Zeitreise

Christian Borchert im Kupferstichkabinett

Christian Borchert: Selbstporträt in Budapest. 1998

Es regnet in Strömen. Eine S-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Drei Personen trotzen Wind und Wetter und laufen nahe einer Mauer auf den wenigen Zentimetern des Gehweges, die noch nicht von der anschwellenden Pfütze überflutet sind. Die Körper der Familienmitglieder sind, um gegen den Wind voranzukommen, leicht gebeugt, der Kopf der mittleren Person von einem Schirm verdeckt, der Anzug des Mannes trieft bereits. Mit dem Foto »Regenschauer am S-Bahnhof Nöldnerplatz« hielt Christian Borchert einen sehr flüchtigen Moment fest. Dieses 1970 aus dem Fenster seiner Wohnung in der Leopoldstraße in Berlin-Rummelburg aufgenommene poetische Bild wurde schnell zum Verkaufsschlager des Künstlers und das am meisten abgezogene Motiv in Borcherts Oeuvre. Und dabei ist diese Fotografie nahezu untypisch in Borcherts Schaffen.

Christian Borchert, 1942 in Dresden-Pieschen geboren und 2000 bei einem Badeunfall nördlich von Berlin verstorben, zählte zu den herausragenden Fotografen der DDR und des wiedervereinten Deutschland. Seine Aufnahmen sind geprägt von einer behutsamen und eindringlichen Bildsprache, einer seriellen Arbeitsweise und distanzierten Erzählform, von Analyse und Systematik. »Das Fotografieren war für mich eine Form, die Blicke in die Welt zu ordnen«.

In Borcherts Fotografie geht es gegen das Verschwinden um den Moment des Verweilens. Zu seinen bekanntesten Motiven gehört die Aufnahme einer älteren Frau in einer Kaufhalle, die eine Milchtüte aus einem Behälter nimmt und sie über diesem abtropfen lässt. Die Arbeit »Konsum-Kaufhalle Neustädter Markt« (1980) ist im Gegensatz zum »Nöldnerplatz« exemplarisch für Christian Borcherts Werk. Denn hier wird keine flüchtige Einkaufssituation im Bild fixiert, sondern ein besonderer Moment, im Sinne Henri Cartier-Bressons sogar der »entscheidende Augenblick«. Denn es ging nicht nur darum, eine Milch zu kaufen, entscheidend war, sie in einer trockenen Verpackung zu erwerben – was diesen Einkauf zu einem einige Zeit andauernden Prozess machte, von dem Borchert den entscheidenden Moment des Innehaltens und Abwartens fotografierte. Beziehungsweise auswählte. Die Fotografie »Kamenzer Forstfest« (1986) zeigt eine Gruppe einander zugewandter junger Menschen. Ein Mädchen scheint den Fotografen zu bemerken und blickt ihn und dadurch uns als Betrachter direkt an. Ihr Gesicht markiert das Bildzentrum und ist das hellste und schärfste Feld auf dem Foto. In einer Vitrine liegen die Kontakte des Filmes aus. Man kann erkennen, dass dieses von Borchert für einen Abzug ausgewählte Motiv der vierte Auslöser einer Bildserie war. Vorher fotografierte er von der Gruppe unbemerkt, erst beim vierten Bild drehte sich die junge Frau für eine kurze Zwiesprache mit dem Fotografen um.

