Eile mit Weile

Die Höchste Eisenbahn lässt es ruhig angegehen

MySpace, das war genau was? Richtig, eine Onlineplattform, auf der sich Musiker untereinander oder mit ihrer Fangemeinde vernetzen konnten. Wegen groben Missmanagements ist das virtuelle Anbahnungsportal mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit versunken. Moritz Krämer jedenfalls kam noch über MySpace in Kontakt zu Mario Cetti von der Bookingagentur Kumpels & Friends beziehungsweise K&F Records aus Dresden, Veranstalter auch des Sound Of Bronkow Festivals. Selbst Musiker mit seiner Formation bergen, brachte Mario Cetti die Idee auf, Moritz Krämer könnte doch speziell für Sound Of Bronkow ein Festivalprogramm auf die Bühne stellen, gemeinsam mit Francesco Wilking, seinem Mitstreiter von der Gruppe Tele.

So kam es dann tatsächlich und sollte sich als folgenreiches Abenteuer erweisen. »Wir hatten beide gerade unsere Soloalben veröffentlicht«, erinnert sich Moritz Krämer. »Davon haben wir Songs gespielt. Der jeweils andere sang ab und zu dazu oder setzte sich irgendwie anders in Beziehung. Und dann brachte jeder halbfertige Songs mit, zu denen sich der andere eine zweite oder dritte Strophe ausdachte. Weiß gar nicht, ob etwas Gutes dabei rauskam.« Offenbar war ausreichend Gutes dabei, so dass Moritz Krämer und Francesco Wilking 2019 einen zweiten Duoauftritt bei Sound Of Bronkow folgen ließen und nach ihrem ersten von 2011 Die Höchste Eisenbahn gründeten. Die Band versteht sich mehr als Projekt und tritt immer dann in Erscheinung, wenn die Zeit reif ist. Das dritte Album »Ich glaub dir alles« erschien nach dreijähriger Pause im Spätsommer 2019. Eile mit Weile, Die Höchste Eisenbahn lässt es ruhiger angehen als der Bandname es vorgibt. Eine Haltung, die sich im Arbeitsumfeld widerspiegelt. Ihr Tonstudio, wo wir zum Interview verabredet sind, liegt im Seitenflügel eines Backsteinbaus in Berlin-Prenzlauer Berg, auf der Rückseite von Mauerpark und Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, wo die Hektik der Hauptstadt eine Querstraße von der Schönhauser Allee entfernt den Charme einer Kleingartensparte entfaltet.

SAX: Ist das nicht ein ungewöhnlicher Schritt gewesen, im Anschluss an euren Festivalauftritt 2011 bei Sound Of Bronkow Die Höchste Eisenbahn zu gründen? Mit Tele lag eine gemeinsame Band hinter euch, beide hattet ihr Soloalben veröffentlicht.
Francesco Wilking: Eigentlich war das gar nichts Ungewöhnliches. Wir haben die andere Band ja nicht in dem Sinne verlassen. Wir waren beide in einem Modus, in dem wir uns vorstellen konnten, mit jemand anderem etwas Neues zu beginnen. Sonst wäre Die Höchste Eisenbahn nicht passiert. Außerdem mag ich dieses Jazz-Ding. Der Jazz kennt keine Bandmonogamie. Im Jazz heißt es nicht, so, jetzt haben wir eine Band, jetzt machen wir eine Platte und noch eine und noch eine. Jazzer machen die ganze Zeit mit allen möglichen Leuten Musik. Bei Die Höchste Eisenbahn ist das genauso. Als erstes entstand eine EP, ohne zu wissen, ob es ein Album geben wird. Nach dem ersten Album war nicht klar, ob die Band weiter bestehen würde. Wenn man in diese Tretmühle gerät, in der auf das nächste Album die nächste Tour und darauf wieder das nächste Album und die übernächste Tour folgt, ist das der Kreativität nicht unbedingt zuträglich. Sobald bei uns der Eindruck entsteht, unsere nächste Platte wird wie die davor, legen wir eine Pause ein.

SAX: Ihr seid keine Jazzer, sondern ausgewiesene Songschreiber mit jeweils eigener Karriere. Innerhalb einer Band muss aber einer immer zurückstecken, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Francesco Wilking: Du meinst, jeder sollte stärker seine eigene Marke puschen? Moritz hat das mit seinem zweiten Soloalbum gerade getan. Und ich bin auch an tausend Sachen dran. Jeder von uns beiden hat Bock, tausend Sachen zu machen. Ich würde meine Seele nicht nur an Die Höchste Eisenbahn binden.

SAX: Aber wie ergänzt ihr euch, dass keinem das Zurückstecken schwerfällt?
Moritz Krämer: Das ist ein Prozess gewesen. Am Anfang hatten wir unsere Soloalben, ich war zweimal solo auf Tour. Nach dem Auftritt 2011 bei Sound Of Bronkow fragte ich Francesco öfter, ob wir gemeinsam auftreten könnten. Irgendwann waren wir so weit, dass wir schon beim Schreiben daran dachten, was der andere beitragen könnte. Inzwischen sind wir ein Songschreibergespann. Die Songs zum neuen Album wurden gemeinsam geschrieben.
Francesco Wilking: Das ist dann aber nicht so sehr Business geworden, dass wir uns fragen, welche Marke am vielversprechendsten ist. Das hat bei uns immer noch sehr viel mit Lust zu tun. Wir machen Sachen, auf die wir Lust haben. Bei einer Major Company, wo es bloß noch um Reichweite geht, kann das sehr unsympathisch werden. Ein Musikerfreund von mir hat mal gesagt, er muss jetzt seine nächste Platte fertig kriegen. Und die muss gut werden, weil, da hängen zweihundert Arbeitsplätze dran. Auf sowas hätte ich überhaupt keine Lust, wenn du eine E-Mail bekommst, bis dann und dann hat das Album fertig zu sein, und es muss gut werden. So funktioniert das nicht. Du schreibst auf Knopfdruck keine geilen Songs.

