Die Stormtrooper

Dynamo belohnt sich mit einer geglückten Revanche auf der Alm

Stefan Kutschke und Pascal Testroet. (Foto: Dehli-News/Titgemeyer)

Man darf sich an Tagen wie diesen auch mal über Kleinigkeiten freuen: Drei Punkte, Auswärtssieg, Stefaniak wieder da, die Stadt Bielefeld gibt es irgendwie doch und so weiter. Neben all dem war für mich aber auch die 87. Minute ein Highlight: Tim Väyrynen, der Finnenschlaks mit dem Ich-bin-der-dritte-Stürmer-Malus, bekam seine ersten Zweitligaminuten und hätte nach 60 Sekunden Spielteilnahme auch fast ein Tor gemacht. Aber der Reihe nach.

Halbzeit eins: Two-Face – Überlegenheit und Schlendrian

Die Aufstellung vermittelte die klare Botschaft des Trainers: Hier soll ein Sieg her, die Robin-Hood-Mission des Punkteverschenkens gegen die Tabellenschlusslichter soll mit diesem Spiel ein Ende finden. Denn neben Stefan Kutschke durfte auch Paco Testroet gegen seinen Ex-Verein von Anfang an aufs Grün – in der Hoffnung, dass ihn diesmal der Historienrucksack und seine Chancentodness aus der Pokalpleite nicht zu sehr drücken. Dazu nur der Capitano als echte Sechs „neben“ Aias Aoasman, der zwischen Offensive und Defensive rotierte. Und hinten mal wieder Nils Teixeira für den erkrankten Fabian Müller.

Los geht die Alm-Partie mit etwas mittelfeldlastiger Abtasterei, aus der sich nach und nach eine totale Spielkontrolle der in Weinrot spielenden Schwarz-Gelben herauskristallisiert. Und endlich spielt mal eine Mannschaft kein hohes Pressing gegen Dynamo, und diesen Platz nutzen die Dresdner bestens. Kopfschütteln dann in Minute zehn, als Heimkeeper und Ex-Dynamo Hesl in Kutschke reinspringt, was der noch junge Referee Jöllenbeck als Angriff auf den Torwart pfeift. Hier bedarf es mal einer grundsätzlichen Klärung im Regelwerk, denn zu oft wird in solchen Situationen gegen die Stürmer gepfiffen, die sich ja nicht in Luft auflösen können, wenn die Typen mit den großen Handschuhen angeflogen kommen.

Vier Minuten später dann, darf Kutschke trotzdem jubeln. Niklas Kreuzer tritt einen Eckball, der sich genau vor der Toresmitte senkt. Und zu diesem Punkt schreitet St. Stefan, vor ihm teilt sich die blauweiße Abwehr wir das rote Meer vor Moses, weshalb der Sturmtank ebenso resolut wie unbedrängt einköpfen kann. Das bessere Wort wäre wohl einnischeln.

Jetzt hat Dynamo das Ding im Griff, gefühlte 120 Prozent Ballbesitz. In der 24. Minute tanzt Aosman mit einer schlichten Köprerdrehung seinen Gegner aus, zieht ab, doch der Schuss wird abgefälscht. Und jetzt wird es bisschen merkwürdig. Denn es schleicht sich nach und nach etwas Schlendrian bei der Gastelf ein. Immer wieder sabotieren Fehlpässe das Aufbauspiel und hinten hat Jannik Müller alles andere als einen Sahnetag. In der 29. könnte er gegen Klos vor dem Strafraum eigentlich locker klären, aber frei nach dem „Auf der Rennbahn“-Motto „Wo läuft er denn, wo läuft er denn hin?“ wählt der Verteidiger einen absurden Lauf(ab)weg, sodass sein Gegner – Klos natürlich – zum Torschuss kommt. Acht Minuten später treibt es der Jannik noch wilder: Ein No-Look-Pass aus Eckfahnennähe, der Marvin Schwäbe erreichen soll, wird zur Torvorlage auf den Arminen-Kollegen Ulm, der für eine halbe Sekunde nur noch das leere Tor vor sich hat. Aber Ulm stellt sich – mit Verlaub – einfach zu doof an. Glück gehabt.

Zwischen den beiden Szenen kommt der wieder extrem agile Erich Berko vor dem gegnerischen Tor im Strafraum zu Fall. Da nicht Elfmeter zu pfeifen, ist schon gerade noch so okay, obwohl es irgendwie auch keine Nichtberührung war. Aber die Szene ruft einen ins Bewusstsein, dass Dynamo eine von nur drei Mannschaften ist, die in der abgelaufenen Hinrunde keinen einzigen Elfmeter zugesprochen bekamen. (Spitze sind übrigens die Münchner Löwen mit fünf, die Bayern sind aber mit acht bei den verursachten Strafstößen auch ganz vorn). Überhaupt wird es nun köperlicher: In den zehn Minuten vor der Pause ziehen mit Hartmann, Berko und Gogia gleich drei Dresdner Gelb. Der Kampf zurück ins Spiel nach vorn wird dann fast belohnt, als ein Vier-gegen-zwei-Konter auf den Bielefelder Kasten rollt, aber Aosmans entscheidender Pass misslingt vollkommen und geht in die Füße des falschen Teams. Haareraufen, düstere Gedanken an vergangene Partien und die vergebenen Gelegenheiten. Aber jetzt doch erstmal: Pause. Und die Frage: Kommt das Heimteam mit Fabian Klos wieder? Der Stürmer hat sich beim auf den ersten Müller-Patzer folgenden Schuss verletzt, biss sich durch und wechselte das Schuhwerk.

