Im Konfettiregen

„Der Graf von Monte Christo“ am Schauspielhaus Dresden

Foto: Matthias Horn

So leid es mir tut, aber das Wort Konfetti kann man bei dieser Inszenierung des weltberühmten Romans „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas gar nicht oft genug erwähnen. Konfettidusche, Konfettipisse, Konfettisturm – Konfetti soweit das Auge reicht, dazu die regelmäßige Vernebelung des halben Saales durch mindestens vier Trockeneismaschinen.

Für eine hippe Inszenierung braucht man natürlich noch mehr. Ein gutes Musik-Mashup darf selbstverständlich nicht fehlen. Von HipHop über Filmsoundtracks bis hin zu Klassikern ist alles dabei, sogar ein deutscher Schlager hat sich in die wirklich schlaue Playlist geschlichen. Die Pause lässt man derweil einfach weg und ersetzt diese durch eine kurze Putzunterbrechung, bei der man einfach eine Dame, die hinter den Kulissen arbeitet, dazu nötigt, mit sächsischem Dialekt die Schauspieler zum Aufräumen zu bewegen und dem Publikum dabei ein paar Lacher zu entlocken. Zu guter Letzt verarbeitet man mit ein paar Pointen und einer Live-Bildprojektion die gegenwärtige Weltlage. Trump darf dabei auf keinen Fall als Handpuppe mit überdimensionalem Kopf, aber viel zu großen Händen fehlen. Die deutschen Politiker bekommen auch ihr Fett weg und Napoleon wird gleich mit Putin, Hitler oder Bin Laden gleichgesetzt.

Ganz nebenbei ist das Bühnenbild in seiner Containeroptik natürlich auch ziemlich cool. Ach ja: Dass der Kapitalismus an allem schuld ist, sollte man kurz erwähnen. In einem Jesusvergleich verpackt, ist das wirklich eindrucksvoll. Noch ein bisschen Strobolight, ein paar Karnevalsperücken, aus Müll recycelte Kostüme und ein Jon-Snow-Umhang für den Grafen von Monte Christo. Fertig ist die perfekte politisch-kritische und durchaus unterhaltende Hipster-Inszenierung von Regisseur Simon Solberg. Hätten man den Zuschauern am Eingang noch ein Tütchen mit bunten Pillen in die Hand gedrückt, dann wäre diese Inszenierung definitiv in die Geschichte der abgefahrensten Trashauführungen eingegangen – sponsored by Adidas. Doch leider gab es diese nicht, weshalb man sich unschlüssig war, ob die ganze Show jetzt wirklich gut oder einfach nur over the top war.

Ganz nebenbei ist der „Der Graf von Monte Christo“ jene große Story über einen Helden, der durch seine Rachegelüste zum Antihelden seines eigenen Lebens wird. Die Geschichte spielt während der Umbrüche in der französischen Gesellschaft zwischen 1814 und 1838 und thematisiert nicht nur das tragische Schicksal eines einzelnen Mannes, sondern auch die Entwicklung der westlichen kapitalistischen Gesellschaft.
Durch Intrigen wird der Seemann Edmond Dantès nicht nur seiner Hochzeitsnacht, sondern auch seiner Freiheit beraubt und auf der berüchtigten Gefängnisinsel Château d’If gefangengehalten. Nach 14 Jahren gelingt ihm die Flucht mithilfe seines Gefängniskompagnons Abbé Faria, welcher Dantès vor seinem Tod noch das Geheimnis von einem verborgenen Schatz auf der Insel Montecristo anvertraut. Nach seiner Flucht macht er sich auf die Suche nach dem berüchtigten Schatz und wird schlussendlich fündig. Als reicher Graf von Monte Christo kehrt schließlich er zurück in seine Heimat, um sich an den Männern zu rächen, welche für seine Verurteilung verantwortlich waren.

An sich eine Thematik, die wohl nie aus der Mode kommen wird, und der Alexandre Dumas zurecht auch 1.500 Seiten gewidmet hat. Es scheint jedoch, als würde Solberg hingegen die wichtigsten Passagen und Ereignisse der ursprünglichen Story nur schnell auf seiner imaginären To-do-Liste abhaken, um sich seiner eigentlichen Mission zu widmen: permanent ein Statement zu Gott und der Welt zu geben. Das Ensemble scheucht er dabei über die Bühne und durch das Stück, ganz nach dem Motto: „Wer nicht schwitz, hat nichts geleistet“. Es wird gekrabbelt, Rad gefahren, geraved, sich ausgezogen, dann wieder angezogen und nochmal umgezogen. Die Schauspieler wechseln wild zwischen ihren Dialogen und den Erzählerpassagen hin und her, schlüpfen in unterschiedliche Charaktere und bedienen nebenbei noch die Multimedia-Installation.

Bei diesem Pensum, das alle wie ferngesteuert abliefern, kann man nur ins Schwitzen kommen. Deshalb sollte man eigentlich nach dem Stück von der aufopferungsvollen Leistung der Schauspieler schwärmen. Doch das Einzige, das schauspielerisch von der ganzen Show im Kopf hängen bleibt, ist, dass alle wirklich angenehme und fesselnde Stimmen haben. Wer einen Schuldigen sucht, findet ihn auch schnell: die Live-Bildprojektion. Das Auge des Zuschauers muss sich permanent zwischen dem Bilderhagel im linken und rechten Teil der Bühne und der eigentlichen Performance in der Mitte entscheiden. Und, sind wir mal ganz ehrlich, obwohl wir alle Bilder von Hitler, Putin, Bin Laden oder irgendwelchen AfD-Mitgliedern schon tausendmal gesehen haben, wir können schlussendlich nicht den Blick davon abwenden. Was natürlich noch spannender ist, sind nackte Menschen und sexuelle Handlungen, die in vielen modernen Inszenierungen als „schockierender“ Fun Fact eingesetzt werden, aber bis auf den kurzen Auftritt eines Penis von irgendeinem der Schauspieler wird in dieser Inszenierung diesbezüglich nichts weiter geboten, um den Blick der Zuschauer auf das eigentliche Geschehen zu lenken. Hinzu kommt, dass die Bildercollagen echt witzig und fesselnd mit den Dialogen und Erzählpassagen abgestimmt wurden und besonders im dramaturgisch schwächeren zweiten Teil der Inszenierung einfach prickelnder sind als das, was parallel auf der Bühne passiert.

Zu guter Letzt ist ein Theaterstück ein Gesamtkunstwerk und Solbergs Interpretation von „Der Graf von Monte Christi“ alles in allem durchaus ein wirklich spannendes Erlebnis. Wer trotzdem kein Risiko eingehen will, sollte sich auf jeden Fall vorher ein Tütchen mit bunten Pillen besorgen.
Felicitias Galinat

Der Graf von Monte Christo; Regie: Simon Solberg, Schauspielhaus
Mit Thomas Eisen, Henriette Hölzel, Ben Daniel Jöhnk, Torsten Ranft, Nicolas Streit, Nadja Stübiger und Sven Kaiser
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Nächste Vorstellungen am 9. und 20. April sowie am 10. und 16. Mai 2017
www.staatsschauspiel-dresden.de