Ich mag Widersprüche

Jadu kommt am 6. Oktober in die GrooveStation

Am 6. Oktober sollte man sich in der GrooveStation lang machen oder zeitig kommen, um nicht ganz hinten zu stehen. Denn wenn Jadu mit ihrer Band die Bühne betritt, gehört die Show zur Musik – gesehen und gehört werden bilden bei ihr eine Einheit. Dass die Sängerin und Musikerin mit ihrem Album »Nachricht vom Feind« für Schlagzeilen sorgte, lag zunächst an den im Wortsinne äußeren Umständen, denn eine dunkelhäutige Frau in schwarzer Uniform wirft schon mal Fragen auf, die so mancher nicht in seinem Kopf klären konnte. Komplettiert man das »Bild« mit ein paar zusammengeklaubten Textzeilen und dem berühmten Ehemann, hat man sich das Skandälchen fein zurecht(s)gebastelt. Nimmt man sich aber die Zeit, das Album komplett und aufmerksam zu hören, kann man viel entdecken, erfahren, verstehen. Ein paar Fragen bleiben aber noch – SAX hat sie Jadu gestellt.

SAX: Du hast zunächst als Autorin für andere Künstler in der Musikszene auf dich aufmerksam gemacht. Wann war für dich klar, dass du auch selbst auf die Bühne musst?
Jadu: Ich mache Musik, seitdem ich 14 bin und habe als Instrumentalistin an Gitarre und Schlagzeug in Bands mitgewirkt, immer eher im Hintergrund agiert, was auch das Schreiben betrifft. Ich habe mir immer gewünscht, irgendwann meine eigene Musik zu veröffentlichen und live zu spielen, doch war es bis dahin ein Prozess. Eine Frage des Mutes, an sich selbst zu glauben, und letztlich auch eine Frage der eigenen Soundfindung. Ich wollte nie Musik machen, die beliebig oder »egal« ist. Insofern war es mir eigentlich schon immer klar, doch erst jetzt hat es sich ergeben, dass ich Anfang des Jahres mein erstes Album veröffentlichen konnte. Das war schon ein weiter Weg.

SAX: Versteht man Jadu als Kunstprojekt, stellt sich die Frage, wie viel davon ist Inszenierung und wie viel steckt von der Person Jadu Laciny drin?
Jadu: Es steckt ziemlich viel Persönliches darin, aber auch Einflüsse von außen, vom Freundes- und Bekanntenkreis. Mir ist Authentizität als Künstler sehr wichtig, gerade in einer Zeit, in der so vieles unecht, aufgesetzt und angepasst ist. Für mich steht es außer Frage, persönliche Dinge in Texten zu verarbeiten und Themen zu behandeln, die mich bewegen – anders könnte ich gar nicht schreiben. Was die Videos betrifft, die ich als Teil meiner Kunst verstehe, zeigen diese aber oft noch einmal andere Facetten, die auch mal überzogen inszeniert sein dürfen, sodass man den Song noch einmal auf andere Weise verstehen kann. Mir geht es immer ums große Ganze und dass Menschen ihren Kopf anschalten und das interpretieren können, was sie für sich im Song hören oder im Video sehen.

SAX: War der Hang zum Uniformen schon immer bei dir vorhanden und – wenn ja – widerspricht er nicht dem meist natürlichen Hang der Künstlerin/des Künstlers zum Individuellen?
Jadu: Für mich persönlich hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Dass ich Uniformen und Geradlinigkeit optisch ästhetisch oder reizvoll finde und beispielsweise Polizisten oder Soldaten unheimlich sexy darin aussehen, hat nichts damit zu tun, dass ich uniformes Denken oder Gleichschaltung gutheiße. Es ist gut, wenn sich jeder individuell entfalten kann.

SAX: Du verhandelst auch Songs, in denen es um Beziehungen oder Innenansichten geht, mit Lyrics, die harte Worte wie »Unsympathisch«, »Blitzkrieg« oder »Weltenbrand« ins Zentrum stellen. Warum siehst du das Zwischen- und Innenmenschliche auch als Kriegsschauplatz?
Jadu: Weil sich viele persönliche Erfahrungen oder Befindlichkeiten wie ein Kampf anfühlen. Nicht umsonst gibt es Redewendungen wie »er ringt mit den Tränen« oder »sie kämpft um die Liebe«. Das habe ich nicht erfunden. Aber für mich hat es sich eben auch oft genauso angefühlt, wenn man in zwischenmenschlichen Beziehungen für oder gegen etwas ankämpft, sich in einem »Kriegsgebiet« oder in selbst verursachten »Trümmern« wiederfindet. Man kann mit diesen Begrifflichkeiten, die sehr stark sind, eben auch starke Bilder erzeugen, etwas so widerspiegeln, wie es sich in dem Moment eben anfühlt.

