"Komm, lass uns vom Sterben sprechen"

Zum 75. Todestag von Käthe Kollwitz

Käthe Kollwitz 1944 auf dem Balkon in Moritzburg, Foto privat

Am Schluss saß sie am liebsten auf dem Balkon oder am Fenster und beobachtete die vom Aprilwind gejagten Wolken über dem Schlossteich. Moritzburg war die letzte Station im Leben der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, die hier vor 75 Jahren im sogenannten Rüdenhof starb. Seit 25 Jahren beherbergt das Gebäude am Schlossteich das Museum Käthe Kollwitz Haus.

Ausgerechnet der einstige Schlossherr, Prinz Ernst Heinrich von Sachsen, jüngster Sohn des letzten sächsischen Königs Friedrich August III., hatte die von ihm bewunderte, fast 30 Jahre ältere Künstlerin 1944 nach Moritzburg eingeladen. Im Rüdenhof, dem Haus der Grafenfamilie zu Münster, ließ er ihr mit Möbeln aus dem Schloss zwei Zimmer einrichten. Mithilfe des Roten Kreuzes organisierte er ihren Umzug aus Nordhausen im Harz, wohin sie aus Berlin geflüchtet war.

Ernst Heinrich war Kunstliebhaber und passionierter Grafiksammler, der nach dem Tod seiner ersten Frau 1941 zahlreiche Arbeiten erwarb, auch moderne Kunst. 1943 besuchte er Kollwitz in ihrer Berliner Wohnung, kurz darauf sandte sie eine Mappe mit Handzeichnungen nach Moritzburg, um sie vor Verlust und Zerstörung zu bewahren. Einige Monate später brachte Kollwitz’ Sohn weitere Zeichnungen, Radierungen, Lithografien und Holzschnitte sowie eine Gipsarbeit nach Moritzburg. Vermutlich wurde in dieser Zeit auch die Übersiedlung der kranken Künstlerin verabredet.

Am 20. Juli 1944 – dem Tag des fehlgeschlagenen Attentats auf Hitler – kam die 77-jährige Kollwitz in dem kleinen Örtchen bei Dresden an, wo sie, seelisch angeschlagen und von einem Schlaganfall geschwächt, bis zu ihrem Tod wenige Tage vor Kriegsende lebte. Versorgt und gepflegt wurde sie von ihrer Schwester Lise, der Nichte und ihren beiden Enkelinnen, am Ende war sie von der evakuierten Familie getrennt. Von ihren Werken sowieso, denn die waren in Berlin geblieben (und bei der Zerstörung des Ateliers mehrheitlich vernichtet worden) oder beim Prinzen in Verwahrung. Die aktive künstlerische Arbeit hatte Kollwitz da längst für sich abgeschlossen.

Moritzburg war die letzte Station eines bewegten Lebens, das die 1867 in Königsberg geborene Tochter eines Juristen und Maurermeisters zunächst zum Malereistudium an die Künstlerinnenschulen in Berlin und München führte. 1891 heiratete sie den Arzt Karl Kollwitz, mit dem sie nach Berlin zog, wo sie, von Unterbrechungen abgesehen, bis zur Flucht im Zweiten Weltkrieg leben und arbeiten sollte.

Anders als ihr letzter Förderer Prinz Ernst Heinrich, dem eigentlich alles Sozialpolitische fremd war, der im Grunde aber viel bürgerlicher als wilhelminisch war, beschäftigte Käthe Kollwitz sich ein Leben lang mit der Darstellung des geknechteten Menschen. Vor allem für die Situation der Arbeiter in der Großstadt fand sie starke Bilder, die bei ihr, auf das Wesentliche reduziert, zu überzeitlichen Monumentaldarstellungen der menschlichen Existenz werden: Leid, Verlust, Tod, Trauer.

