Wahlpatenwahl plus Leihstimmenparty

Lostrommel statt Urne – ein indirektes Wahlexperiment

»Wir brauchen eine Demokratisierung der Demokratie«, fordert Alexander Karschnia. Rein als Selbstzweck, um jene Herrschaftsform zu bewahren. Und damit meint er nicht absolute Wahlbegeisterung mit hohen Beteiligungsquoten. Im Gegenteil: Es geht um neue Formen der politischen Verantwortung jenseits des Parteiensystems. »Wir sehen überall in Europa die gleiche Unzufriedenheit mit den Etablierten«, analysiert er.

Mit seiner einst in Mainfrankfurt gegründeten und derzeit in Berlin residierenden Andcompany&Co. – einem Trio aus Schauspiel- und Regiekünstlern, zu dem noch Nicola Nord und Sascha Sulimma gehören – wollen sie der Sache auf dem Grund gehen. Dazu kam ihnen ganz recht, dass das Staatsschauspiel rechtzeitig bemerkte, dass deren Eröffnungswochenende just mit der Wahl zum 19. Bundestag endet. So erschien die Anfrage nach einer Arbeit passend.

»Wir wollen als Künstler schon intervenieren«, beschreibt Karschnia das Motiv – und erinnert just an Christoph Schlingensief, mit dem er einst zusammmenarbeitete und der just genau am Tag des Gespräches vor sieben Jahren starb. Jener Schlingensief, der an der Kohl-Ära genauso litt wie viele Progressive im Land – und der heute der politisch zahmen Theaterwelt fehlt wie nie zuvor. Man kann davon ausgehen, dass er längst Flüchtlingscontainerdörfer rings um die süddeutschen Waffenfabriken gebaut hätte, um die globalen Kausalitäten besser zu illustrieren.

Seine Erben gehen es kleiner, aber vielleicht wirksamer an. Denn dass das Parteiensystem samt seiner parlamentarischen Demokratie zunehmend aus den Fugen gerät und damit die sogenannte Volksvertretung nur noch zum Wahlpopanz taugt, sieht man nicht nur in Nordamerika, Britannien und Frankreich. Die Nichtwähler sind die stärkste Partei, ihre Wahrnehmung wird erst jetzt virulent, da man bitter erkennen muss, dass längst nicht nur der stupide weiße Trash nicht wählt (und wenn, dann anders als gedacht respektive gewünscht), sondern dass auch viele intelligente Menschen sich nicht mehr vertreten fühlen in der Talkshowrepublik.

Der Ansatz des Berliner Trios ist eine Mischung aus Bürgerbühne und Dokutheater: Ein Experiment in indirekter Demokratie, genannt »Die Wahlokratie: Fin de Partie«. Hier kommen all jene zu Wort, die nicht wählen können oder dürfen – um dann doch zu wählen, aber nicht per Urne, sondern per Losverfahren. Karschnia verweist auf die Spielstätte: Die Dreikönigskirche als Ex-Landtag ist der Ort der verfassungsgebenden Versammlung Sachsens. »Hier wird echte Geschichte erlebbar – auch für uns als Westkids, die mit der Wende nicht viel zu tun hatten. Es war ein historischer Aufbruch, der offenbar irgendwie irgendwann abgebrochen wurde.« Auch diese Gründe interessieren sie bei der Produktion, über die er nur so viel verrät, dass sie im Prozess mit allen Beteiligten entstehen wird und dass die Kernshow an die Mutter aller Fernsehshows, jenes selige »Herzblatt« angelehnt sein wird.

Aber warum dann nicht ein direktes Wahlexperiment? Plebiszite, also echte Volksabstimmungen, über heikle Themen als Alternative auch für Deutschland sind doch populäre Forderungen, die vor kurzen noch von Linken vertreten wurden? »Weil man die sehr leicht manipulieren kann«, meint Karschnia und verweist auf den von deutschen Journalisten so getauften »Brexit«, also den selbstbestimmten Abschied von Großbritannien aus der europäischen Festlandsunion. Er gesteht dabei der AfD durchaus Geschicklichkeit zu, die gern auf Schweizer Wegen reisen würde, wobei Vox populi gemeinhin gen rechts der sogenannten Mitte tendiert und tendenziell nur schlichte bipolare Entscheidungen gut getroffen werden können. Auch die Mobilisierung gelingt nicht immer ohne große Hilfen via Kampagnen von Interessenvertretern aus der Wirtschaft.

Warum also nicht auf Aristoteles zurückgreifen, der die wahre Demokratie nur durch persönliche Verantwortung möglichst vieler fürs Gemeinwesen sah, verrät Karschnia, der mit seiner Company schon vor genau zehn Jahren in Stuttgart mit dem neuen Chefdramaturgen Jörg Bochow mittels Heiner Müllers »Hamletmaschine« zusammenarbeitete, eine Idee der Volksbildung via bildende Kunst. Denn ein Ideengeber für die Dresdner Inszenierung ist Jan Brokof, Ex-HfBK-Meisterschüler, der nun für die Dreikönigskirche als Bühnenbild eine große Wahlmaschine bauen wird. Diese wird dafür sorgen, dass die Wahlpatenschaft respektive jener Stimmenverleih in eine große Lotterie mündet: Die Mandate werden verlost – und tendenziell ist jeder Bürger geeignet und auch jeder dran.

Klar war im alten Athen nicht jeder im Bürgermodus – Sklaven und Frauen waren zum Beispiel wie Kinder außen vor. Aber Volksvertretung auf klar bemessene Zeit – so eine Botschaft von »Die Wahlokratie«, bei der sicher wieder ganz Deutschland auf Dresden schauen wird – wäre vielleicht eine Lösung gegen Machtmissbrauch und Korruption. Also: Jeder kanndarfmuss regieren und muss durch das Vertreterjoch – man wächst mit seinen Aufgaben, manche werden auch schrumpfen.

Ob das wirklich in größeren Gemeinwesen trägt und wie sich das mit dem internationalen Turbokapitalismus der Version 4.0 und dem noch recht unergründeten Phänomen der Macht der Superreichen verträgt, scheint erst einmal sehr fraglich. Aber auch darüber will Karschnia, der gern jeden überzeugen will, mitzumachen, gern reden. Zwanzig Mitstreiter hat das Trio schon, und wird – beginnend mit dem Montagscafé am 28. August und dann auch tagsüber vor der Dreikönigskirche – weiter werben. »Uns interessieren auch pure Erzählungen und wir können auch Videofilme ins Geschehen einspeisen«, lässt er keine Alibis zu.

An Publikum für das einmalige Ereignis, weshalb sich der Begriff Uraufführung nicht so recht eignet, plant man bislang mit 280 bis 320 Leuten, wobei Karschnia sich sicher ist, dass es richtig voll wird. Diese müssen am 19. September nur zehn Eulen in Form von griechischen Euro in die Dreikönigskirche mitbringen, bei der Wahlparty am Sonntag (Start mit Schließung der sogenannten Wahllokale) soll dann jeder bezahlen, was das Tränensäckel hergibt. Dass dieses leergeweint und/oder -getrunken sein wird, ist schon jetzt absehbar, denn dank der AfD wird es – so wie von Prof. Werner J. Patzelt vorhergesehen – wohl auf lange Zeit keine Regierung in Land wie Bund ohne sogenannte Christdemokraten geben. In einer Parteiendemokratie jetziger Malaise.
Andreas Herrmann

Die Wahlokratie: Fin de Partie 19. September, 20 Uhr, Dreikönigskirche
Wahlparty am 24. September, 18 Uhr, Kleines Haus
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