Akustisch, hautnah, handgemacht

DIe Konzertreihe »Acoustics« findet erstmals in Dresden statt

Wyvern Lingo. Foto: Ruth Medjber

Musik in akustischer Darbietung, ohne Effekthascherei, ist direkter, unmittelbarer. Acoustics macht die leisen Töne zum Konzept und baut gleich ein ganzes Format daraus: Drei Monate lang spielen wöchentlich drei verschiedene Künstler:innen oder Bands je 30 Minuten. Zur besten Vorabendzeit wird das Liedermachertum in all seinen Facetten bei entspannter Open-Air-Atmosphäre akustisch zelebriert. Das Acoustics-Programm wird dabei weit offener kuratiert, als es der Name vermuten lässt. Von klassischen Indie-, Folk- und Songwriter-Acts über Musiker:innen aus Deutsch-Rap und Rock-Pop hin zu Fusion-Jazz-Kombos ist die Mischung bunt. Vielseitigkeit in akustischem Gewand, Nachwuchsförderung als zentraler Gedanke.

In den zehn Jahren seines Bestehens waren immer wieder Acts vor ihrem großen Durchbruch Teil des Acoustics-Sommers. Alice Merton, Provinz, KLAN und Lilly Among Clouds sind teils national, teils sogar international erfolgreiche Künstler:innen. Die Acoustics finden im Sommer 2021 in sieben Städten statt, Dresden, Magdeburg und Offenbach sind neu dazugekommen. Hier finden die vier Shows alle auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch statt. Los ging es bereits am 18. Juli mit Lina Maly, Simeon und Schimmerling. Aber noch drei gut gepackte Shows stehen am Heiderand im August auf dem Plan.

Los geht es gleich am Ersten des Monats mit der auch in Dresden heiß geliebten Alin Coen. Sie wird Songs ihres aktuellen Albums »Nah« präsentieren. Dieses erschien im August 2020. Sieben lange Jahre musste man auf diese dritte Studioscheibe warten. Und es spricht sehr für die Persönlichkeit der Alin Coen, dass sie sich trotz all der positiven Reaktionen zu Beginn ihrer Laufbahn nicht in die Veröffentlichungszyklen der Popbranche begeben hat. Immerhin wiesen alle Zeichen Anfang der 2010er-Jahre nach oben: viel beachtete Auftritte bei »TV Noir« und »Inas Nacht«, der Deutsche Musikautorenpreis und umjubelte Konzerte in immer größer werdenden Klubs, internationale Touren. Sie änderte ihren Kurs, studierte Land- und Wassermanagement in den Niederlanden, arbeitete zudem bei Greenpeace in ihrer Geburtsstadt Hamburg. Und siehe da: Genau diese große Kurve im Leben führte letztlich zum Ziel. Der Abstand machte eine neue Nähe zur Musik überhaupt erst möglich. »Ich habe gelernt, dass ich mir Zeit lassen und noch konsequenter auf mich hören darf. Hochschwanger ging sie 2017 mit Philipp Poisel auf Tour und gab nach der Geburt ihres Sohnes weiter Konzerte. »Es kamen immer mehr Leute, obwohl ich kaum neue Songs habe.« Mit dem intensiven Live-Spielen wuchs der Wunsch, aktuelle Lieder präsentieren zu wollen. Das ist bei »Acoustics« endlich möglich.

Gemeinsam mit Alin Coen sind am 1. August noch Ansa Sauermann, Karo Lynn und Tiemo Hauer dabei. Zu Ansa muss man in DD kaum mehr etwas sagen, 2022 wartet schon eine ausverkaufte eigene Show, die noch gespielt werden muss. Die Songs von Karo Lynn sind detailreich, abwechslungsreich, mal getragen von Reggae-Rhythmen, mal mit Country-Reminiszenzen, mal balladesk oder unvermittelt brachial. Inzwischen tourt sie auch mit Band. Tiemo Hauer wiederum meldete sich am 3. April 2020 nach drei Jahren Pause zurück mit dem aktuellen Album »Gespräche über die Vor- und Nachteile des Atmens«.

