Abstrakt gestern

»Tendenz Abstraktion« im Kupferstichkabinett und »Zukunftsräume« im Albertinum

Ausstellungsansicht »Zukunftsräume«, Albertinum. Foto: Klemens Renner

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden widmen der Entwicklung eines abstrakten und geometrischen künstlerischen Ausdrucks vor rund einhundert Jahren zwei Ausstellungen. Das Kupferstichkabinett zeichnet in »Tendenz Abstraktion« den Weg Wassily Kandinskys nach, ausgehend von einem symbolistisch und spirituell geprägten Frühwerk mit Darstellungen romantischer Traummärchenwelten und sonntäglicher Idylle unter Einfluss des Jugendstils und der russischen Volkskunst. Über zunehmende Formenvereinfachung und Verselbstständigung der Farbe findet Kandinsky zu einer programmatischen, geometrisch versachlichten Ausführung und von jeglicher illusionistischer Nachahmung äußerer Realität befreiten Kunst. Es geht dem Künstler um die Eigengesetzlichkeit und Wertigkeit der bildnerischen Mittel, das Werk spricht vor allem die Sprache von Farbe und Form, den Inhalt kann man nicht sehen, »…den Inhalt, das Innere muss man spüren«. Im Fokus stehen im Kupferstichkabinett Kandinskys Holzschnitte bis Ausbruch des Ersten Weltkrieges. An ihnen und an ausgestellten Druckstöcken kann man Kandinskys Erarbeitung klarer Farbkonstellationen und seinen Drang nach wachsender Freiheit in der Formenordnung nachvollziehen. Ergänzt wird die Präsentation der Entwicklung abstrakter Tendenzen im beginnenden 20. Jahrhundert durch Blätter von Zeitgenossen, vor allem aus dem Umfeld der »Brücke« und des »Blauen Reiters«.

Die Schau im Kupferstichkabinett erzählt die Vorgeschichte der Ausstellung »Zukunftsräume. Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932« im Albertinum. Wer Kandinskys zwölfteilige Grafikmappe »Kleine Welten« von 1922 sehen möchte, erhält mit Blatt IV im Kupferstichkabinett einen Appetizer. Der vollständige Zyklus ist im Salzgassenflügel des Albertinum ausgestellt.

Neben wirklich vielen lobenswerten Punkten an der »Zukunftsräume«-Schau im Albertinum liegt die originelle Qualität der Ausstellung darin, im Jahr 2019, in dem allerorten eine Flut von gleichrangigen und ähnlich fokussierten schönen Bauhaus-Präsentationen droht, eine Ausstellung zum Thema zu konzipieren, die auf großartige Weise Erwartungen und Vorahnungen gerecht wird und in solcher Art wohl kaum anderswo dargeboten wird. Die SKD verbildlichen, dass Dresden in den 1920er Jahren ein Hotspot für konstruktivistische Kunsttendenzen war, dabei weniger künstlerische Produktionsschmiede als vielmehr Rezeptions- und Vermittlungsort. Die Ausstellung erzählt von Kunsthandlungen, privaten Kunstsammlern und Institutionen, welche schon sehr früh, auch entgegen konservativer Kritik und Berichterstattung, die Kunst der Moderne würdigten. Die Ausstellung zeigt aber auch Ausstellungs- und Präsentations­ideen der 1920er Jahre und lädt die Besucher auf eine erlebbare Zeitreise ein. Reenactment heißt das Zauberwort hierfür, auf wundervolle Weise wurden verschiedene Ausstellungssituationen rekonstruiert, im Falle von El Lissitzkys Beitrag für die Internationale Kunstausstellung 1926 sogar in drei Versionen. Sein »Raum für konstruktive Kunst« ist über Fotos und Dokumente, als realer Nachbau und als virtueller Raum erfahrbar.
Patrick-Daniel Baer

Tendenz Abstraktion
Kupferstichkabinett Dresden, bis 12. Mai
Zukunftsräume Albertinum, bis 2. Juni, Katalog 26 Euro
www.albertinum.skd.museum