Von der Alchemie der Malerei

Wolfgang Kühne in der Galerie in der Zentralbibliothek

Wolfgang Kühne, Herd, 2018

Ein schlichtes Stillleben des Dresdner Malers Wolfgang Kühne (geb. 1952 in Lückstedt/Altmark) zeigt einen alten Herd, das dazugehörige Ofenrohr und einen großen grünen Topf, davor einen kleinen Milchtopf und daneben eine rote Flasche. Die Wand dahinter ist weiß getüncht. Teile eines gelb-orangenen Vorhangs sind zu sehen. Kühne hat gemalt, was er tatsächlich sah, ohne es zu arrangieren, das ist typisch für seine Arbeitsweise am Stillleben. Dabei handelt es sich um ein Detail aus dem Deichhaus in der Altmark, in Neu-Werben zwischen Elbe und Havel, in dem er seit vielen Jahren sein Atelier hat, wohnt und während des Sommers viel Zeit mit Malen verbringt. Auch Interieurs entstanden in dem uralten, nicht sanierten Haus aus dem 18. Jahrhundert. Von dort aus unternimmt er Wanderungen und Ausflüge durch das Land, vom Wasser und den Tieren fasziniert. Weite Bootsfahrten brachten ihn kurz nach der Wende von Dresden bis nach Hamburg. Bis heute malt er von einem alten Fischerkahn aus seine Bilder wie Monet. Kühne liebt das einfache, unkomplizierte Leben und kennt sich inzwischen in der von ihm beobachteten Natur gut aus. Viele seiner Blicke aus dem Fenster hat Kühne dort festgehalten: Die weite Auenlandschaft, weidendes Vieh, Natur, Fluss und Schleusen. Einfache, vor die Landschaft gelegte Dinge wie das beliebte Motiv des Stierschädels in einem Bauernhof kehren immer wieder.

Neben den Elblandschaften, aus denen auch die Objekte für seine originellen Stillleben, wie die unverwüstliche Quappe und der Rapfen stammen, bilden Motive von Reisen in südliche Gefilde (Venedig und die Marken), den Großteil der ausgestellten 40 Arbeiten, darunter Ölbilder, Pastelle und Aquarelle, aber auch Monotypien in Kombination mit Kaltnadeln. Italien mit seinen unterschiedlichen Landschaften (von alpin bis mediterran) und seinem Reichtum an Kunst, besonders in den Museen und Kirchen, zieht Kühne (oft mit seinen Malfreunden Sebastian Glockmann und Carsten Gille unterwegs) seit vielen Jahren immer wieder an. Hier sind es der Fluss oder die Lagune, die Kühne malt, Inseln, Fischerhäuschen (Casone) und Fischergalgen (Trabucco), aber auch kleine Panoramen der Stadt im Wasser.

Die zunächst dünn aufgetragene Farbe (mit reichlich Terpentin versetzt), wird bei Kühne immer dicker, bis die Spachtel in Aktion tritt. Manchmal wird rigoros weggekratzt und dann wieder etwas lasiert. Eigentlich ist ein Bild nie fertig, meint der Maler. Malen ist ein Prozess, der Geduld und Langsamkeit erfordert. Malerei ist für Kühne Alchemie, Umgang mit natürlichen Farbpigmenten und anderen alten Materialien wie das noble Bleiweiß, das schon die Alten Meister verwendeten. Für die ihn beeinflussenden Künstler nennt Kühne Giorgio Morandi, die Dresdner Curt Querner und Theodor Rosenhauer, aber auch die Antike mit ihren Fresken und Mosaiken, die Erdfarben der griechischen Vasen, die dem Ziegelrot in seinen heimischen Gehöften und südlichen Bauten ähneln.

Für Kühne erschließt sich das Motiv erst nach und nach. Während der Arbeit vor Ort, besonders aber im Atelier, formt es sich zu dem, was es werden soll. Plötzlich scheint sein Wesen in ihm auf, bekommt eine eigene Lebendigkeit, die manchmal traumwandlerisch entsteht. »Es gibt nichts Surrealeres als die Realität«, bekannte Max Beckmann. So ist es auch in Kühnes Malerei. Ein gewisser Witz stellt sich ein und manches sagt er »durch die Blume«, spöttisch und mit Abstand zum gefundenen Motiv. Wolfgang Kühne studierte von 1973 bis 1978 an der HfBK Dresden bei den Professoren Jutta Damme, Gerhard Kettner und Christian Hasse.
Heinz Weißflog

Wolfgang Kühne: StillLeben am Fluss
Galerie in der Zentralbibliothek, bis 8. Juni 2019