Mein Leben ist lustig

Strawalde in der Städtischen Galerie Dresden

Strawalde, Über Emanuel de Wittes "Interieur mit Dame am Clavichord", 1981, Foto: Franz Zadniček / © VG

»Es braucht Zeit, sich einem Giganten zu nähern«, mit diesen Worten reagierte Gisbert Porstmann, Gründungsdirektor der Städtischen Galerie Dresden-Kunstsammlung und Direktor der Museen der Stadt Dresden, auf die Frage, warum Jürgen Böttcher/Strawalde erst jetzt mit dieser längst überfälligen Ausstellung gewürdigt wird. 70 Jahre künstlerischen Schaffens werden in der Ausstellung gespiegelt. Kuratorin Carolin Quermann hat sich durch ein immenses Werk gearbeitet und konzentriert sich in der Schau auf vier Medien: Zeichnungen, Collagen, Gemälde und Filme.

Bei einem ersten Rundgang durch die Ausstellung wähnt man sich eher in einer Gruppenausstellung unbekannten Themas als in der Werksschau eines Künstlers.

Ein großer Reigen. Hier hängen »Weibsbilder«, keine Porträts, eher madonnenhafte Gestalten vor monochromem, lebendig pastosem Hintergrund. Paraphrasen auf die großen Meister wie Giorgione und Rembrandt. Weiterhin Stillleben, harmonisch komponiert. Abstrakte Bilder. Unfreiwillig komische Auseinandersetzungen mit Picasso und dem Kubismus – Böttchers Frühwerk. Variierende Übermalungen von Kunstpostkarten wie Liotards Schokoladenmädchen. Collagen, die eher Zeichengebilde sind, »Dialog Blatt« benannt. Zeichnungen, flüchtig wie dicht, biografisch. Die Werke lassen vordergründig keine Handschrift erkennen – sie sind besonders im Rhythmus, eigensinnig in ihrer Farbigkeit, verrückt und verspielt. Humorvoll. »Mein Leben ist lustig« – genau das strahlen die Bilder aus. Sie sind frech wie der Künstler und zeigen zugleich dessen Verbeugung vor der Kunstgeschichte. Anerkennung, die will Strawalde nicht nur erfahren, die zollt er auch anderen. Leidenschaftlich, begeistert und begeisternd. »Ich habe niemals das Gefühl gehabt, dass ich mit meinen Bildern und Zeichnungen irgendetwas ausrichten könnte, sondern es sind einfach, na ja – poetisch ausgedrückt – die letzten Wellenschläge meiner Empfindung zur Welt.«

1931 in Frankenberg/Sachsen geboren, studierte Böttcher von 1949 bis 1953 bei Wilhelm Lachnit und Rudolf Bergander Malerei an der HfBK Dresden. Und kurz darauf von 1955 bis 1960 Filmregie an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Auf die Frage, ob sich Strawalde mehr als Maler oder als Filmemacher sähe, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: »In Wahrheit bin ich ein Sänger«, und trällert Oberlausitzer Liedgut. Was in diesem Moment komisch wirkt, birgt jedoch Tiefe. »Gedichte … das ist ein solcher Schatz, das ist aber auch rhythmisch und philosophisch … Ich habe oft gesagt: Wenn mir ein Bild gelingt, muss ich mich vor Bach verneigen, vor Duke Ellington, vor Muddy Waters. Was die mir geben an Vorstellungen von Raum, von Brüchen, für das Aneinanderstoßen von Themen …«

