Hingehen, anschauen und staunen!

Woods Of Birnam mit "Searching For William" im Schauspielhauses

Neue Spielzeit, neue Chance. Wer sich "Searching For William" im Frühjahr entgehen ließ, dem bietet der Herbst Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen. Es lohnt sich schon deshalb, weil mit Christian Friedel jemand beteiligt ist, der Shakespeare im Herzen trägt. Seine erste Begegnung mit dem englischen Dichterfürsten geht zurück auf eine "Zeichentrickserie für Kinder, wo die Fabeln der Stücke erzählt wurden. Da war bei 'Hamlet' eine dunkle Burg, ein Geist erschien und sagte, du musst mich rächen. Das war total spannend. Wenn man älter wird, merkt man, dass Shakespeare es schafft, etwas über den Menschen und seine Widersprüchlichkeit zu erzählen, in allen Belangen." 

Intrigantes Machtstreben, Missgunst, die Kriegstreiberei der Mächtigen, die Irrungen und Wirrungen, das Drama der Liebe, William Shakespeare beschreibt in seinem "Hamlet", seinem "Macbeth", seinem "Romeo und Julia" damals wie heute elementare menschliche Wesenszüge. Obendrein so aufbereitet, dass sich breite Bevölkerungsschichten angesprochen fühlen. "Sowohl das einfache Publikum als auch die Gebildeten bekommen etwas über das Menschsein an sich vermittelt. Und wenn man sich vorstellt, dass es zu Shakespeares Zeiten junge Männer gewesen sind, die Frauenrollen spielten und sich im Stück wiederum als Männer verkleideten, arbeitete er mit Geschlechterzuweisungen, von denen wir heute in Genderdebatten denken, dass sie ein modernes Thema sind. Und das ist etwas, das auch noch in weiteren Jahrhunderten seine Anhänger finden wird."

Wann immer seine Theaterengagements und Filmverpflichtungen es zulassen, tritt Christian Friedel als Sänger und Songschreiber der Dresdner Rockformation Woods Of Birnam in Erscheinung. Das gemeinsame Shakespeare-Projekt "Searching For William" ist sowohl als Theaterproduktion angelegt als auch eine gleichnamige CD-Veröffentlichung, die für sich genommen gehört werden kann und dem Liebhaber in der Deluxe-Edition ein attraktives Buchformat mit sämtlichen Songtexten und kunstvollen Fotografien an die Hand gibt. Christian Friedel möchte dennoch den Besuch des Schauspielhauses dringend ans Herz legen. Wenn Album und Theaterabend getrennt voneinander schon ein Vergnügen seien, kalauert er, "möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie das ist, wenn man beides zusammen erlebt." 

Womit er völlig Recht hat. Aufgeführt wird kein Theaterstück als Ganzes, wie das bei zwei früheren Shakespeare-Projekten der Fall gewesen ist. Diesmal sind es Fragmente verschiedener Stücke, zusammengefügt zu etwas Neuem, das als raffiniertes Musiktheater auf die Bühne gelangt. Verschwenderische Kostüme, Theaterdonner und eifriges Kulissenschieben wird man vergeblich suchen. Stattdessen kommen Videoprojektionen zum Einsatz, die Saalbeschallung beschert ein subtiles Hörerlebnis. Die Ereignisdichte erinnert an einen sehr langen Musikfilmclip, nur eben live dargeboten. Christian Friedel gibt den teils zum Scherzen aufgelegten Zeremonienmeister, ohne sich eitel in den Vordergrund zu drängen und erscheint als Lady Macbeth selbst in Frauengewändern. "Das Stück ist in fünf Akte unterteilt, jeder Akt steht für sich, und ein Akt heißt 'Transformation', dort wird mit diesen Geschlechterzuweisungen gespielt. Für mich, der sich als Schauspieler in die verschiedenen Rollen fallen lässt, ist das etwas, das für Toleranz und Offenheit steht und unsere heutige Zeit betrifft, wo es eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass man Menschen nicht mehr kategorisiert. Dabei geht es mir nicht nur um die Sexualität, sondern vor allem um Dinge wie Religion, um Denkweisen. Das muss in einen friedlichen Dialog treten können, und das ist sozusagen eine Metapher dafür." Kurz vor Silvester 2016, zur Premiere von "Searching For William", verstand sich das als Kommentar auf Pegida, des rechtpopulistische Bündnis, das 2014 in Dresden gegründet wurde und der Stadt seither wie ein Mühlstein auf der Seele liegt. Heute lässt sich ein Zusammenhang zum erschreckenden AfD-Durchmarsch bei den letzten Bundestagswahlen besonders in Sachsen herstellen. 

Von den aktuellen Gesellschaftsbezügen abgesehen, was erzählen die zu etwas Neuem zusammengefügten Shakespeare-Fragmente darüber hinaus? Ist das eine zusammenhängende neue Geschichte? Oder eine Sammlung verschiedener Geschichten? Theaterbesucher sind in der Regel von den visuellen und akustischen Sinneseindrücken überwältigt. Die "Searching For William"-CD enthält die Songs zudem in anderer Reihenfolge als im Booklet abgedruckt. So oder so fällt es schwer, einen roten Faden zu entdecken?! "Es erzählt viele Geschichte, weckt vielfältige Assoziationen. Es werden viele Shakespeare-Stücke angerissen. Das 'Bienenlied' zum Beispiel ist aus 'Der Sturm' und wird von Ariel gesungen, dem Geist, der für die Hauptfigur arbeitet. Dieser Text ist sehr zweideutig zu sehen. Wenn man das übersetzt, woran die Biene saugt, kann sich jeder ausmalen, in welche Richtung das schlagen könnte. Shakespeare ist auch sehr frivol gewesen." 

Soll heißen, es macht nichts, wenn sich kein durchgehender Erzählstrang erschließt, erst recht nicht die Herkunft der jeweiligen Shakespeare-Fragmente verifizieren lässt. Dass die Songtexte oberhalb der Bühne in deutscher Übersetzung mitlaufen wenn Christian Friedel im Shakespeare-Englisch des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts singt, ist auch eher eine Referenz an heutige Mediengewohnheiten als dass es dem Publikum auf die Sprünge hilft. Wer sich darauf einlässt, verpasst eine Menge von dem, was auf der Bühne geschieht. Nein, man soll sich von den Sinneseindrücken mitreißen, man soll sich inspirieren lassen. So und nicht anders ist das gewollt. Also hingehen, anschauen und staunen! Ein mit Spannung erwartetes neues Woods-Of-Birnam-Album mit eigenen Songs jenseits der Shakespeare-Zusammenhänge, das für Herbst 2017 angekündigt war, wird nun wohl erst im nächsten Frühjahr erscheinen. 
Bernd Gürtler 

Searching For William 24. November, 19.30 Uhr,  Schauspielhauswww.woodsofbirnam.com