CyberSAX - Die Online-Ausgabe der SAX

Papier schweben lassen

Der Club der toten Dichter mit Bukowski am 21. Mai in Dresden

Zehn Jahre, fünf Programme. Nach Heine, Busch, Rilke und Schiller widmet sich das Musik-Lyrik-Projekt im Jubiläumsjahr nun Charles Bukowski. Und wie gewohnt, wird es am Mikrofon wieder einen Gast geben: Nach Dirk Zöllner, Norbert Leisegang, Katharina Franck und Dirk Darmstaedter ist mit Peter Lohmeyer erstmals ein Schauspieler dabei – wenn auch einer mit Musikerfahrung. Vor dem Gastspiel in der Schauburg sprach SAX mit Club-Gründer und -Vordenker Reinhardt Repke.

SAX: Der Club der toten Dichter befindet sich auf Jubiläumstour zum 10. Geburtstag – ein Grund, zurückzuschauen. Wie kam es also vor zehn Jahren zur Club-Idee und deren Verwirklichung?

Reinhardt Repke: Der Auslöser war schlicht und ergreifend Liebeskummer. Ein Freund empfahl mir in dieser Situation Gedichte von Heinrich Heine, der das Thema in wundervolle Zeilen gepackt hatte. Also kaufte ich mir die Liebesgedichte von Heinrich Heine, und das erste, das mir ins Gesicht stach, war »Ich habe im Traum geweinet«. Da habe ich mir die Gitarre genommen, etwas dazu gespielt, und innerhalb von zehn Minuten war die Idee geboren: Gedichte vertonen, Musiker suchen, mit verschiedenen Sängern arbeiten. Dann kam auch noch Dirk Zöller vorbei, der ja ein Romantiker ist – und so ging das los.

SAX: Was kann Musik mit einem Gedicht machen, das der Autor vielleicht nicht im Sinn hatte?

Reinhardt Repke: Natürlich gibt es immer wieder Leute, die sagen, dass man das nicht machen darf. Andererseits wurde Heinrich Heine ja schon zu Lebzeiten vertont. Mir persönlich wurden Gedichte in der Schule versaut nach dem Motto: Reinhardt, komm mal an die Tafel und sprich den »Erlkönig«. Erst viel später habe ich das Gedicht wieder für mich entdeckt. Der Schauspieler Peter Lohmeyer, mit dem wir gerade auftreten, hat mal gesagt, dass ein Gedicht erst mal nur auf einem Stück Papier steht. Und wir versuchen nun, diese Blatt Papier schweben zu lassen. Interessant für uns ist, dass wir vom ersten Programm an Feedback von vielen Besuchern hatten, die durch unsere Konzerte zur Beschäftigung mit Gedichten inspiriert wurden. Trotzdem wollen wir auf keinen Fall Dichter intellektuell ausbreiten oder belehrend wirken, sondern mit einer gewissen Leichtigkeit die Menschen berühren – und jeden berührt ja schließlich etwas anderes.

SAX: Wie geht die Auswahl des Dichters vonstatten?

Reinhardt Repke: Es gibt da keinen großen langfristigen Plan. Oft passiert einfach irgendetwas. Bei Heine war es mein Liebeskummer. Dann zog meine Schwester um, und beim Einpacken der Bücher kam ein Wilhelm-Busch-Band nach dem anderen zum Vorschein. Die habe ich einfach mitgenommen, denn da waren auf einmal die Kinderheitserinnerungen an Max und Moritz ganz gegenwärtig – das musste ich einfach probieren. Auch bei Rilke war es so, dass da auf einmal ein Buch von ihm vor mir lag. Der aktuellen Beschäftigung mit Bukowski ging nun aber die Suche nach etwas voraus, das mich mal wieder richtig durchschüttelt. Ich wollte unbedingt Routine vermeiden.

SAX: Charles Bukowski ist für euch der erste Dichter, der aus der Neuzeit kommt. War das eine andere, besondere Herausforderung?

Reinhardt Repke: Heute kann ich sagen, dass dieses Programm in der Vorbereitung das schwerste war. Viele verbinden mit ihm ja in erster Linie Texte über das Saufen und Ficken, und sicher kommt das auch mal vor. Aber in erster Linie ist er in seinen Texten ein fast schon zärtlicher Beobachter vom Rande der Gesellschaft aus, wo er ja viele Jahre gelebt hat.

SAX: Bukowski ist der erste Dichter nichtdeutscher Zunge, mit dem sich der Club auseinandersetzt. War es von vornherein klar, dass 0man das in deutscher Sprache aufführt, oder gab es auch den Gedanken, die Originalsprache Englisch zu verwenden?

Reinhardt Repke: Nein, das war von Anfang an klar, dass wir auf die Übersetzungen von Carl Weissner zurückgreifen, der absolut autorisiert ist und auch selbst mit Bukowski befreundet war.

SAX: Warum fiel am Mikrofon die Wahl auf Peter Lohmeyer?

Reinhardt Repke: Die Gedichte von Charles Bukowski sind eine ganz besondere Herausforderung, das beginnt schon beim oft komplizierten Versmaß. Es war also klar, dass ich hier jemanden brauche, der mit dem Wort umgehen kann. Mir fiel dann ein, dass Peter Lohmeyer auch schon Musik gemacht hat – etwa mit dem leider verstorbenen Nils Koppruch –, und seine melancholisch-coole Stimme schien mir auch passend. Als dann Peter meine Anfrage erreichte, war er gerade in Bolivien. Dann hat er aus La Paz sofort zurückgemailt und zugesagt mit dem Satz: »Grüße aus 3.000 Meter, der Peter.« Vor einem Jahr hat er mich dann besucht, wir haben uns sofort verstanden und mit den Planungen angefangen.

SAX: War das für euch als Band noch mal eine andere Herausforderung, mit einem Schauspieler zu arbeiten?

Reinhardt Repke: Ja. Ich arbeite ja meist nach Bauchgefühl, denn was man zu sehr kalkuliert, zerbröselt ganz oft nach einer gewissen Zeit. Und mein Bauchgefühl meinte, dass wir es als Club immer wieder benötigen, uns ganz anders zu zeigen. Und das ist mit Peter auch passiert. Seine ganze Präsenz, sein Umgang mit Sprache – da können wir ganz viel lernen. Andererseits taucht er auch wieder in unsere Musik ein, das ist ein Geben und Nehmen. Und das Publikum spürt diese Energie, diese neuen Impulse.
Interview: Uwe Stuhrberg

Club der toten Dichter: Charles Bukowski 21. Mai, Schauburg, Karten bei saxTicket
www.club-der-toten-dichter.de