

Am tjg rockt der werte "Werther" von Goethe im Rückwärtsgang
Fünf Mal Werther und zurück – so könnte man die tragenden Ideen der Inszenierung von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ am Theater Junge Generation zusammenfassen. Regisseur Dominik Günther lässt den unglückseligen Werther nämlich von fünf Schauspielern verkörpern: Erik Brünner, Manuel Krstanović, Charles Ndong, Alexander Peiler und Gregor Wolf. Isabell Giebeler als Lotte muss dagegen alleine sehen, wie sie mit der eitlen, aufgeregten Meute zurechtkommt. Und die Geschichte läuft rückwärts – es wird per Band hörbar zurückgespult, zunächst schnell, dann langsamer, bis einzelne, aus dem Text herausgesuchte Tage zu verstehen sind. Beide Ideen sind nicht ganz neu, hier wirken sie zumindest erfrischend.
Am Anfang steht also der Schuss. Die fünf Werthers probieren die passende Selbstmord-Schießpose aus. Sie sind in verschiedenen Kombinationen eines pastellfarbenen Karomusters gekleidet, seriös, aber leger. Zu schick, um zu sterben, das Liebesleiden ist eben groß. Wenn sie kurz darauf danieder liegen, spricht Lotte im parodistischen Ton die letzten Zeilen des Romans, in denen vom Ableben Werthers berichtet wird.
Parodie ist wahrlich vieles in dieser Inszenierung und es zeigt sich deutlich, dass die Verjüngung eines klassischen Stoffs mehr als eine Dimension hat. Auf der einen Seite steht das Zielpublikum, also junge Leute. Wie erreicht man sie im Jahr 2011 mit einer Geschichte, die gefühlte tausend Seiten lang ist, unendlich viel Herzschmerz in sich trägt und einen mit endlosen Naturbeschreibungen belästigt? Klar, da muss was Lustiges her: Fünf Werthers, die in Konkurrenz mit viel Situationskomik um diese mit Zopfkranz sehr »deutsch« aussehende, aber recht ruppige Lotte werben. Dazu der richtige Sound – er wird von der norddeutschen Band Testsieger geliefert, die, auf zwei Mitglieder geschrumpft, auf einem Podest über der Bühne thront und Lieder mit frechen Texten runterschmettern. Sogar zum Mittanzen bringen sie das bereitwillige junge Publikum. Dazu kommt ein Darstellerteam, das boygroupmäßig (mit Lotte!) abrockt und die schräge Arena von Heike Vollmer (Bühne und Kostüme) hoch und runter krabbelt, rutscht und umkreist und offensichtlich viel Spaß daran hat. Und das junge Publikum ist entzückt – nicht zuletzt, wenn die Werthers in Unterwäsche männlich posen und dabei eigentlich ernst zu nehmende Gedanken über Freiheit und Konventionen äußern.
Bei nüchterner Betrachtung, also wenn die rockige Stimmung wie Nebel verfliegt, da fragt man sich schon: Was soll der Werther heute hier, außer dass man sich über ihn lustig macht? Aber leiden wegen einem verpopten Werther? Nein, dafür ist er zu lustig.
Bistra Klunker
Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang von Goethe, Regie: Dominik Günther, Theater Junge Generation. Nächste Vorstellungen: 28. und 29. Februar