SAX: Ihr habt jetzt aber auch keine Mühe gescheut, dass euer neues Album so gut wird wie es geworden ist.
Francesco Wilking: Du meinst, wir hätten ordentlich Geld in die Hand genommen und die Arrangements Günther Fischer schreiben lassen?

SAX: Nein, ich meine, man merkt, wie viel Leidenschaft drin steckt in »Ich glaub dir alles«. Jeder Song ist anders facettenreich arrangiert.
Moritz Krämer: Das ist nichts Bewusstes. Du beginnst mit Handyskizzen und machst weiter und weiter. Aber das braucht seine Zeit, manchmal dauert das eben drei Jahre.

SAX: Ihr stammt beide aus eher kleinstädtischen Milieus mit Freiburg als wichtiger Zwischenstation. Wie hat sich eure Musik durch den Umzug nach Berlin verändert?
Francesco Wilking: Ich kann das gar nicht genau sagen. Ich kann mir nicht richtig vorstellen, was passiert wäre, wenn ich in Freiburg geblieben wäre. Weiß ich nicht. Kann sein, dass ich in Freiburg nicht das Gefühl gehabt hätte, unbedingt Musik machen zu müssen. Keine Ahnung, ob das Berlin ist, was einem die Berechtigung gibt, Musiker zu sein.
Moritz Krämer: Bei mir ist es ähnlich. Ich war zwanzig als ich nach Berlin ging. Die Schule war vorbei, der Zivildienst absolviert, ich fing an zu studieren. Das hätte mir auch in Australien passieren können.
Francesco Wilking: Ich glaube, das ist bei uns beiden sowas irgendwo in der Mitte. Auf der einen Seite ist es nicht völlig egal wo man wohnt. Auf der anderen Seite sind wir beide nicht nach Berlin gegangen, weil dort die Szene war. Das war nicht dieses klassische Ding, dass du in der Kleinstadt aufwächst, HipHop magst und niemand aus deiner Umgebung interessiert sich dafür. Dann gehst du in die Großstadt, wo die Szene ist, und du fühlst dich zu Hause. Das war es bei keinem von uns beiden.
Moritz Krämer: Ich bin überhaupt nicht wegen der Musik nach Berlin gegangen. Ich fand auf der Website der UDK, der Universität der Künste Berlin, zufällig ein Animationsfilmchen und dachte, Animationsfilm, das ist lustig, das will ich studieren.

SAX: Eure Musik hat immer irgendwie die Ruhe weg. Wie kommt das? Ist das noch das Kleinstädtische in euch?!
Francesco Wilking: Das wäre interessant rauszukriegen, ob das die Kleinstadt ist oder unser Naturell. Ich zum Beispiel höre keine Musik, um mich aufzuwecken. Ich höre gern etwas Entspannendes.
Moritz Krämer: Du bist eher der Lounge-Typ. Aber ich verstehe, was gemeint ist. Meine Freundin und ich hatten einen Neffen von ihr zum Konzert von Die Höchste Eisenbahn eingeladen. Der Busche war ehrlich, er kam nach dem Konzert zu mir und sagte, danke für die Einladung, aber er musste nach drei Liedern gehen, weil, es war so unfassbar langweilig! Er musste woanders hingehen, wo was los war. Aber war total okay.

SAX: Es besteht jedenfalls eine Diskrepanz zwischen eurer Musik und dem Bandnamen, egal was der Bandname tatsächlich bedeuten mag.
Francesco Wilking: Das ist aber wirklich eine Empfindungssache. Es gibt Lieder von uns, von denen wir sagen können, das ist so laut, so schnell, so hart. Wir haben uns die Seele aus dem Leib geschrien und jemand anderes findet, ach, sehr schön chillig!

SAX: In »Umsonst«, dem letzten Song auf »Ich glaub dir alles« ist die Rede von den Leuten im Maschinenraum, die »das auch für umsonst gemacht hätten«. Geht es dort um die Umsonstkultur des Digitalzeitalters?
Francesco Wilking: Das spielt eine Rolle. Alles muss ständig verfügbar sein und möglichst umsonst – was viele für etwas Schlechtes halten. Sie argumentieren, dass sie früher Geld bekamen für das was sie taten. Jetzt müssen sie es umsonst hergeben. Auf der anderen Seite ist das auch etwas Schönes, ein utopischer Gedanke. Wie das Grundeinkommen, wo man auch sagt, alles, was alle Menschen brauchen, muss allen zur Verfügung stehen. In diesem Spektrum bewegt sich der Song. Es geht nicht nur um frustrierte Musiker, die sich über Streamingdienste aufregen.
Moritz Krämer: Aber das steckt drin, der Songs schließt mit den Worten, »das größte Geheimnis wird am schlechtesten bewacht, die hätten das alles auch für weniger, die hätten das auch umsonst gemacht«. Dort geht es um die Frage, ob das Anreizsystem, das wir haben, dass man entlohnt wird für Dinge, die man tut, ob das das einzig denkbare ist.
Bernd Gürtler

Die Höchste Eisenbahn
27. November, Tante Ju, Support: Stefanie Schrank
Tickets: www.saxticket.de
www.diehoechsteeisenbahn.de