Das Gonther wohl nicht wahr sein!

Dynamo macht für die Arminia den Weihnachtsmann

Foto: SG Dynamo Dresden

Es gibt Spiele, die verliert man einfach und sagt sich: Es hat nicht sollen sein. Die Anderen waren besser, geschickter, cleverer oder effektiver. Und es gibt solche Spiele wie diese Heimpartie gegen das Team aus der Stadt, die es nicht gibt. Ein Match zu verlieren, in dem der Gast offensiv fast nichts auf den Rasen bekommt, ist schon bitter, aber unfassbar wird es, wenn kurz vor Ende Bruder Leichtsinn die Scheunentore aufmacht. Anders gesagt: Für Bielefeld gab es in Dresden eine Weihnachtsfeier mit zwei dicken Geschenken und drei Punkten.

Erste Halbzeit: Rotation zum offensiven Stillstand

Ein Blick auf den Teamzettel offenbarte, dass sich Uwe Neuhaus an Rotation versuchte, etwas, das er eigentlich nicht so mag. Nix Erich Berko, dafür Niklas Hauptmann, Sören Gonther für Jannik Müller, Rico Benatelli ersetzt Aias Aosman, Lumpi findet sich nicht einmal im Kader. Ganz vorn darf wieder Lucas Röser ran, während Peniel Mlapa auf der Bank sitzt. Bei Eero Markkanen wiederum scheint sich wohl das Schicksal seines Landsmannes Tim Väyrynen zu wiederholen.

Von Anfang an wird klar: Hier will in erster Linie keiner verlieren. Aufmerksam und mit hohem Einsatz wird auf beiden Seiten verteidigt. Allein wie Benatelli schon nach wenigen Zeigerumdehungen im eigenen Strafraum wie auf einem Bierdeckel klärt, zeigt, dass hier jeder jeden Weg gehen will, um ein Gegentor zu verhindern. Im Umkehrschluss zeigt sich jedoch, dass jegliche Angriffsbemühungen schwerlich auszuführen sind. Eine stramme Fabian-Müller-Flanke fischt der DSC-Goalie weg, ebenso hält er nach 15 Minuten einen zu mittig angesetzten 25-Meter-Schuss von Haris Duljevic. Bielefeld stellt derweil seine Viererkette sehr hoch, da aber lange Bälle in der SGD-DNA nur als Notlösung gedacht sind, gibt es nur selten Versuche, mit diesem Stilmittel in die Schnittstellen einzudringen.

Eine erste Schrecksekunde gibt es in der 18. Minute, als Florian Ballas einen grauenvollen Fehlpass spielt, allerdings können die Almler damit nichts anfangen, geraten gar in einen Konter, den am Ende wiederum Röser nicht abschließen kann. Jetzt geht es ein paar Minuten rund um den Bielefelder Strafraum – Seguin hier, Duljevic dort, aber in der Mitte geht nichts auf und nichts drauf. Es bleibt dabei: Der Sportgemeinschaft fehlt es an starken Stürmeraktionen, seit dem zweiten Spieltag gab es kein Angreifer-Tor mehr.

Zwischen der 20. und 25. Minute begehrt die Arminia etwas auf und hat mit einem Schuss aus spitzem Winkel eine halbgare Möglichkeit, aber Schwäbe ist aufmerksam. Eine weitere Dresdner Druckphase beginnt nach einer halben Stunde. Gute Balleroberungen und Seitenwechsel scheinen den Gästen jetzt den Nerv zu ziehen, aber alle Offensive bleibt schlichtweg ineffektiv. Aufatmen dann wenig später, als Duljevic einen fast allein Richtung Strafraum laufenden Gegner beherzt abzockt, etwas Schrecken, als eine Flanke aus Versehen an den rechten Pfosten des Schwäbe-Kastens klatscht.

So geht die erste Halbzeit zu Ende, die einen Abnutzungskampf mit mehr schwarz-gelbem Ballbesitz sieht, aber den Betrachter etwas ratlos zurücklässt. Schulterzuckend sage ich zu einem Kollegen: „Wer hier zuerst den Fehler macht, verliert.“ Hätte ich doch nur die Schnauze gehalten.