Am Beginn dieses Kondensierungsprozesses steht Ende der 1890er-Jahre der von Gerhart Hauptmann inspirierte Zyklus »Ein Weberaufstand«, dessen Präsentation auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1898 für Kollwitz zum künstlerischen Durchbruch wurde und ihr fast die goldene Medaille eingebracht hätte, aber Kaiser Wilhelm II. intervenierte. Das zweite der sechs Blätter zählenden, im Kern naturalistischen Folge, die Kreide-, Feder- und Pinsellithografie »Tod«, zeigt einen engen Innenraum mit vier Figuren, die sich um einen Tisch mit einer Kerze und einem umgedrehten Napf versammelt haben. Die Zimmerdecke ist so niedrig, dass sie die Dargestellten fast erdrückt, ebenso wie das Gerippe, das den Hungertod symbolisiert und sich dicht zu dem kleinen Kind mit den geweiteten Augen im spitzen Gesichtchen beugt. Die Mutter dreht ihren Kopf verzweifelt zur Seite, während der Vater machtlos auf den leeren Tisch starrt.

Bilder wie dieses, dessen formale Gestaltung die ausweglose Situation der Figuren so steigert, dass sie zusammen mit den Gesichtern und Haltungen fast körperlich spürbar wird, machten Kollwitz bei den Zeitgenossen bekannt. Bereits im Jahr der ersten Ausstellung von »Ein Weberaufstand« kaufte das Dresdner Kupferstich-Kabinett unter dem Direktor Max Lehrs als erste öffentliche Sammlung überhaupt diese und andere Grafiken der Künstlerin; viele weitere folgten.

Kollwitz’ Arbeiten thematisieren bald keine konkreten historischen Begebenheiten wie Weberaufstand oder Bauernkrieg mehr, sondern stellen Not und Tod in lapidarer Einfachheit, Allgemeingültigkeit und im großen Format dar, wie in den anrührenden Mutter-Kind-Darstellungen oder später in der Holzschnittfolge »Krieg«.
Mit der Entwicklung hin zu konsequenter Reduktion und Monumentalität ist Kollwitz’ Hinwendung zur Plastik untrennbar verbunden. 1904 hatte sie die Académie Julian in Paris besucht, ab 1909 entstanden erste plastische Werke. Ihre grundsätzlich kritische Einstellung gegenüber dem Krieg wandelte sich mit dem Tod des Sohnes Peter in Flandern 1914 in offenen Protest und führte zur intensiven Arbeit an Antikriegsmälern für den öffentlichen Raum. Als Vermächtnis ihres Pazifismus kann die geradezu ikonische Lithografie »Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden« – nach einem Zitat aus »Wilhelm Meisters Lehrjahre« – von 1941 gelten.

Am Lebensende genoss Kollwitz in Moritzburg wohl am meisten, in der Abendsonne auf dem Balkon zu sitzen oder ihrer Enkelin Jutta zu lauschen, wenn diese am Kamin aus Goethes »Dichtung und Wahrheit« vorlas. Seine Lebendmaske von 1807 hing über dem Bett, ab und an ließ Kollwitz sie sich herunterreichen, um sie mit geschlossenen Augen zu betasten. »Zur Orientierung«, wie sie sagte und zitierte die Worte des von ihr zeitlebens verehrten Dichters: »Komm, lass uns vom Sterben sprechen.« Käthe Kollwitz starb am 22. April 1945. Ihre Urne wurde nach Berlin überführt und im Familiengrab auf dem Friedhof Friedrichsfelde beigesetzt.
Teresa Ende

Über die letzten Lebensmonate von Käthe Kollwitz in Moritzburg und ihre Bekanntschaft mit Prinz Ernst Heinrich von Sachsen erschien 2017 die Broschüre »Auf eine Arbeit schreib ich ihm eine Widmung...« (Text: Margitta Hensel, Gestaltung: Jochen Stankowski, 5 Euro zzgl. Porto, bestellbar unter 035207 82818 oder info@kollwitz-moritzburg.de.
Information zu aktuellen Öffnungszeiten: www.kollwitzhaus.de