwei verschieden harten Schlägeln angeschlagen werden kann, ist auch ein dynamisches Spiel möglich. Dieses Prinzip wird auf elektrische Gitarren, Schlagwerk und das übrige kuriose Instrumentarium übertragen. Und damit lässt sich Musik spielen, die der Mensch gar nicht spielen könnte. Beim Xylophon könnte man zum Beispiel sämtliche Töne auf einmal anschlagen.

Hört sich spannend an.
Das ist es, allerdings auch nicht ganz ohne Tücken. Die Instrumente müssen, weil es zu Verzögerungen durch die Druckluft und die Schläuche kommt, vorher genauestens programmiert werden und laufen dann wie eine Maschine von Anfang bis Ende durch. Gleichzeitig muss Peter Till einige der Blasinstrumente tatsächlich anblasen, damit überhaupt Töne herauskommen. Die Dresdner Sinfoniker müssen ihr Spiel exakt mit dem Druckluftorchester synchronisieren, was ein Höchstmaß an Präzision erfordert. Bei der kleinsten Unsicherheit fliegt uns das ganze Stück um die Ohren. Beginnen werden die Dresdner Sinfoniker mit dem "Be-Bop Tango", einem recht geheimnisvollen Zappa-Stück, schleichend wie eine Katze. Als nächstes spielt das Universal Druckluft Orchester "Uncle Meat", danach werden beide Orchester gleichzeitig den "G-Spot Tornado" spielen. Dieses Stück ist für das Orchester allein schon virtuos. Gemeinsam mit dem Druckluft Orchester wird es eine noch größere Herausforderung.

Frank Zappa wäre sicher begeistert von eurer skurrilen Versuchsanordnung, was meinst du?
Frank Zappa? Der hätte das super gefunden! Er hat ja selbst für Maschinen komponiert, für das Synclavier. "Uncle Meat" und der "G-Spot Tornado" haben bereits im Original etwas Maschinenhaftes.

Auf dem Programm stehen darüber hinaus zwei Uraufführungen. Eine der beiden heißt "Quartüüryum", Komponist ist Andreas Gundlach.
Auch er ist ein begnadeter Musiker und ein toller Improvisator. Meine Idee war, Andreas Gundlach mit der Komposition eines Doppelkonzertes für Klavier und Synthesizer zu beauftragen, das er gemeinsam Andreas Boyde, einem gefragten Konzertpianisten, spielt. Wie Konzertflügel und Synthesizer gleichzeitig als Soloinstriumente mit Orchester klingen, wird sicher sehr ungewöhnlich und spannend. Ich persönlich kenne kein vergleichbares Stück.

Die zweite Uraufführung ist eine Rockoper mit dem Titel "Disidentes" und kommt aus der Feder des Mexikaners Enrico Chapela.
Mit ihm arbeiten wir schon sehr lange, zuletzt bei dem "Tear Down This Wall!"-Projekt an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze. Er hatte dafür die Minirockoper geschrieben. Enrico war früher Gitarrist in einer Metal-Band und ist von dort nahtlos in die zeitgenössische Klassik gewechselt. Mittlerweile ist er ein weltweit anerkannter und begehrter Komponist. Er schreibt für Spitzenklangkörper wie das Los Angeles Philharmonic Orchestra oder das Birmingham Symphony Orchestra. Er hat eine sehr eigenwillige Tonsprache entwickelt, man spürt nach wie vor die Metal-Vergangenheit, aber auch seine mexikanischen Wurzeln. Für das Jubiläumskonzert der Dresdner Sinfoniker hat er seine Minirockoper zu einer Rockoper erweitert. Vier Sänger aus Mexiko sind dabei, Metal-Band und Orchester, Tom Götze am Bass, Andreas Gundlach an den Keyboards. Thema ist das Massaker von Tlatelolco, als im Oktober 1968 Studentenproteste in Mexiko-Stadt von Militär und Geheimpolizei blutig niedergeschlagen wurden.

Bedauerst du, dass du dich nicht mehr selbst auf der Bühne einbringen kannst? Dass du mehr von der Organisation in Beschlag genommen bist?
Natürlich wäre es schöner, mitspielen zu können. Ich bin von Haus aus Hornist, habe aber gemerkt, dass es unglaublich schwierig ist, den Musiker mit dem Organisator unter einen Hut zu bringen. Man muss sich fast teilen, wenn man bei den Proben im Hinterkopf behalten muss, dass ein Orchestermitglied krank geworden ist und Ersatz benötigt wird, dass Instrumente beim Zoll hängen geblieben sind. Ich musste mich entscheiden, da ich einen sehr hohen Anspruch an mich selbst habe aber immer weniger zum Üben gekommen bin. Also besteht mein Part jetzt darin, die Projekte zu entwickeln, die Musik auszuwählen, Musiker, Solisten und Dirigenten auszuwählen; diesmal dirigiert uns Premil Petrović. Beim Jubiläumskonzert werde ich auch mit am Mischpult stehen und unserem Tonmeister Volker Greve assistieren.

Was bedeutet dir die Auszeichnung mit dem Erich-Kästner-Preis?
Als ich die Nachricht erhielt, dass die Wahl des Dresdner Presseklubs auf mich gefallen war, bin ich hoch erfreut gewesen und zugleich überrascht, wenn man bedenkt, welche Persönlichkeiten in der Vergangenheit ausgezeichnet wurde. Für mich und mein Team ist der Preis ein Ansporn.
Bernd Gürtler

20 Jahre Dresdner Sinfoniker 1. November, Erlwein-Capitol, www.dresdner-sinfoniker.de