Eisern Dynamo

Bei Union feiert Dynamo zum Hinrundenabschluss Teil 3 der Auferstehung

Foto: SG Dynamo Dresden/Steffen Kuttner

Was waren das für Sorgenfalten allüberall nach dem Last-Minute-FCK-Heimdesaster? Jetzt geht es gegen Düsseldorf, Aue und Union, was soll man da holen? Doch eine der wenigen wahren Fußballweisheiten besagt ja, dass man die Antworten auf dem Platz findet, und bei der SGD hieß die Antwort: neun Punkte, 8:1 Tore, Abschluss der Hinrunde auf Tabellenplatz 8. Nicht zu vergessen: Mit 23 Punkten auch mehr als die notwendigen 50 Prozent zum Klassenerhalt geholt.

Dabei waren vor dem Spiel einige Dinge spannend: Wie wird es ohne die überragenden Hartmann (gesperrt) und Benatelli (verletzt) funktionieren? Geht das Torefestival weiter? Wird Union durch den doch überraschenden Trainerwechsel psychisch angeknockt sein? Wie wahrscheinlich ist ein Sieg an der Alten Försterei nach 19 Jahren Warten? Und wie wird Akaki Gogia gegen seinen Ex-Verein aufspielen?

Erste Halbzeit: Paralyse in der Kalten Försterei

Uwe Neuhaus zeigte sich einmal mehr als Taktikfuchs, denn er verordnete seinem Team eine Art Handbremse im Vergleich zu den letzten drei Partien. Weniger vorn draufgehen, hinten sicher stehen, kein Tor fressen war offensichtlich die Devise. Risikominimierung also. Zudem war dem Trainer sicher auch klar, dass das Berliner IV-Duo Leistner/Torrejon nicht so leicht in eine Fehlerfalle tappen wird. Auf dem tiefen Rasen, der eine Menge im Wortsinne Ausrutscher zur Folge hatte, entfaltete sich so von Anfang so eine Art Wer-zuerst-zuckt-hat-verloren, in dem wie erwartet Lumpi und Manuel Konrad in der Startelf zu finden waren. So ging es auf beiden Seiten viel hintenrum, nur, dass es bei Union eher nach Ideenlosigkeit aussah, bei Dynamo hingegen nach sicherheitsbildender Maßnahme.

Nach reichlich sechs Minuten hatte Schwarzgelb dann aber Glück, dass Steven Skrzybski seinen großmäuligen Eigensituationsbeschwerden keine Tat folgen ließ, als er eine flach gespielte Ecke aus bester Position neben das Tor drosch. Fast im Gegenzug setzt sich Paul Segiun am rechten Union-Strafraum durch, sein Pass kommt aber zu ungenau auf Lucas Röser. Es dauert fast eine Viertelstunde, bis zum ersten richtigen Herzhüpfer, als Gogia den Ball an Haris Duljevic verliert, der in Heise-Manier scharf auf den zweiten Pfosten spielt, wo Erich Berko um einen Meter verzieht.

Nun paralysieren sich beide Teams weitgehend zwischen den Sechzehnern, allerdings zeigt sich die Sportgemeinschaft als deutlich relaxter aufspielend, während die Eisernen immer wieder nervöse Störungen zeigen, beginnend beim Torwart bis zu unkonzentrierten Offensivaktionen. Und es ist absolut bemerkenswert, mit welcher Unaufgeregtheit Ballas, Müller, Heise und Seguin selbst in engen Situationen im eigenen Strafraum klären. Selbst als die Heimelf in der 22. Minute eine aussichtsreichen Konter fährt, weiß jeder, wo er hinzulaufen hat, so wird Gogia in aller Ruhe fair abgeräumt. Als Berlin in der Folge etwas mehr Druck entwickelt, zeigt Dresden zwar einige Wackler und Fehlpässe, hat Heise auch immer mal Probleme mit Trimmel, aber all das wird aufgefangen von defensiver Geschlossenheit, die schon bei Röser beginnt – geht ein Ball mal durch, fängt ein anderer ab.

In der 30. Minute gibt es dann mal wieder eine feine dynamische Eckenidee, als Heise flach spielt und über drei Stationen der Ball am langen Pfosten bei Duljevic landet, doch vielleicht ist dieser zu überrascht davon, dass das geklappt hat – er schießt drüber. Kurz darauf hält Keeper Busk einen etwas zu zentral getretenen Heise-Freistoß.

Nun ist das Gleichgewicht auf dem Rasen wieder hergstellt, und viel passiert vor der Pause nicht mehr. Dynamo hat noch einen Aussetzer, als Skrzybski aus Nahdistanz Marvin Schwäbe überköpfen will, doch dieser bekommt die Patsche gerade noch so dran. Hier wie da gibt es noch Anflüge von Gefahr, aber nach 45 Minuten riecht es nach Punkteteilung. Bemerkenswert: die Schlachtgesangsduelle beider Fans sind absolut beeindruckend.