Seine Kindheit und Jugend erlebte Jürgen Böttcher in Strahwalde bei Herrnhut in der Oberlausitz. Nicht nur, dass sich der Künstler seit 1975 in Reminiszenz an den Ort seiner Kindheit Strawalde nennt, betont die Bedeutung dieser ihn prägenden Jugendjahre. Seine Kindheits- und Jugenderfahrungen – Krieg, Gewalt, Zerstörung und der frühe Tod seines Bruders – schwingen und spiegeln sich in Böttchers Werken. Sein durch die blutige Schlacht an der Somme 1916 schwer traumatisierter Vater sah eine Heilung seiner psychischen Verletzungen im Studium des Sanskrit und in der Natur. Es gab kaum Holzhäuser in der Region, aber in Strahwalde stand eines, in welches die Familie zog. Holzhäuser seien lebendig. Der junge Böttcher saugte die Holzstrukturen auf, spielte mit Rinde und Zapfen, mit dreizehn malte er weiße Buschwindröschen, im Alter von vierzehn Jahren Akelei in den verrücktesten Farben. Fügung, dass er das konnte. Der Vater einer am Ortsrand wohnenden Flüchtlingsfamilie hat für Jürgen Böttcher Papier gestohlen, auf das der junge Künstler malen konnte.

Dankbarkeit und Anerkennung bestimmen fortan Böttchers Leben. Und werden nicht immer erwidert. Mit 18 trat er in die Partei ein, dankbar, dass man ihm den Schulbesuch ermöglichte. Kein Freibrief in der DDR – als formalistisch eingestuft, wurde Jürgen Böttcher nach seiner Beteiligung an der von offizieller Seite stark umstrittenen Ausstellung »Junge Kunst – Malerei« in der Deutschen Akademie der Künste Berlin 1961 aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. »Bilder, ja gut. Aber wenn ich die Filme nicht hätte. Ich verstehe ja meine Malerei auch manchmal nicht.« Böttcher erkannte früh, dass er in der DDR mit seiner Malerei wenig Erfolg erzielen würde. Zuwenig ordnete er sich ein, inhaltlich sowieso nicht, malerisch war er zu gestisch, laut, zu wenig den inhaltlichen Erwartungen ergeben.

Sein erster Dokumentarfilm »Drei von vielen« fiel 1961 jedoch auch der Zensur zum Opfer. Absurd. Ein Film über drei Freunde. Junge Arbeiter, die sich und Böttcher über einen Malzirkel kennen. Ein Lastkraftwagenfahrer, ein Steinmetz und ein Chemigraf. Dreimal Peter. Peter Graf, Peter Makolies und Peter Herrmann – heute die wichtigsten Protagonisten ihrer Künstlergeneration in Dresden. Malend im Wohnzimmer, diskutierend am Arbeitsplatz, die Ehefrauen spielend mit den Kindern an den Elbwiesen. Die Künstler besprechen im Atelier von Ralf Winkler eine Ausstellung. Verboten? Aus heutiger Sicht eine Farce. Arbeiter, arbeitend. In Gesprächen die Folterungen im Kongo anklagend und der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg gedenkend. Ein Verbot damals wie heute nicht wirklich nachvollziehbar. Hat da jemand in den Zwischentönen den Hang der Arbeiterklasse zu bourgeoisen Werten erkannt? War die Vorliebe der Künstler für Jazzmusik schon ausreichend für ein Verbot?

Ein Jahr nach dem Verbot des Filmes »Drei von vielen«, der erst 1988 zur öffentlichen Aufführung kam, wurde Jürgen Böttcher für seinen nächsten Dokumentarfilm »Ofenbauer«, der Männer im Eisenhüttenkombinat Ost bei der schweren Arbeit zeigt, mit der »Silbernen Taube« des Internationalen Dokumentarfilmfestivals Leipzig ausgezeichnet. Die Ausstellung in der Städtischen Galerie zeigt sieben Filme des mittlerweile mit vielen Preisen wie dem Europäischen Filmpreis geehrten Künstlers, darunter auch den verbotenen und den prämierten Dokumentarfilm.

Schade, dass Jürgen Böttcher/Strawalde nicht die ganze Zeit persönlich in der Ausstellung anwesend sein kann. Er ist ein Gesamtkunstwerk. Und wie seine Werke. Ein Stück weit verrückt und frech.
Patrick-Daniel Baer

Strawalde – Jürgen Böttcher
Städtische Galerie Dresden, bis 27. Januar 2019
www.galerie-dresden.de