Wir haben die Noten, wir haben das Orchester!

Vor John McLaughlins Auftritt am 10. März in der Tante Ju erinnert sich Markus Rindt von den Dresdner Sinfoniker im Interview an die Arbeit an „Apocalypse“

Markus Rindt (l.), John McLaughlin

John McLaughlins Dresdner Auftritt wird hier vor Ort in der Sächsischen Elbmetropole mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Immerhin sind es die Dresdner Sinfoniker gewesen, die seine Komposition „Apocalypse“ 1999 auf eine Konzertbühne brachten. Markus Rindt, neben Sven Helbig einer der beiden Mitbegründer des Klangkörpers, erinnert sich an die teilweise sehr persönlichen Begleitumstände.

„Apocalypse“ stammt aus John McLaughlins Schaffensphase mit seinem Mahavishnu Orchestra, einem Jazzrock-Ensemble der Extraklasse. Die originale Studioeinspielung entstand unter Mitwirkung des London Symphonie Orchestra und erschien 1974 auf dem gleichnamigen Album. Damals sind Synthesen aus Rockspielweisen und sinfonischen Klängen arg in Mode gewesen. Weshalb fiel eure Wahl ausgerechnet auf dieses Stück?
Ich floh 1989 über die Prager Botschaft in den Westen, und bin in Köln, wo ich vorübergehend lebte, jemandem mit einer faszinierenden Schallplattensammlung begegnet. Er hat mich mit der Musik von John McLaughlin bekannt gemacht. Das heißt, ich kannte „Friday Night In San Francisco“ mit Paco de Lucia und Al Di Meola, das Mahavishnu Orchestra aber kaum. Mit den Dresdner Sinfonikern hatten wir uns genau eben solchen Fusionen von Orchester, zeitgenössischer Musik, Rock und Jazz verschrieben. Sven ist von „Apocalypse“ sofort begeistert gewesen. Also sind wir zu einem John McLaughlin-Konzert im Kölner Stadtgarten gefahren und fragten ihn ganz direkt, was er von einer Aufführung seiner Komposition hielte und ob er mitmachen würde. Er schaute uns erstaunt und mit einem gewissen Bedauern an und sagte, es täte ihm furchtbar leid, aber dieses Stück existiert nicht mehr. Die Partitur sei gestohlen worden. Bei einem Umzug von New York nach Paris wären mehrere Kisten abhanden gekommen, darunter eine mit Noten. Mein spontaner Vorschlag war, das Stück von Schallplatte zu rekonstruieren. Aber er meinte bloß, ach was, der alte Kram! Für uns natürlich eine herbe Enttäuschung. Zurück in Dresden überlegten wir, wer uns „Apocalypse“ von der Schallplatte abschreiben könnte. Uns fiel nur einer ein, Dietrich Zöllner, der sofort zusagte und jede Orchesterstimme Note für Note aufschrieb. Nach einem Jahr war es geschafft. Wir sind dann erneut an John McLaughlin herangetreten, eine Antwort ist leider ausgeblieben.

Auch als Gitarrist ist John McLaughlin eine echte Koryphäe. Sicher kein Leichtes, für ihn eine Vertretung zu finden. Adam Rogers ist es schließlich geworden. Wie seid ihr auf ihn gekommen?
Ursprünglich dachten wir an Mike Stern. Sven und Bassist Tom Götze sind deshalb nach New York geflogen, um mit ihm zu jammen. So richtig wollte es nicht passen. Wir brauchten außerdem jemanden, der extrem gut Noten lesen und sich die Partitur in kürzester Zeit aneignen konnte. Wie wir auf Adam Rogers gestoßen sind, weiß ich gar nicht mehr genau. Er kam jedenfalls nach Dresden für eine Jamsession – wieder mit Sven und Tom –, und die beiden sind mehr als angetan gewesen. Adam war nicht nur ein ausgezeichneter Gitarrist, er spielte genauso versiert Bass und Schlagzeug. Ein richtiges Allroundgenie, Sven konnte es kaum fassen. Joerg Widmoser, unser Violinist, war auch eine kongeniale Besetzung. Den kurzen Gesangspart übernahm Canan Brown. Alle anderen Mitstreiter kamen wie immer aus verschiedenen Orchestern und hatten eine Affinität zu unseren Projekten.

Was ist das Besondere an „Apocalypse“ im Unterschied zu ähnlichen Kompositionen seit den späten Sechzigern? Es gab eine ganze Reihe!
Die verschiedenen Elemente sind wunderbar miteinander verwoben. Man hat die Band, die unglaublich abgeht. Und das Orchester, das streckenweise sehr romantisch wirkt, fast schon an Filmmusik erinnert, aber eben nicht zum Begleiter degradiert wird. Ganz oft ist es der Fall, dass das Orchester lediglich einen Background liefert. Man hat diesen fantastischen Apparat und denkt bloß: Die sind doch völlig unterfordert! Gerade wenn sich angesagte Bands heute mit Streichern umgeben, dürfen die höchstens hier und da lange Töne halten. Ich hasse so etwas. John McLaughlin hingegen verbindet das sehr interessant. Man konnte das auf der Bühne spüren, wie das Orchester mitging, selbst dann, wenn es gerade nichts zu spielen hatte. Es ist zweifellos auch eine Herausforderung für das Orchester gewesen, erst recht für den Dirigenten. Denn, im Gegensatz zum Normalfall, da der Rhythmus von ihm ausgeht und dieser auf das Orchester übertragen wird, muss sich der Dirigent am Schlagzeuger orientieren. Und Schlagzeuger sind es bekanntlich nicht gewohnt, den kaum vermeidbaren Temposchwankungen des Dirigenten zu folgen, wenn sie gerade so schön am Grooven sind. Deshalb mussten sich Dirigent und Schlagzeuger unbedingt aufeinander abstimmen, sonst hätte das nicht funktioniert. Aber Michael Helmrath hat das sehr gut gemacht, und Sven hat fantastisch getrommelt. Ich finde, „Apocalypse“ ist ein ungeheuer emotionales, hoffnungsvolles Werk und überhaupt nicht so düster, wie man das auf Grund des Titels vermuten könnte.

Gab es nach eurer Aufführung bei den Dresdner Filmnächten am Elbufer eine Rückmeldung von John McLaughlin?
Nur indirekt durch den Berliner Musikjournalisten Wolf Kampmann, der John McLaughlin bei einem Interviewtermin Jahre später nach unserer Aufführung fragte und wohl sehr erstaunt zur Antwort bekam: Was, die haben das wirklich gemacht?! Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass wir das durchziehen. Was ich sehr schade finde, ist, dass die Aufführung zwar gefilmt wurde, aber es gibt keine anständige Tonaufzeichnung. Eine VHS-Kassette mit dem Stereosignal aus dem Mischpultausgang, das ist alles, was wir haben. Das lässt sich sicherlich überspielen, aber die Qualität ist ziemlich miserabel.

Würdet ihr „Apocalypse“ erneut aufführen, wenn John McLaughlin diesmal bereit wäre, mitzuwirken?
Eine grandiose Idee, wir sollten ihn fragen. Wir haben die Noten, wir haben das Orchester! Ein geeigneter Rahmen müsste sich selbstverständlich finden. Aber absolut, würde ich sofort machen.

Wirst du dir das Konzert in der Tante Ju anschauen?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, wir haben ihm dieses Video von unserer Aufführung nie geschickt. Vielleicht sollte ich eine Kopie einstecken.
Bernd Gürtler

John McLaughlin & 4th Dimension
10. März, 20 Uhr, Tante Ju
Tickets: www.saxticket.de
www.johnmclaughlin.com