Abstrakt heute

Hiroshi Sugimoto im Kupferstichkabinett Dresden und »Demonstrationsräume« sowie Heimo Zobernigs »Räumliche Aneignung« im Albertinum

Hiroshi Sugimoto, Studio Drive-In, Culver City, 1993. Foto: Hiroshi Sugimoto/Courtesy of Gallery Koyanagi

Die SKD widmen der Rezeption des abstrakten und geometrischen künstlerischen Ausdrucks in der Gegenwart drei Ausstellungen. Das Kupferstichkabinett führt seine Ausstellung »Tendenz Abstraktion« mit den Fotografien von Hiroshi Sugimoto ins Zeitgenössische. Der japanische Fotograf formuliert den abstrakten Gedanken Kandinskys weiter und scheint Form und Farbe mit Raum und Zeit zu übersetzen. »Seascapes« heißt eine Bildserie, die auf den ersten Blick identische Aufnahmen zeigt – eine Horizontlinie teilt Himmel und Wasser in zwei gleich große unterschiedlich graue Flächen. Das knüpft im geometrischen Bildwert an die Kunst der Moderne an. Nur sehen und identifizieren wir Himmel und Wasser, somit ist ein (von den abstrakten Künstlern negierter) Bildinhalt einer äußeren Realität vorgegeben. Doch geht es tatsächlich darum? Oder haben wir es hier mit einer abstrakten Darstellung von Raum zu tun, einem Versuch, die Unendlichkeit des Raumes zu fassen?

Nur das Bildformat und der Bildträger grenzen die unendliche Weite zufällig ein. In einer Reihe fotografierter Lichtspielhäuser und Autokinos sucht Sugimoto nach einer Darstellungsform für Zeit im Bild. Die Dauer eines ganzen Films bannt der Künstler durch Langzeitbelichtung auf ein einziges Negativ. Auch hier scheint auf den ersten Blick eine äußere Realität abgebildet. Zu sehen sind die geometrische Form der Leinwand, der Kinosaal bzw. die das Autokino umgebene Landschaft. Jedoch der Film selbst, das Einzige, was in der realen Zeitspanne eine permanente Veränderung erfuhr, wurde durch die Langzeitbelichtung aus dem Bild gelöscht und ist nur als eine leuchtende, weiße, entleerte Fläche zu sehen. Während Sugimoto den Gedanken der Abstraktion weiterführt, rezipieren die KünstlerInnen der beiden Begleitausstellungen die Formensprache und Raumkonzepte der Moderne und adaptieren die Gedanken der Avantgarde in künstlerischen Interventionen quer durchs Albertinum.

Im Lichthof steht Heimo Zobernigs Realisierung eines Raumes, den Piet Mondrian 1926 im Auftrag von Ida Bienert für das Damenzimmer in der Bienert-Villa entwarf, aber nie ausführte. Zobernig modifiziert Mondrians Raum mit leicht rechteckiger Grundfläche zu einem begehbaren Kubus. Der österreichische Künstler interpretiert Mondrians von roten, blauen, gelben und schwarzen Feldern und grauen und weißen Rastern geprägte Entwürfe eines Innenraumes auch an der Außenhaut seiner Raum-Skulptur. Ein im ersten Obergeschoss ausgestellter Gemäldezyklus Zobernigs beschreibt dessen seit Jahren anhaltendes Interesse am Raster als richtungsweisende Ausdrucksform der Moderne.

Celine Condorelli, Kapwani Kiwanga und Judy Radul wurden eingeladen, für den Ausstellungspart »Demonstrationsräume« mit künstlerischen Interventionen die Sammlungspräsentation des Albertinum auf herkömmliche Sehgewohnheiten und räumliche Wahrnehmungen zu hinterfragen. Gleich im Eingangsbereich »Gläsernes Depot« befindet sich die Arbeit von Judy Radul. Die Künstlerin adaptiert das Farben- und Formenvokabular der Moderne und stellte alte Skulpturen-Sockel auf neue farbige und geometrisch dominierte Blöcke. Der Besucher erhält zusätzlich über einen Monitor sonst nicht erfahrbare Sichten auf die hinter Glas unzugänglichen Skulpturen. Im Slevogt-Raum transferiert Kapwani Kiwanga korres­pondierend mit dem gerasterten Oberlicht des Ausstellungsraumes die Farbpalette zwischen sandigen Bodentönen und kräftigem Himmel-Hellblau aus zwei Gemälden von Max Slevogt in zwei aus verschiedenen textilen Farbflächen bestehende geometrisch abstrakte, lichtdurchflutete Skulpturen. Celine Condorelli verlinkt die Hauptausstellung mit ihren ebenfalls an der Farben- und Formensprache der Moderne orientierten Sitzauflagen und Sitzmöbeln, die teils von der Künstlerin im Depot entdeckt wurden, mit der Dauerausstellung im zweiten Obergeschoss des Albertinum. 
Patrick-Daniel Baer

Hiroshi Sugimoto
Kupferstichkabinett Dresden, bis 12. Mai
Heimo Zobernig/Demonstrationsräume Albertinum, bis 2. Juni
www.albertinum.skd.museum