„Döblin hat mir meine Abitur-Note versaut.“

Ein Interview mit Regisseur Burhan Qurbani zu „Berlin Alexanderplatz“

Regisseur Burhan Qurbani (links) mit Jella Haase, Welket Bungué und Albrecht Schuch beim Fotocall auf der Berlinale. Foto: Hanna Boussouar/eOne Germany

Mit seinem erst dritten Spielfilm stemmte Burhan Qurbani, 39, die Verfilmung von Alfred Döblins Jahrhundertroman „Berlin Alexanderplatz“ und verlegte den Klassiker in das heutige Berlin. Aus Franz Biberkopf wird Francis, ein Flüchtling aus Westafrika. Realisiert wurde das dreistündige Mammutwerk vom Ludwigsburger Produzenten Jochen Laube, mit dem Qurbani einst an der dortigen Filmakademie studierte. Und mit dem er vor sechs Jahren mit dem Neonazi-Drama „Wir sind jung. Wir sind stark.“ bereits für viel Furore sorgte. Auch auf der Berlinale kam die moderne Romanverfilmung bei Presse und Publikum gleichermaßen glänzend an. Trotz Favoritenrolle ging man bei der Bären-Verleihung leer aus. Dafür gab es elf Nominierungen für den Deutschen Filmpreis und davon fünf der Trophäen. Dieter Oßwald hat für SAX mit dem Regisseur gesprochen.

SAX: Herr Qurbani, „Berlin Alexanderplatz“ zählte zu den Favoriten der Berlinale. Dennoch gingen Sie völlig leer aus. Sind Festivals so ungerecht wie jene Wirklichkeit, die im Film geschildert wird?
Burhan Qurbani: Ungerecht finde ich das nicht. Mich freut der Goldene Bär für das politische Drama „Es gibt kein Böses“ aus dem Iran. Natürlich bin ich traurig, dass wir nichts gewonnen haben. Aber es können eben nicht alle Filme im Wettbewerb einen Preis gewinnen. Zudem war es eine wunderbare Erfahrung, wie wir mit „Berlin Alexanderplatz“ durch das Festival regelrecht getragen worden sind. Ganz besonders freut mich das für unsere Schauspieler.

SAX: In der Schule haben Sie bei Döblin kaum geglänzt. Ist die Verfilmung des Jahrhundertromans nun Ihre verspätete Reifeprüfung?
Burhan Qurbani: Döblin hat mir damals tatsächlich meine Abitur-Note versaut. (lacht) Für mich war es spannend, mich jetzt auf eine ganze andere Art mit Döblin auseinanderzusetzen. Döblin war wild. Seine Sprache ist total aufregend und fesselnd. Wenn man jung ist und mit höherer Literatur gerade zum ersten Mal in Kontakt kommt, kann man das noch nicht so richtig schätzen.

SAX: Im Roman wird Franz Biberkopf als hässlich und dick beschrieben. Bei Ihnen könnte der Francis alias Welket Bungué auch als Model durchgehen...
Burhan Qurbani: Welket ist ein gut aussehender Mann. Aber ich beurteile das anders, weil ich die Schauspieler zunächst als Mensch wahrnehme. Wir haben nach einem Darsteller gesucht, der dieses Glitzern in den Augen besitzt. Ob hübsch oder nicht, Welket ist ein großartiger Schauspieler mit einer enormen Leinwandpräsenz. Er kann sensibel sein und im nächsten Moment beängstigend.

SAX: Ihr Werk dauert stolze drei Stunden. Weckt Überlänge beim Publikum keine Berührungsängste, zumal in schnellen Netflix-Zeiten?
Burhan Qurbani: Ich halte viel von diesen neuen Erzählformen der Streaming-Anbieter. Aber es ist eben ein enormer Unterschied, ob man sich etwas auf dem Fernseher anschaut oder gemeinsam mit anderen Menschen im Kino dieses Erlebnis teilt. Nach meiner Einschätzung hat unser Film keine Längen, ich wüsste auch gar nicht, wo man ihn hätte kürzen können. Ursprünglich hatten wir eine Spielzeit von fünf Stunden, die hat mein Editor Philipp Thomas dann auf knackige drei Stunden herunter geschnitten.

SAX: Trotz Mammut-Werk bleibt reichlich Zeit für kleine Anspielungen. Für das Publikum bietet das fast eine kleine Schnitzeljagd. Was hat es etwa mit der Telefonnummer von Reinhold zu tun, die ganz groß auf einem Zettel zu sehen ist?
Burhan Qurbani:  Bei der Telefonnummer von Reinhold handelt es sich um ein „Easter Egg“, einen heimlichen Hinweis auf den Roman. Solche Anspielungen finden sich immer wieder im Film. Seien es Autokennzeichen oder die Zahlen auf dem Sträflingsanzug von Francis. Auch der deutsche Pass, den Francis bekommt, hat eine kleine Überraschung: Sein Nachname Cabeza de castor ist das portugiesische Wort für Biberkopf.

SAX: Die Migranten im Film sind durchweg kriminell, auch Francis neigt zur Gewalt. Kann man sich solche politische Unkorrektheit leisten, wenn man wie Sie, selbst einen Migrationshintergrund hat?
Burhan Qurbani: Eines unserer Vorbilder bei dem Projekt war „Scarface“ von Brian de Palma. Darin geht es um einen kubanischen Flüchtling, der alles andere als gut ist. Trotzdem ist dieses Werk so wichtig für die Filmgeschichte, weil er etwas über die Zerrissenheit in einem Land erzählt. Die Figur ist nicht positiv besetzt, dennoch leidet man mit ihr und versteht ihr Handeln. Solange wir nicht behaupten, die Kriminalität hätte etwas mit der Mentalität von Migranten zu tun, sondern zeigen, dass sie etwas mit den äußeren Umständen zu tun hat, finde ich diese Darstellung legitim.

SAX: Was halten Sie von Fassbinder, der den Stoff zuvor als Mehrteiler verfilmte? Was würde er über Ihre Version sagen?
Burhan Qurbani: Ich mag Fassbinder, aber ich bin kein Fan-Boy. Fassbinder war ein Punk, ich bin in den 1990er Jahren groß geworden und meine Attitüde ist Grunge. Damit verbindet uns eine gemeinsame Basis. Ich glaube, Fassbinder hätte sich gut unterhalten bei unserem Film.

Berlin Alexanderplatz D 2020; Regie: Burhan Qurbani
Mit Welket Bungué, Jella Haase, Albrecht Schuch, Joachim Król
Ab 16. Juli Programmkino Ost und Schauburg