Das Böse zieht sich durch

Verdis „Otello“ neu an der Semperoper

Foto: Monika Forster

In meinem Bekanntenkreis habe ich Freunde - gebildete, kulturinteressierte Menschen in den besten Nach-Midlife-Crisis-Jahren -, die niemals freiwillig in die Oper gehen würden. „Versteh ich ja nicht, zu langweilig …“ sind einige Argumente und Stoff für Streitgespräche. Bei der jetzigen Otello-Premiere in der Semperoper saß ich im Saal und konnte sie verstehen. Schon allein die äußeren Faktoren…

Das großartige Drama „Der Mohr von Venedig“ schrieb der Engländer Shakespeare Anfang des 1600 Jahrhunderts, es spielt eigentlich in der Republik Venedig, auf der annektierten Mittelmeerinsel Zypern. Die Oper darüber komponierte der bereits betagte Giuseppe Verdi 1887 in italienischer Sprache, die Obertitel über der Semperoper laufen in Deutsch und Englisch. Das komplexe Konstrukt geht auf der Bühne weiter.

Der Mohr als Hauptfigur ist natürlich kein Schwarzer (war er auch schon bei Shakespeare nicht), sondern ein Heldentenor. Das Sängerensemble der von den Osterfestspielen Salzburg übernommenen Inszenierung dem Rang der Semperoper angemessen ein internationales und wie Menschen sonst auch, sind manche Sänger klein, andere groß, manche Spielbegabt, manche eher steif. Was, über Verdis geniale Musik und die kulinarisch großen Stimmen hinaus, macht nun die Berechtigung für die Realisierung eines so hochkomplexen, aufwändigen Kunsterlebnisses auf einer Bühne heute aus und den Reiz, es unbedingt live miterleben zu wollen? (Ich könnte mir die Musik ja auch bequem zu Haus auf dem Sofa anhören oder im Konzert).

Für mich ist es die Erschaffung einer szenischen Realität, die die Kraft hat, eine Geschichte und die Handlungen und Emotionen der beteiligten Figuren für einen zeitlich und örtlich definierten Moment glaubhaft und nachvollziehbar erstehen zu lassen. Das Regieteam um Vincent Boussard hat mich da enttäuscht. Das Bühnenbild (Vincent Lemaire) ist ein ästhetisch schöner leerer Raum, der durch Videos und Lichtregie mit grellem und Schattierungen von grauem Licht und viel Schwärze arbeitet, aber kaum eine zeitliche oder örtliche Definition anbietet. Der in den wenigen Auftritten markante Chor und die Männerriege der Offiziere um Otello stecken in aufwendigen Kostümen, deren Goldbordüren, Überwürfe und Rüschenkragen vielleicht  an Venedig erinnern, vor allem aber an die Raffinesse eines Modemachers wie Christian Lacroix, der hier als Kostümbildner nur leider den erfolgreichen Feldherrn Otello (Stephen Gould), etablierter Staatsmann und geliebter Ehemann, so ganz in Stich lässt. Ein Held in schlammfarbener Cargo-Hose und einfachen Hemden, da lässt er sich nur zu schnell von seinem auch stimmlich stark auftrumpfenden Widersacher Jago (Andrzej Dobber), der im perfekt geschneiderten, blauen Anzug auftritt, in die Knie zwingen. Darstellerisch passiert viel mehr nicht in dieser Inszenierung.

Die Sänger stehen und kommen als Figuren gar nicht zum Spielen zueinander, ihr Konflikt erklärt sich nicht, noch ihre Beweggründe. Cassios Fall in Ungnade (Antonio Poli ) im Hin-und Herstolzieren auf einer langen Tafel, ansonsten blass als eigentlicher Spielball der Intrige, das Liebesduett zwischen Otello und Desdemona (Dorothea Röschmann) an die Wand gepresst und reflektiert in einer riesigen Spiegelwand vor einem Sternenhimmel, Jago auf einem Stuhl demagogisch dozierend, Otello auf den Knien die Scherben seiner Kaffeetasse (?) einsammelnd, Desdemonas und Otellos Streit vor und zwischen Kerzenständern auf der langen Tafel – insgesamt ein beeindruckend illuminiertes szenisches Konzert, aber keine dramatische Handlung. Wohl aber lässt Christian Thielemann mit der Staatskapelle im Orchestergraben diese aus Verdis genialer Partitur erblühen, eindringlich laut stellenweise, nichts für schwache Nerven.

Und im letzten Bild ist man fast versöhnt, in einer weißen Kammer singt Desdemona wunderschön wohltönend von ihren Todesahnungen, die Intrige wird aufgeklärt, doch zu spät, Otello mordet erst die Geliebte und dann sich und stirbt endgültig selbst zu Füßen eines Todesengels. Schade nur, dass dieser schwarze Engel, realisiert durch eine Tänzerin, schon vom ersten Bild an die Handlung begleitet und alle Tragik vorausnimmt. Am Anfang hält er im Sturmbild die flatternden Segel als Gallionsfigur zusammen, kriecht unter und auf der Tafel umher, begleitet die Eifersuchtsausbrüche Otelos, geht selbst in Flammen auf. Schön anzusehen, aber für den knapp dreistündigen Opernabend nicht hilfreich.
Isolde Matkey

Otello
Dramma lirico in vier Akten von Giuseppe Verdi, Libretto Arrogo Boito.
Musikalische Leitung: Christian Thielemann, Regie: Vincent Boussard, Semperoper.
Nächste Vorstellungen: 1. und 5. März 2017, 11., 13. und 28. Mai 2017
www.semperoper.de