Rauch im Kulturpalast

Estas Tonne war zu Gast bei den Jazztagen Dresden

Foto: Hans-Joachim Maquet

Es sind wieder Jazztage in Dresden. Der Rezensent hat sich diesmal in den neuen Kulturpalast begeben, wo er ein Konzert von Estas Tonne genießen will. Estas Tonne begann das Gitarrenspiel im Alter von sechs Jahren in seinem Geburtsland Ukraine, wanderte aber bereits im Alter von elf Jahren mit seiner Familie nach Israel aus. Er spielt die akustische Gitarre mit finger-picking-Technik, läßt sich aber nicht klar in ein bestimmtes Musik-Genre einordnen. Unterschiedliche Elemente, darunter Klezmer und Meditationsmusik, lassen sich ausmachen. Begleitet wurde er an diesem Abend von dem Uruguayer Joseph Pepe Danza (Percussion und Flöte) und dem Israeli Nathaniel Goldberg (Gesang).
 
Bereits das Flair im Konzertsaal war ein besonderes Erlebnis. Zu den beiden Musikern mit jeweils hüftlangen Haaren, gekleidet in Toga (Danza) und weites Hemd mit Trompetenärmeln (Tonne) – Goldberg korrigierte den Haarlängendurchschnitt mit seiner Glatze wieder auf Normalmaß – passten auch die Kleidungsvorlieben im Publikum. Bei den Damen dominierten bedruckte Bamboo- oder Jacquard-Kleider aus garantierter fair-trade-Herkunft zu bequem flachen Schuhen. Inzwischen an die Optik gewohnt wundert sich der Rezensent über einen intensiv-würzigen Geruch und möchte herausfinden, wer ein derart intensives Parfüm benutzt. Doch da entdeckt er, wie Tonne an seiner Gitarre herumnestelt und anschließend auf der Bühne Rauch aufsteigt. In der Gitarre steckt ein Räucherstäbchen, das munter vor sich hinqualmt und ab und an durch ein neues ersetzt wird. Eigentlich schade, daß die Veranstalter die Besucher auf die Sitzplätze verwiesen haben. Es wäre konsequenter gewesen, die Stuhlreihen zu entfernen und stattdessen Iso-Matten auszugeben. Man lauscht dem Getuschel im Publikum und vernimmt: Frage: „In welcher Sprache singt der Sänger da gerade?“ Antwort: „Ich glaube, im Augenblick singt er in gar keiner Sprache, sondern nur einfach hohe Töne.“ Es folgen einige Mitteilung von Estas Tonne auf Englisch zwischen seinen Stücken, politisch absolut korrekte Trivialitäten über Gott und die Welt – und natürlich die Umwelt und das Bewusstsein und die Kraft, die in uns und aus uns strömt. Und wieder meditative Musik. Und eine der in fair-trade-Stoffe gehüllten Damen seufzt: „Der sagt immer so tolle Sachen!“
 
Hat man sich an diese schöne neue Welt erst einmal gewöhnt, bleibt auch noch Zeit, sich auf die Musik zu konzentrieren. Und nun merkt man deutlich, daß das Gitarrenspiel Tonnes über alle Zweifel erhaben ist. Eine bewundernswerte Virtuosität! Ein Meister seines Fachs! Auch Danzas Spiel vor allem an der Shakuhachi-Flöte ist den Eintritt wert. Goldbergs Gesang/Töne runden das Erlebnis gekonnt und stimmig ab. Das fand auch das Publikum, das die Musiker frenetisch feierte. Nicht ganz mithalten konnte die Akustik im neuen Konzertsaal. Es schien so, als würde der über die Lautsprecher wiedergegebene untere Mitten- und Bassbereich zu stark betont und damit die Klarheit der Wiedergabe insgesamt beeinträchtigen. Irgendwie verschwimmt der Gesamtklang immer wieder in nebulös Wolkigem. Hoffentlich ist das nur eine Frage des noch fehlenden Fein-Tunings.
 
Die Jazztage Dresden sind mit einem größeren Programmangebot als jemals zuvor mit täglich mehreren Konzerten noch bis 26. November zu genießen. Das Programm findet man unter jazztage-dresden.de. Karten gibt es an den üblichen Vorverkaufsstellen und über das Internet.
Ra.
 
Estas Tonne
9. November, Kulturpalast Dresden