Halbzeit zwei: Stormtrooper unter sich

Klos kommt wieder. Das muss man ihm lassen: Hart im Nehmen ist der Mann. Doch den ersten Lauf in Halbzeit zwei hat Erich Berko. Der Mann zeigt mehrfach ein beeindruckendes Durchsetzungsvermögen, was dem Mann heute jedoch abgeht, ist der letzte Pass Richtung Strafraum. Da offenbart der Wieselflink immer wieder mal eine Schwäche, die aber hoffentlich noch abtrainierbar ist, falls Wolfsburg doch nicht absteigen sollte und Marvin Stefaniak zur neuen Saison nicht mehr da ist. In dieser Situation allerdings kommt der Ball bei Kutschke an, der das Ding allerdings mit der Hacke ins Nichts verlängert.

55. Minute, Auftritt Fabian Klos. Kurz vor dem dynamischen Sechzehner bekommt der eigentlich verletzte Armine den Ball, lässt den – wie erwähnt – heute mal nicht souveränen Jannik Müller stehen und vollendet frei vor Schwäbe cool rechts unten rein. Nee, das schon wieder. Rummaul, mecker, gibt’s doch nicht ... Durchatmen. Aber wie sagt der Buschmann so oft bei „ranNFL“? Jetzt haben wir ein Spiel.

Es geht nun hoch und runter. Die Alm will unten raus, Dresden mit einem Sieg in die Pause. Mal wird Berko unter ungeklärten Umständen zurückgepfiffen, mal köpft Hartmann knapp vorbei. Von hinten drücken Kreuzer und Teixeira, der ein gutes Spiel macht, immer wieder nach vorn, während Gogia heute mehr als Kämpfer unterwegs ist denn als Kreativer. Als dann in der 67. Paco Testroet im zweiten Spiel in Folge den Pfosten trifft, mag man schier verzweifeln. Erfreulich hingegen, dass zwei Minuten zuvor Marvin Stefaniak auf den Rasen zurückkehrt und sofort zeigt, dass er nichts an Spiellaune eingebüßt hat.

Zehn Minuten vor dem Ende geht es einmal mehr konternd Richtung Bielefeld, als aber Aias Asoman nur einen Rückpass über zwei Meter spielen muss, hat er offenbar einen Schwächeanfall, denn die Kullerkugel rollt nur ein paar Zentimeter und wird zu einem Gegenangriff geklärt. Adreanlin, was machst du mit mir? Die komplette Liga hat bis hierhin Remis gespielt, so könnte man mit einem Dreier doch den VerbotenesWort-Rängen näherkommen. (Diabolisches LOL!)

Geht da noch was? Jaaaaaa! Und die Antwort konnte nur einer geben: Pascal Testroet! In der 81. Minute machen es die Stormtrooper unter sich aus, als der uns bestens bekannte Mr. Schuppan einen Ball zur Seite köpft. Dort aber wartet bereits Stefan Kutschke, dreht sich kurz und löffelt den Ball gefühlvoll über den Fünfer. Und siehe da, es lauert am linken Pfosten der Ex-Ostwestfale und köpft aus Kurzdistanz das Runde ins Eckige. Fuck, yeah!

Kurz danach darf der Siegtorschütze runter für die Sicherungsmaßnahme Hendrik Starostzik. Nur wenig später sitzt Kutschke mit Krampfprobemen im Mittelkreis, allerdings verzögert sich seine Auswechslung komischerweise, schließlich steht Tim Väyrynen schon an der Seitenlinie. Dynamo auf einmal sinnlos in Unterzahl und Kutschke muss sich – deswegen? – beim Abgang eine kleine Standpauke von „Uns Uwe“ anhören. Als dann kurz vor dem Abpfiff ein weiterer schneller Gegenzug die Dresdner vor das Tor der Bielefelder bringt, hat der Finne fast noch die Chance zum 3:1, doch es wird vorher zu ungenau gespielt. Aber wie eingangs erwähnt: Er stand wenigstens mal auf dem Platz und war ein kleiner Teil des Sieges. Ich hoffe, wir sehen ihn Ende Januar wieder. Ansonsten: Platz sieben mit 27 Punkten. Noch 13 also bis zur Sicherheit – das sollte keine Raketenwissenschaft mehr sein.
Der Rest ist: Winterpause. Leider.
Uwe Stuhrberg

Amirnia Bielefeld vs Dynamo Dresden
18. Dezember 2016, Anstoß: 13.30 Uhr
Tore: 0:1 Kutschke (14.), 1:1 Klos (55.), 1:2 Testroet (81.)
Dynamo Dresden: Schwäbe, Kreuzer, J. Müller, Ballas, Teixeira, Hartmann, Aosman, Gogia, Berko (65. Stefaniak), Kutschke (87. Väyrynen), Testroet (84. Starostzik)
Schiedsrichter: Matthias Jölenbeck
Zuschauer: 18.310
www.dynamo-dresden.de