

„Traumschlüssel“ - eine Produktion von tjg und Freaks und Fremde
Ein Fenster mitten im Raum, dahinter der Himmel. Als das Fenster geöffnet wird, hört man es rauschen und stürmen, ach es ist das Meer da draußen, nicht der Himmel! Als der Mann das Fenster schließt, ist wieder Stille und wir befinden uns mit ihm in einem Innenraum, vielleicht sogar in seinem Kopf. Wird der Himmel zum Meer allein durch das Geräusch, macht also unsere Vorstellung von etwas es erst zu dem, was es uns scheint?
So kompliziert, wie sich das schreibt, war diese Theaterstunde für Menschen ab vier gar nicht, die ganz nebenbei auch zu einer verspielten Unterweisung in Sachen Theater für Zuschauer jeden Alters wurde. Da beißt ein Mann in einen Apfel, während wir ein Wiehern hören. Plötzlich ist der Apfel ein Pferd und der Appetit dessen Feind, der ihn mit weit aufgerissenem Mund festhält, bis Blätter aus ihm sprießen. Das Fenster fliegt auf, ein frischer Wind weht hinein und die Welt steht vollends Kopf.
So wie René Magritte in seinen Bildern scheinbar zufällig zusammengestellte Versatzstücke in ungewöhnliche Kombinationen bringt, spielen Heiki Ikkola und Sabine Köhler (er spielt, sie baut die Objekte und assistiert ihm sensibel) mit Motiven aus Margritte‘s Bildwelten, indem sie diese theatralisch aufladen, also Situationen erfinden, in denen sich die Menschen und die Dinge zueinander verhalten. Gemeinsam mit Jörg Lehmann (Mitarbeit Regie), Daniel Williams (Musik und Sound) und Falk Dietrich (Licht) erschaffen sie eine Wirklichkeit, die überrascht, verzaubert und zum Lachen bringt ob ihrer ungewöhnlichen Blickwinkel und Zusammenfügungen.
Am Anfang ist das Ei. Doch als es sich dreht, hat es ein Loch, und Heiki Ikkola schlüpft aus dieser eirunden Geborgenheit. Auf noch wackligen Beinen die Welt ertastend, begegnet das neue Wesen dem Schrillen eines Telefons, und ahmt es - dies als Muttersprache missverstehend - nach. Die erste Prägung also: ein Telefon. Gut, dann eben ein Telefon. Das kreatürliche Staunen des Neuankömmlings lässt die Vierjährigen lauthals lachen. Ein Wiedererkennen?
Durch Einfachheit, Genauigkeit und Langsamkeit lädt Ikkola zu Entdeckungen ein. So wird aus dem Anziehen von Hose, Hemd und Schuhen eine faszinierende Verwandlung vom kindlichen Wesen zum berühmten Magritte‘schen Mann mit Mantel, Melone und wahlweise Pfeife oder Schirm. Der wiederum stellt in verspielt verträumter Weise ununterbrochen Behauptungen auf, die sich zu einer skurrilen Welt formen, in der Alltägliches besonders und das Besondere alltäglich wird.
Nur am Schluss ging den FREAKS wohl die Puste aus, als sie nur noch Bildzitat an Bildzitat reihten, bis schließlich der kleine Mann als Puppe vor dem weiten Himmel stand, die Schuhe ordentlich abgestellt. Denn im Himmel, noch dazu in einem gemalten, braucht es keine Schuhe.
Caren Pfeil
Traumschlüssel Generationsübergreifende Koproduktion von TJG und FREAKS UND FREMDE, Theater Junge Generation. Nächste Vorstellungen: 4. und 5. März