Dr. Bertram Kaschek, Kunsthistoriker, Kurator und Autor, beschäftigte sich bereits 2007 für die Ausstellung »Mensch!« im Kupferstichkabinett Dresden mit Christian Borchert und forscht seit 2016 im Rahmen eines Projektstipendiums zu diesem Künstler, von dem das Kabinett mehr als 1.000 Fotografien verwahrt. Bereits 1977 erwarb der damalige Direktor Werner Schmidt 71 Künstlerporträts von Borchert. Diese Porträtserie war nach der Aufgabe seiner Anstellung als Bildreporter bei der Neuen Berliner Illustrierten (NBI) das erste freiberufliche große Projekt des Fotografen, für welches er innerhalb von zwei Jahren gut 200 Künstler*innen der DDR ablichtete. »Ich bekam zwar Titelaufträge wie Mädchen beißt Apfel, glücklicher Heimwerker oder Badende. Das hatte mit meinen Ambitionen wenig zu tun … Diese (Künstler-)Porträts entstanden in der Suche nach einem eigenen Konzept … Ich selbst habe dadurch vieles kennengelernt und auch Ermutigung erfahren: Fotografie als Kontakterweiterung und Refugium zugleich«. Im Stile des neusachlichen Porträtfotografen August Sander versuchte Borchert über eine Frontalaufnahme des Porträtierten einen direkten Blickkontakt zwischen dem Dargestellten und den Betrachtenden herzustellen.
Die zehn Kapitel der Ausstellung »Tektonik der Erinnerung« sind eine äußerst unterhaltsam bebilderte Zeitreise in den tiefsten DDR-Alltag und die Veränderungen in der Sozialgeschichte zu politischen Wendezeiten. Eine Stadtchronik des 20. Jahrhunderts, die Dresden in seinem Leiden und in den Hohezeiten, während verschiedener Systeme und Umbrüche zeigt. Die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Fotothek entstandene Ausstellung ist aber vor allem ein sensibles und feinsinniges chronologisches Künstlerporträt Christian Borcherts.

In »Rumänien 1977« galt Borcherts Interesse dem Phänomen, wie sich Menschengruppen im Anblick einer Kamera positionieren. Den »Alltag in der DDR« dokumentierte der Künstler mit kritischer Distanz, aber voller Empathie für die Menschen. Davon bestimmt sind auch die »Familienporträts«, die er 1983 in heimischen Wohnzimmern aufnahm, oft durch den Pfarrer oder andere Privatempfehlungen vermittelt. Das Projekt wiederholte er mit einem Großteil der Protagonisten zehn Jahre später. »Mauer und Mauerfall« zeigt vorwiegend vor 1989 im Auftrag der Nationalen Volksarmee und dank eines Arbeits-Visums für West-Berlin entstandene Aufnahmen. Wenige Bilder der Grenzöffnung offenbaren leise Zweifel und Sorgen. In der titelgebenden Serie »Tektonik der Erinnerung« wird Dresden Anfang der 1990er Jahre in fragmentierender Nahsicht gezeigt. Irritierend in diesen Nachtaufnahmen ist die im Verhältnis zum restlichen Werk Borcherts auffällige Abwesenheit des Menschen. Weitere Ausstellungskapitel sind die bereits erwähnten »Künstlerporträts«, »Reisebilder nach 1990« mit den einzigen Farbaufnahmen in der Ausstellung, »Dresden 1954 bis 1993« mit besonderem Interesse am Wiederaufbau der Frauenkirche, »Semperoper 1977 bis 1985« mit einer dank Fürsprache des Cheflektors des VEB Verlag der Kunst ermöglichten minutiösen Dokumentation der Bauarbeiten.

»Dresden. Bilder aus Dokumentarfilmen« ist das letzte Ausstellungskapitel überschrieben. Für dieses Projekt sichtete Borchert an einem Schneidetisch mehr als 50.000 Meter Filmmaterial aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und wählte 500 Einzelbilder aus, die er direkt vom Film abfotografierte und dann zu Ausstellungstafeln zusammenstellte. Ein 1949 entstandenes Film-Bild zeigt ein Kind an einer Losbude. Christian Borchert war damals sieben Jahre alt. Er steht nicht an der Bude, hätte es aber durchaus können. Was für eine schöne Vorstellung, welch ein schönes Schlussbild einer großartigen Ausstellung.
Flankiert wird die Ausstellung von Fotografien aus Borcherts Wohnung durch Maria Sewcz im Studiolo des Residenzschlosses, Borcherts Blicke auf Georg Kolbe im Albertinum und seine Aufnahmen von Wuischke mit einer Schautafelausstellung in dem kleinen sorbischen Dorf. Landschaftsaufnahmen zeigt die Galerie bautzner69.
Patrick-Daniel Baer

Christian Borchert: Tektonik der Erinnerung
Kupferstichkabinett Dresden, bis 8. März
www.kupferstich-kabinett.skd.museum