Das Ende der Eindeutigkeit

Malerei aus der X. Kunstausstellung der DDR in der Städtischen Galerie

Uwe Pfeifer: Auf dem Wege, 1987, Privatbesitz: Foto: Galerie der Berliner Graphikpresse, © VG Bild Kunst, Bonn 2019

Stimmen. Im Foyer läuft ein Video. Reger Besuch. Eine Gruppe von Jugendlichen steht vor einem Bild und hört interessiert der Mitarbeiterin für Bildung und Vermittlung zu, einige tragen ihre Gedanken zu einem Bild vor. Die Städtische Galerie Dresden hatte selten solchen Zulauf: Kinder, Schüler, alte Menschen mit Rollator, Dresdner und Gäste drängen sich neugierig vor den 34 Gemälden von gezielt ausgewählten Künstlern, die an der X. Kunstausstellung der DDR teilgenommen haben. Zwischen dem 3.10. 1987 und dem 3.4. 1988 kamen 1,1 Millionen Besucher ins Albertinum, in die Ausstellungshallen am Fucikplatz und in die Galerie Rähnitzgasse. Die durch das Ministerium für Kultur und dem Verband Bildender Künstler  (VBK) veranstaltete Schau war nicht nur ein propagandistisches Großereignis sondern vor allem ein Fazit künstlerischer Arbeit, mit der die Künstler/innen versuchten, Antwort auf aktuelle Fragen in der Welt zu finden, aber auch ihre eigenen Existenzbefindlichkeiten zu ergründen. Wer teilnehmen durfte, bestimmte eine vielköpfige Jury von prominenten DDR-Künstlern mit Willi Sitte an der Spitze. Das Ministerium behielt sich Änderungen und kurzfristige Eingriffe in das Auswahlverfahren vor.

Die kollektive verordnete Kunstauffassung war damals schon ins Wanken geraten. Schrieb ein Autor des Kataloges noch, dass sich die Werke durch eine »Hinwendung zum Volke« auszeichnen, so belehren die jetzt ausgestellten Arbeiten eines Besseren: Vor allem ging es den damaligen Künstlern um ihre persönliche Haltung zum Zeiterleben, die Zeugnis vom Sein in der DDR, aber auch darüber hinaus ablegten. Außenpolitische und historische Themen wurden oft drastisch vorgetragen wie in Willi Sittes blutschwerem Doppelbildnis zu den Ereignissen in Nikaragua »Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren« (1985/86), während das tägliche Erleben im Künstleralltag der DDR nicht verklärt und beschönigt wurde. Dabei ist die häufige Tendenz des Überhöhens und Symbolisierens zu beobachten, wie in dem Selbstbildnis von Wolfgang Mattheuer im lichten Gehäus des eigenen, verwinkelten Ateliers »Drinnen, draußen und ich« von 1986, aber auch in Bernhard Heisigs Historienbild »Christus verweigert den Gehorsam« (1986), in dem der Meister den Herrschenden den Spiegel vorhält. Familie und Paarbeziehungen sowie Fragen eines neuen Rollenverhältnisses zwischen den Geschlechtern bestimmten damals schon viele Arbeiten von Künstlerinnen, wie in Angela Hampels Triptychon »Paarungen« (1986) oder Heidrun Hegewalds »Die Mutter mit dem Kinde« (1984/85). Andreas Thiemes »Familienbildnis« (1987) erzählt von harmonischem Zusammengehörigkeitsgefühl und Verwandtenliebe, während Sighard Gilles »Wir beide« (1986) eher kritisch aufzufassen ist, eine Zweisamkeit neben dem Fernseher. Auch das Ölbild mit einem Punkerpärchen »Das Paar« (1987) von Dieter Gantz fällt aus der Reihe des Gefälligen. Peter Grafs Ölbild »Frau vor Welle« (1986), das durch seine surrealistisch-skurrile und intime Pose auffällt, zeugt von einem unbequemen Maler, der sich nicht festnageln lässt.

In der Ausstellung überwiegen erzählerische Themen neben wenigen Porträts (Hartwig Ebersbachs »Kaspar II, Abwicklungen eines Porträts«). Allegorische Figurationen wie Clemens Gröszers »Der Diabolospieler« (1986), Hans Peter Szyszkas »Spinne«, Wolfgang Peukers »A.P. geboren 1949« sowie Frank Voigts »Harlekin mit Flügeln« berühren Traumwelten und Realität und strahlen eine große Nachdenklichkeit aus. Neben der Vielfalt der Handschriften und der hohen Qualität des Handwerklichen ostdeutscher Künstler fällt ein außergewöhnlicher Pluralismus der Themen und Stilvariationen auf, der ganz in der Tradition des Expressionismus steht. Die These vom »Sozialistischen Realismus« war damals schon obsolet. So verbieten sich schematisches Schubfachdenken und Eindeutigkeiten in der Realisierung aber auch in der Auslegung von selbst. Manche Künstler hatten auf Gegenständlichkeit und Figuration gänzlich verzichtet wie Stefan Plenkers mit seiner Mischtechnik »Gelber Raum« (1985) und Eberhard Göschels Informel einer stürzenden Landschaft (o.T., 1986), während Neo Rauch noch mit Farbe und Form mit einem Krankenbett experimentierte (o.T., 1987). Einige wagten vom Futurismus angeregte Kompositionen wie Gerhard Kurt Müllers Ölbild »Knabe und Trommler« (1983/84). Dass Jürgen Wenzel mit seinem ausgeweideten Schwein (»Schlachthaus«) Aufsehen erregte, wundert nicht, denn schon allein die Wahl des Themas steckt voller Provokation.

Die Re-Vision der X. Kunstausstellung der DDR durch die Städtische Galerie Dresden verweist auf eine besondere Aktualität sowohl in der Wahl der Themen als auch in der Behandlung durch die Künstler/innen, speziell in der Malerei. Durch die intensive Reflexion, die diese Ausstellung anbietet, aber auch durch die Art, wie sie das Publikum annimmt, wird ein großes Bedürfnis nach Dialog und konstruktiver Auseinandersetzung sichtbar. Viele ältere Menschen identifizieren sich plötzlich wieder mit dem dort Gezeigten und erinnern sich an ihre Zeit in der DDR. In der jungen Generation zeigt sich ein reges Interesse an der Klärung von aktuell strittigen Begriffen wie »Heimat«, »Zugehörigkeit« und »Identität«, aber auch, ob und wie fest Kunst in der DDR verwurzelt war. Schüler des Evangelischen Kreuzgymnasiums beteiligten sich im Leistungskurs Deutsch an der Deutung des Bildmaterials mit Gedichten und Texten, die in der Ausstellung eingesehen werden können.
Heinz Weißflog

Das Ende der Eindeutigkeit. Malerei aus der X. Kunstausstellung der DDR

Städtische Galerie Dresden, bis 12. Januar 2020
www.galerie-dresden.de