Schmutzige Socken an blauem Haken

Stefan Krauth stellt in der Galerie Stephanie Kelly aus

Stefan Krauth: Schmutzige Socken an blauem Haken, 2018

Stefan Krauth stellt unter dem Titel »Unknown« in der Galerie Stephanie Kelly aus und präsentiert dazu seinen druckfrischen Katalog »Terra Incognita«. Den Einleitungstext überschrieb der Kunsthistoriker und Autor Dr. Holger Birkholz mit »Der verklärte Blick des Abenteurers bei seinen Erkundungsfahrten in die ihm wohlbekannten Regionen seiner fotografischen Welten oder Stefan Krauth zündet sich eine Zigarette an« und trifft mit diesen Worten bereits den Nagel auf den Kopf. Denn tatsächlich geht es um Verklärung und Fake, Erkundung und Suche, Fotografie und Malerei und Kippen für Bild und Geist.

Stefan Krauth ist mehr Maler als Fotograf. Seine Leinwand ist der Monitor, die Grundierung der Leinwand das digitale Bild, der Schnappschuss, die Fotografie. Statt zu Pinsel und Farbe greift der Künstler zu externen Lichtquellen und Blitzgeräten. Das Monitorraster, der statisch aufgeladene Staub und die Spuren und Schlieren früheren Säuberns auf dem Display sind die Pinselstriche und der Duktus. Nebenher raucht Stefan Krauth genüsslich seine Zigarette, darauf bedacht, dass beim Abfotografieren des Monitors der Rauch an der dafür vorgesehenen Stelle im Bild zu sehen ist. Oft fotografiert der Künstler die Motive mit seinen Interventionen mehrmals vom Monitor ab – bis die ursprüngliche Bildaussage vollkommen hinter einer Illusion, Träumerei, einer neuen Poesie und falschen Fährte verschwunden und das Reale einer neuen »Realität« gewichen ist.

Seine neueste Arbeit ist die zwölfteilige Serie »Ice«, aus der drei Motive bei Kelly ausgestellt werden. Zu sehen sind kosmische Landschaften, Schnee und Eis im Hochgebirge. Schnell verdichtet sich im Kopf des Betrachters eine Erzählung von einem mühevollen Aufstieg, um einen Sonnenaufgang vom Gletscher zu sehen, man spürt die Kälte und überblendet alles mit eigenen Erfahrungen und Erinnerungen. Reingefallen. Das traumhafte Urlaubsmotiv entpuppt sich als schnöder, im Schmelzen begriffener Schnee und Kehricht am Straßenrand. So oft im Winter gesehen und nie beachtet. Ein Foto, erneut vom Monitor abfotografiert. Den Bordstein gelöscht, den Himmel montiert. Das klingt nach wenigen Handgriffen, es ist aber tatsächlich ein langer Weg, der zu diesem perfekten kreativen Ergebnis führt.

»Dusty Desire« hieß Stefan Krauths Ausstellung vergangenes Jahr im Projektraum Neue Galerie. Dort stellte er vornehmlich Bildserien aus. Einige Motive wie »Ornament« und »Nicht ganz optimales Versteck« kann man in der aktuellen Ausstellung wiederentdecken, nur sind sie hier durch andere Arbeiten zur Bildserie ergänzt. Der Künstler sucht nach neuen Kontexten, hinterfragt seine Einzelarbeiten, ob sie auch in anderen Bezügen funktionieren. Kann man das Ornament, auch wenn man es für eine andere Serie als Schwerpunkt des Bildes begriffen hatte, ausblenden und beispielsweise dem Floralen oder dem Seitenverhältnis durch ergänzende Arbeiten mehr Gewicht verleihen? Wie verändern sich die Atmosphären? Sehen wir eine schöne Frau oder doch nur eine Sexpuppe? Deuten wir wegen des montierten Hintergrunds oder des daneben hängenden Motivs der mit Stacheldraht bekrönten Mauer? Mit solchen Fragestellungen begibt sich Stefan Krauth auf »Erkundungsfahrten in die ihm wohlbekannten Regionen seiner fotografischen Welten«.
Patrick-Daniel Baer

Stefan Krauth Galerie Stephanie Kelly bis 13. Juli 2019

Katalog 25 Euro (mit Edition 180 Euro)
www.s-krauth.de