Zweite Halbzeit: Lumpi historisch, Eisenmangel im Unionsblut

Man könnte sich jetzt die Mühe antun, und die nun folgenden 48 Minuten auseinanderzudrieseln, man könnte copy & paste mit dem Text der ersten Hälfte machen. Denn es zeigt sich das immer gleiche Bild: eine große Unaufgeregtheit, wenige Strafraumsituationen. Ein Fasteigentor der Unioner und eine vergebene Polter-Kopfballchance der besseren Art sowie einige gefällig vorgetragene Dresdner Angriffe sind die Highlights eines Spiels, in dem Dynamo überwiegend die Sache im Griff hat und Berlin jegliche Vision vermissen lässt. Also widmen wir uns hier ausschließlich eines Momentes, DES Momentes an diesem Nachmittag.

Wir haben die Minute 69. Paul Seguin kassiert noch in der gegnerischen Hälfte Gelb für ein taktisches Foul der sanfteren Art, sprich: Festhalten des Arms. Konrad regt sich berserkerhaft über den Karton auf, warum auch immer. Die letzten zwei Rotweißen wissen nun aber nichts mit dem Ball anzufangen, spielen ein wenig ratlos hin und her (das kennen wir ja aus schlechteren Zeiten;-). Zwei Versuche, Richtung Schwäbetor zu gehen scheitern am Einsatz der SGD-Defensive, die schließich den Ball hinten herausschlägt.  Zweimal wehrt nun auch Union den ungenau gespielten Gegenzug ab – alles wie bisher. Dann landet der Ball jedoch an der Seitenlinie in Sechzehner-Höhe wieder bei Duljevic. Und da zeigt sie sich wieder, die fußballerische „Lovestory“ des Jahres: Duljevic & Heise. Die zwei verstehen sich schon jetzt fast derart blind, dass man sich nicht vorstellen mag, was noch alles passieren kann, wenn die mal zehn Spiele am Stück gemeinsam machen. Denn der genaue Betrachter wird nun sehen, wie der Haris ein kleinen Hüpfer macht, um noch in der Luft mit der Hacke auf den Philip abzulegen, der – das alles ahnend oder wissend – die Außenbahn hinunterfegt, den Ball direkt mitnimmt, noch wenige Schritte geht und flankt. Und jetzt kommt der Fußballgott in Spiel, denn Heises Pass gerät eigentlich zu kurz für die am Fünfer lauernden Mitspieler. Aber zur Klärung schreiten weder Leistner noch Torrejon (die das wohl besser erledigt hätten), sondern Toni Kroos, ähm Felix Kroos (sorry, war eben schon mal in der Champions League). Das Feld im Rücken, ist es für ihn natürlich schwer zu sehen, ob da jemand steht. UND OB DA JEMAND STEHT!!! LUMPI!!! Der war zuvor genau in den freien Raum gelaufen, wo er mutterseelenallein die zu unpräzise Kopfballwehr von Kroos mit der Brust annimmt, abtropfen lässt und dann mit der Lässigkeit, Übersicht und Ruhe eines Haudegens seines Kalibers unten links versenkt. Nullzueins. Gibt’s doch gar nicht! Wahnsinn! Lass den Lumpi von der Leine!

Und jetzt? Bis zum Schluss wird es kein wirkliches Aufbegehren oder Anrennen der Heimelf geben, man muss einen rätselhaften Eisenmangel im Unionsblut diagnostizieren. Ein offensiver Offenbarungseid, der einem selbsternannten Aufstiegsaspiranten schlecht zu Gesicht steht, Gogia dabei heute ein Totalausfall.
Dynamo hingegen bringt den knappen Vorsprung sicher über die Zeit, es gibt kein Zittern oder Zaudern, kein Bibbern und Schlottern. Wenn der Begriff der mannschaftlichen Geschlossenheit stimmen soll, dann auch hier an diesem Nachmittag. Elf Freunde sollt ihr sein – so kann das aussehen. Zudem beschert uns Lumpis Treffer einen historischen Sieg bei Union – nach 19 Jahren Wartezeit. Außerdem wichtig: Aue liegt wieder hinter uns.

Fazit: Der Plan der sportlichen Dynamobosse scheint doch noch aufzugehen. Als der Trainer zum Thema Saisonziel keinen Tabellenplatz vorgab, sondern meinte, die Mannschaft nach und nach besser machen zu wollen, konnten viele mit der Ansage nichts so recht anzufangen. Aber schon damals hatten Neuhaus & Minge Ergebniskrisen vermutlich wohl schon eingerechnet, aber trotzdem langfristig dem Kader vertraut. Das zahlt sich nun aus, denn die Spieler zahlen nun zurück. Und nicht auszudenken, was passiert, wenn auch in Duisburg gewonnen wird ...
Uwe Stuhrberg

1. FC Union Berlin vs. SG Dynamo Dresden

9. Dezember 2017, Anstoß: 13 Uhr
Tor: 0:1 Lumpi (71.)
Dynamo Dresden: Schwäbe, Seguin, J. Müller, Ballas, Heise, Konrad, Lumpi, Hauptmann, Berko, Duljevic (86. Möschl), Röser (80. Mlapa)
Ohne Einsatz: Schubert, F. Müller, Aosman, Horvath, Markkanen
Schiedrichter: Bastian Dankert
Zuschauer: 22.012
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