
Die Jolly Goods mischen am 1. Februar Geschlechterklischees auf
Sie regen sich auf – und das ganz zu Recht. Tanja Pippi und ihre Schwester Angy, zusammen die Jolly Goods, haben im Oktober 2008 dem Magazin Spex einen gepfefferten Leserbrief geschrieben: „Euch würde ein bisschen mehr Gender-Diskurs gut tun, anstatt Altmännerphantasien über ‚erwachsenen Sex’ von jungen Frauen“, heißt es da. Zuvor hatte die Zeitschrift das Debütalbum der Band „her.barium“ vorgestellt und in dem Artikel unter anderem den Sex-Appeal und die Haarfarbe der Sängerin diskutiert.
Nein, die Jolly Goods haben so was von null Bock darauf, nach ihrem Aussehen oder Geschlecht beurteilt zu werden, dass sie sich am liebsten in weiten, schwarzen T-Shirts ablichten lassen, ihren Kopf für Videoaufnahmen unter Wasser stecken oder gleich jemand anderes vor die Kamera stellen: Für den Clip zu „Try“ ist das ein junger Mann mit Glatze in einem blauen Trägerkleidchen mit Perlenkette und weißen Pumps. Der Betrachter ist gehörig irritiert, diese Person im Playback zu Tanjas Stimme singen zu hören. Wenn die Kamera auf seine haarigen blassen Beine, seinen Po und seinen Ausschnitt fixiert, wird so einiges klar über die Sehgewohnheiten des Musik-TVs.
Auch in den Texten des Duos spielt die Kategorie Geschlecht eine tragende Rolle – schon der Titel „If I were a woman“ macht das überdeutlich. Da wollen Tanja und Angy lieber Walrösser sein. Auf ihrem zweiten Album (das „Walrus“ heißt und 2011 erschien) wird das behäbige Säugetier zum Sinnbild des Ausbruchs. Und auch musikalisch sprengen die beiden die engen Grenzen ihres Debüts: War „her.barium“, das 2007 herauskam, noch beschränkt auf Schlagzeug (Angy), Gitarre (Tanja) und oft geschrienen Gesang der Schwestern, sind nun auch Klavier, Kontrabass, Orgel oder elektronische Einflüsse zu hören. Aus den hartkantigen, punkigen, kurzen Stücken sind melodischere, sanftere Lieder geworden, auch wenn die Jolly Goods immer noch rockig daherkommen.
Ihre Songs haben nach wie vor nichts mit Mädchenmusik aus dem Radio zu tun: Die Wahl-Berlinerinnen schwimmen weiter gegen den Strom mit mal quietschigem, mal schrägem Gesang, der echt und unbereinigt klingt. Ob die Kritiken zu ihrem zweiten Album den Jolly Goods übrigens besser gefallen haben, bleibt anzuzweifeln: „Aus der stachligen Raupe ist ein wunderschöner Schmetterling geworden“, schwärmte der Musikexpress im Oktober 2011. Hätte das wohl jemand über ein Männer-Duo geschrieben?
Anne Kohlick
Jolly Goods 1. Februar, 21 Uhr, Scheune, www.jollygoods.net