Zwei Wochen später, am 15. August, sind dann drei Acts auf dem Areal hinter dem Parkhotel zu erleben. Der in Queensland geborene, australische Singer-Songwriter Stu Larsen packte sein Leben in einen Koffer und umkreist damit seit mittlerweile fast zwölf Jahren den Globus. All seine Erfahrungen hält er in Fotografien und natürlich in seiner Musik fest. Letzteres kann man auf seinem aktuellen Album »Marigold«, das am 3. April 2020 über Nettwerk erschien, hören. Die zweite im Bunde ist Oska. Ihre Lieder sind leicht abgedunkelt, aber nie finster. Sogar bei dezenter Zimmerlautstärke zieht einen ihr sensibler Singer/Songwriter-Pop in seinen Bann. Schwierige Momente sind für Oska die beste Inspirationsquelle. Der intime Sound und die Melancholie, die in ihren Stücken mitschwingt, vermitteln aber nur einen Teil ihrer Persönlichkeit. Oska ist eine ebenso nachdenkliche wie warmherzige Geschichtenerzählerin und privat gar nicht so schwermütig, wie es ihre Lieder vielleicht vermuten lassen. Sie lacht gern und verzaubert andere mit ihrer fröhlichen Art. Den Abend komplett macht dann Native. Seine Musik lebt von den Gegensätzen. Mal still, dann wieder laut, zerbrechlich oder leidenschaftlich. Mit seiner unverkennbaren Stimme und den Sounds, die er aus seiner Gitarre herausholt, nimmt er sein Publikum mit in seine eigene Welt, die den Alltag vergessen lässt und inspiriert. Neben vorwiegend Wohnzimmerkonzerten, in den USA und Europa, erschien 2018 seine Debüt-EP »Departure«, welche bis jetzt über eine Million mal gestreamt wurde.

Das Finale der Dresdner 2021er-»Acoustics«-Serie geht am 29. August mit einer Quadriga über die Bühne des Konzertplatzes Weißer Hirsch. Da sind etwa die irischen Wyvern Lingo mit ihrem souligen Indie-Pop. Die drei Musikerinnen sind bereits weit über ihre Heimat hinaus bekannt. Nach einer längeren Kreativphase haben sie nun die ersten neuen Songs aus dem kommenden Album veröffentlicht. Mulay wiederum ist eine in Berlin lebende Alternative/R&B Singer-Songwriterin, Produzentin und Künstlerin. Jedoch liegt die Betonung selten so sehr auf dem Künstlerischen. Sie formt einen kaleidoskopartigen Downtempo-Sound, der sich an den Schnittstellen zwischen souligem R&B, TripHop, emphatischem Pop und Electronica einfangen lässt. Kicker Dibs kommen mit den acht Songs von »Vagabund« – hier jagt ein Ohrwurm den nächs­ten. Indiepop á la Milliarden und Wanda, melancholisch-mürrische Lieder wie sie Rio Reiser hätte schreiben können, Melodien, groß wie die von den Foo Fighters und Biffy Clyro. Und schließlich ist da Paula Petersson. »2012« war der erste Vorbote der im Herbst 2021 erscheinenden EP »Kleinstadtherz«. Es ist ein nostalgischer Song, der die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ verkörpert, aber trotzdem wird das Hier und Jetzt nicht als schlecht angesehen, denn der Song ist weder trauernd noch resig­nierend.
Bleibt zu sagen, dass Dresden nach diesen vier »Acoustics«-Konzerten auch 2022 wieder auf die Liste der Spiel-Städte kommt.
JH

Acoustics 1., 15. und 29. August, Konzertplatz Weißer Hirsch, jeweils 17 Uhr
Karten bei SaxTicket ind er Schauburg und www.saxticket.de