

»Hamlet« als rockiges Drama um einen fanatischen Idealisten
Großes Theater im Schloss von Helsingör. So startet die Inszenierung von Shakespeares »Hamlet« in der Regie von Roger Vontobel. Prinz Hamlet rockt mit seiner Band vor den Logen, wo das Königspaar, Freunde, Ophelia lauschen. Das echte Publikum sitzt dem Bühnenbild von Claudia Rohner gegenüber, das eine Spiegelung der Seitenlogen im Saal vortäuscht. Dadurch ist man mittendrin in diesem Drama, das fiebriger und nicht so in Recht- und Unrecht-Kategorien festgelegt daherkommt wie gewohnt. Man ist also Teil dieses »faulen« Dänemarks. So wird später Christian Friedel, der Hamlet wortwörtlich verkörpert, über die erste Zuschauerreihen schreiten und »uns« Dänen mit Worten angreifen.
Der erste Teil der Inszenierung weckt sofort das Interesse - mit Rhythmus, mit von den Schauspielern und Musikern der Band Woods Of Birnam getragenen Spannung und der Fokussierung auf die fanatischen Untertöne in Hamlets Handeln. Denn dieser Hamlet ist nicht zum Bemitleiden und Mitleiden angelegt. So verbissen wie dieser Jüngling hier seinen toten Vater anbetet, dessen grimmiges Riesenkonterfei wie bei der Ehrung eines verstorbenen Diktators an beiden Bühnenseiten hängt, kann er doch nicht ernsthaft Recht und Unrecht hinterfragen. Er legt sie fest – bedingungslos, egal ob es um Vatermord oder Liebe oder Freundschaft geht.
Elegisch tönt im Lied »Ich nenn dich Hamlet, Fürst, Vater, Dänenkönig, O gib Antwort« über der Szenerie – mehr Ehrerbietung als Suche nach Antworten. In Christian Friedels Darstellung verschmilzt dieser Text in der heute etwas behäbig wirkenden Übersetzung von Schlegel mit den stimmigen Lied-Arrangements von »Hamlet«-Passagen und Sonetten. Selbst wer glaubt, Christian Friedel schon oft genug in Dresden auf der Bühne gesehen zu haben und sein darstellerisches Spektrum zu kennen, wird überrascht sein von der Bandbreite dieses Hamlets.
Torsten Ranft in der Rolle von Claudius gibt sich staatsmännisch, lässt beim Zuschauer sogar leise Zweifel an seiner Schuld aufkeimen. Mit Politik in eigener Sache (mit Ophelia als Einsatz) versucht sich Ophelias Vater Polonius, den Ahmed Mesgarha als Intriganten darstellt – bekanntlich geht das nicht gut: Polonius wird versehentlich erstochen, Ophelia dreht durch und ertränkt sich. Annika Schilling spielt überzeugend eine Ophelia, die offenen Auges ins Verderben läuft – und ihre Abgründe in einem manisch-depressiven Finale zelebriert.
Der zweite Teil der Inszenierung nach der Pause, in dem die Musik nicht vordergründig ist, wird vor allem von solch schauspielerischer Leistung getragen – solides Staatstheater-Handwerk eben. Leider schwächen sich dadurch der Zauber und die Zwischentöne des ersten Teils. Nach einer konventionellen Begräbnisszene mit Sternenhimmel trumpft die Regie wieder mit einem frischen Einfall. Christian Friedel übernimmt den Schluss mit all den Sterbenden in einer temporeichen Mischung aus Clownerie und Pantomime. Dann darf kurz geschwiegen und lange applaudiert werden.
Bistra Klunker
Hamlet von William Shakespeare, Regie: Veronika Steinböck; Schauspielhaus. Nächste Vorstellung: 26. Juni.
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