Was morgen auf den Tisch kommen könnte

Die Ausstellung "Future Food" im Deutschen Hygiene-Museum

Izumi Miyazaki: "Sandwich" (2014)

Im Hygiene-Museum ist man ja gern der Zeit voraus. Nicht nur, was die Themen, das Ausstellungsdesign, die Interaktion mit dem Publikum angeht, es ist auch das erste Museum in Dresden, das sich nach dem Corona-Lockdown mit der Eröffnung einer neuen Sonderausstellung zurück ins „normalere“ Leben meldet. Vorsichtig einerseits, mit Regelungen, die seit Anfang Mai schon in der Dauerausstellung ausprobiert werden – begrenzte Besucherzahl, Rundgang nur mit Maske, mit an der Kasse zu erwerbenden Einmalkopfhörern (wer die eigenen vergessen haben sollte), mit einer Arbeitskraft, die ausschließlich mit dem Desinfizieren der anzufassenden Ausstellungsgegenstände beschäftigt ist, der maximalen Reduzierung der sonst üblichen interaktiven Stationen. Zum anderen mit einem Paukenschlag: einer großen Party beziehungsweise deren Ende. Denn die Ausstellung »Future Food. Essen für die Welt von morgen« beginnt mit einem Partyzelt, das Buffet geleert, die Tische vollgekleckert und verlassen, einige Gläser umgekippt, Getränke verschüttet. Ein seltsam vertrauter Anblick – ja, so sah es aus, wenn sich Hochzeiten, Sommerempfänge, Abschlusspartys dem Ende näherten, damals, als sich noch mehr als zwei Haushalte treffen und miteinander feiern konnten … Doch bevor man vor der bis ins genaueste Detail beobachteten Installation in Wehmut und Nostalgie versinkt, biegt man ums Eck und erinnert sich, worum es geht. Um das Essen nämlich. Was es für uns bedeutet, neben dem reinen Fakt, dass es uns satt machen soll. Die Art seiner Zubereitung, das Zelebrieren des Verspeisens, Statussymbol, politische Haltung, kulturelle Identität, Heimat, Fernweh – all das und noch viel mehr bedeutet Essen heute. Und in Zukunft?

Und schon hat einen das Hygiene-Museum da gepackt, wo es bewährt besonders gut zugreift: Es hält uns den Spiegel vor, lässt uns den Diskurs nicht nur unbeteiligt von außen betrachten, sondern zwingt uns mitten hinein, gern in Kapitel unterteilt. So auch hier, los geht es mit der Abteilung »Produzieren – zwischen Feld und Labor«. Denn: Wie werden wir produzieren, was eine vielfach gewachsene Weltbevölkerung künftig isst? Wird es mit Permakulturen möglich sein, in ausgeklügelten Gewächshaussystemen, vertikal nach oben wachsend? Oder liegt die Zukunft in Pflanzenernterobotern? An deren Präzision wird noch gearbeitet, denn es ist gar nicht so leicht, eine weiche Frucht, die gleichwohl recht fest angewachsen ist, so zu ernten, dass sie nicht zermatscht, wenn dafür keine menschliche Hand eingesetzt wird. Verschiedene Forschungsprojekte, Prototypen, diametral entgegengesetzte Ansätze zeigen die mögliche Entwicklung auf, in die die Lebensmittelproduktion gehen könnte.

Könnte sich In-Vitro-Fleisch durchsetzen? Und warum hatte Fleischersatz vor hundert bzw. vor fünfzig Jahren keine Chance? Eine große Stärke der Ausstellung sind die wiederkehrenden Ausflüge in die Geschichte: Sie zeigen, dass viele Ideen so oder ähnlich schon mal gedacht wurden und warum sie damals auf dem Markt keine Chance hatten.

Das Kapitel »Handeln – im Netzwerk des Weltmarkts« beschreibt anhand der Produkte Zucker, Hähnchenfleisch und Soja Produktionsprozesse und globale Ungerechtigkeiten. Den weltumspannenden Entwicklungen und »Zwängen« könnte man sich hilflos ausgesetzt fühlen. Doch so leicht macht es die Ausstellung sich und dem Publikum nicht, zeigt sie doch Alternativen auf: Die verweisen immer wieder auf die Macht der Konsumenten, auf die Entscheidungen, die, von vielen täglich getroffen, dann eben Unterschiede erzwingen könn(t)en. Eindrücklich beispielsweise die Geschichte des Zuckerabsatzes: ein begehrter Rohstoff, für den in den vergangenen Jahrhunderten Tausende Sklaven ihr Leben ließen; die Antisklavereibewegung in England stemmte sich dagegen und warb mit Zuckerdosen mit der Aufschrift »not made by slaves« – letztlich erfolgreich. Die Zuckerrohrernte ist auch heute noch gefährlich, die aus der Kolonialzeit stammenden Abhängigkeitsverhältnisse sind längst nicht aufgehoben.

Was kann fairer Handel bewirken, welche politischen Modelle bieten einen Ausweg? Die Ausstellung gibt sowohl Verfechtern der Postwachstumsökonomie als auch der Green Economy das Wort, stellt lokale Nichtregierungsorganisationen vor, spielt eine Bundestagsdebatte ein.

Jeder und jede von uns könnte also doch entscheidend mitreden, das wird noch viel mehr im dritten Kapitel »Wählen – Der Supermarkt der Zukunft« deutlich. Und hier kann man sich nicht mehr drücken, hier soll man selbst drücken (keine Sorge, die Knöpfe werden mehrmals täglich desinfiziert) und bei einer Umfrage die eigenen Vorlieben und Entscheidungsgrundlagen angeben. Was bestimmt unser Kaufverhalten bei Nahrungsmitteln? Wer entscheidet, was denn eigentlich »gesund« ist? Und wie gesund ist es dann? In der »Supermarktabteilung« bekommen die künstlerischen Beiträge, die die gesamte Ausstellung begleiten, einen besonders starken Stellenwert. Wie wir das Essen als solches inszenieren, wie wir uns als Essende inszenieren, hat viel mit kultureller Identität, Herkunft, aber auch mit Moden zu tun. Liegt eigentlich auf der Hand – diverse Videos und Installationen führen einem aber die Absurdität historischer und aktueller Trends vor Augen.

Eine Mischung aus Entsetzen und Erstaunen begleitet die Besucher bis zum Epilog – einer festlich gedeckten Tafel. Sinnlich und spielerisch werden hier die Informationen und Denk-Anregungen zusammengefasst, mit einer Prise Humor und so interaktiv, wie es in Corona-Zeiten eben möglich ist. Denn das ist Essen ja immer auch: eine Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, Erlebtes zu erzählen und zu verarbeiten. Die Dinge abzuwägen. Gemeinsam über die Zukunft nachzudenken. Auch mit Abstand.
Katja Solbrig

Future Food. Essen für die Welt von morgen
bis 21. Februar 2021
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Besuch mit Mund-Nasen-Schutz (Einwegmasken können an der Kasse erworben werden)
www.dhmd.de