Zweite Halbzeit: Gonthers Kopf und Schwäbes Ausflug

Es passiert lange, ähem, nichts. Nach einer Stunde kommt Peniel Mlapa für – nein, nicht Röser, sondern Duljevic. Sollte der nicht langsam mehr Power als nur für eine Stunde im Tank haben? Dann muss nur zwei Minuten später Horvath angeschlagen raus, für den natürlich Patrick Möschl kommt. Und es passiert weiterhin: nichts. Schließlich ersetzt nach 68. Minuten Aosman den heute eher unauffälligen Niklas Hauptmann.

Erst in Minute 73 ruckt der Dynamo wieder an, als Aosman auf das Tor zustürmt, aber kurz vor ihm geklärt wird. Mlapa köpft erst knapp über das Tor und hat dann seine beste Aktion, als er die Kugel erst gut abschirmt, sich mit dem Rücken energisch durchsetzt und dann den freien Möschl auf rechts bestens bedient. Doch der Ösi tut es leider nicht seinem Landsmann Horvath gleich, der gegen Regensburg traf.

Was jetzt noch folgt als Katastrophe zu bezeichnen, wäre fast untertrieben. Denn als nur noch zehn Minuten zu gehen sind, alle sich nach dieser beiderseits schwachen Partie mental auf ein Remis einstellen, passiert das Unglaubliche. Ein langer Befreiungsschlag aus dem Bielefelder Strafraum landet bei Sören Gonther, der bis dahin mit Florian Ballas eine überwiegend gutes Spiel hinlegte. Jeder, wirklich jeder im Stadion erkennt erstens, dass der Mann zu seinem Keeper weiterköpfen will, zweitens, dass der Abstand für einen Kopfball viel zu groß ist, und drittens, dass ein Blauhemd direkt auf dem Weg in die entstehende Lücke ist. Nur einer, nämlich Gonther, sieht das nicht – oder aber zu spät. So nimmt die Tragödie ihren Lauf: Vogelsammer überlupft Schwäbe und trifft zur Arminen-Führung. Eine Szene, die nicht nur den Ex-Sanktpaulianer in die Träume der kommenden Nächte begleiten wird.

Aber kann es noch schlimmer kommen? Na aber hallo! Erst kann Mlapa vier Minuten vor Schluss aus guter Position nicht einnetzen, dann fällt er eine weniger gute Entscheidung, als bei einem Freistoß in der Nachspielzeit auch Schwäbe nach vorn läuft. Denn der Ball wird postwendend aus dem DSC-Sechzehner rausgeschlagen, Mlapa erläuft diesen sogar, doch statt das Ding ins Aus zu dreschen, stupst er ihn ungeschickt in den Lauf des heranstürmenden Weihrauch, der keine priesterliche Gnade kennt und aus 45 Metern das leere Tor trifft. Aus und vorbei, der Blick geht nach unten – auf dem Platz und in der Tabelle.

Fazit: Die Rotation des Trainers tat dem Auftritt nicht gut, die Offensivprobleme scheinen sich zu einem Dauerthema auszuweiten. Das Spiel zeigte sich zudem den weißen Europacup-Erinnerungstrikots nicht würdig. Und mal ganz ehrlich: Es riecht nach Abstiegskampf.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. DSC Arminia Bielefeld
20. September 2017, Anstoß: 18.30 Uhr
Tore: 0:1 Vogelsammer (80.), 0:2 Weihrauch (91.)
Dynamo Dresden: Schwäbe, Seguin, Ballas, Gonther, Hartmann, Benatelli, Hauptmann (68. Aosman), Horvath (62. Möschl), Duljevic (60. Mlapa), Berko, Röser
Ohne Einsatz: Kreuzer, Konrad, J. Müller
Schiedsrichter: Benedikt Kempes
Zuschauer: 26.864
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