SAX: »Todesstreifen« beschreibt auf ungewöhnliche, fast romantische Weise eine tiefe Depression bis (fast?) hin zum Suizid. Was hat dich zur Auseinandersetzung mit diesem Thema bewogen?
Jadu: Depressionen sind ja leider bekanntlich weit und facettenreich verbreitet. »Todesstreifen« im Speziellen behandelt das Thema Co-Depression. Jemand, der in Selbstmitleid versinkt, sich zurückgelassen fühlt, Menschen aus seinem Leben ausschließt, sich selbst isoliert und dies auch auf den Partner abfärbt, der die Depression mitlebt beziehungsweise sich auch oft selbst Mitschuld gibt. Ein Teufelskreis, den ich in vielen Partnerschaften im Bekanntenkreis beobachten konnte und auch selbst erlebt habe.

SAX: »Friedliche Armee« wiederum ist eine sehr schöne Hymne an den Baum, ein Lied, das man auf einem Album wie diesem fast nicht vermuten würde. Wie kam es dazu?
Jadu: Ich bin ein Waldkind. Ich bin in Niedersachsen am Waldrand von Bad Essen aufgewachsen und hatte schon immer eine emotionale Bindung zu Bäumen und Wäldern. Für mich sind Bäume eine friedliche Armee – wie sie so kraftvoll und mächtig dastehen, Wind und Wetter trotzen, aber dennoch sehr verletzlich sind, wie man am Beispiel des Hambacher Forsts oder dem Regenwald im Amazonasgebiet aktuell wieder vor Augen geführt bekommt. Der Wald wird »bekämpft«, obwohl er so wichtig für uns Menschen ist.

SAX: Um dein Album gab es eine ebenso ausufernde wie vorgestrige »Darf man das?«-Diskussion, die man nach Rammstein eigentlich als erledigt gehofft hatte. Welche Erfahrungen hast du daraus gezogen?
Jadu: Es ist auf jeden Fall spannend zu beobachten, weil man merkt, dass viele Menschen nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Das hat auch viel mit Vorurteilen und Oberflächlichkeit zu tun. Die Leute erwarten, dass ich HipHop oder Soulmusik mache und besonders gut tanzen kann. Man sieht, wie schnell Menschen verunsichert und sofort kritisch und sogar oft auch negativ reagieren, wenn etwas nicht in ihr gewohntes Bild passt. Die Erkenntnis kommt dann, wenn sie sich näher mit etwas beschäftigen und genau das fehlt mir in der heutigen Musikwelt selbst oft. Es gibt kaum Künstler, die mal etwas »anders« machen, Themen auf andere Weise behandeln oder eben auch anecken.

SAX: Für Aufregung sorgte vor allem »Sirenen & Wagner«, ein Song, der die romantische Sicht von Eva Braun auf ihren Geliebten Adolf Hitler zeigt. Wenn man aber mal ehrlich ist, hat man sich auch selbst gefragt, was diese junge und schöne Frau an diesem hässlichen und grausamen Psychopathen findet. Was hat dich angetrieben, darauf eine Antwort zu finden?
Jadu: Genau diese Frage. Die aber relativ leicht zu beantworten war, denn Eva Braun war ja bei Weitem nicht die einzige, die ihm verfallen war. Macht macht sexy, das ist auch keine neue Erkenntnis. Für mich steht Eva in dem Song aber sinnbildlich für ein ganzes Volk, das diesem Mann und seinem »Hype« gefolgt ist. Und so viele sind auch für und mit ihm gestorben. Es geht um fanatische Liebe oder eben den Glauben an eine Sache, jemandem dabei blind zu folgen, der einem das große Glück verspricht. Man folgt, lässt sich anstecken und beeinflussen, verschließt vor allen negativen Seiten und Geschehnissen die Augen. Dieses Modell gibt es, runtergebrochen, auch in ziemlich vielen Beziehungen, Sekten oder auch Religionen, wo sich alle fragen: »Wie kann man nur?« Die Antwort ist oft Haltlosigkeit und Frust. Die meisten Menschen brauchen jemanden, der das Ruder übernimmt, dem sie vertrauen und der sie in Sicherheit wiegt, die Dinge anzupacken. Diese Frustration unter den Menschen, machen sich nun bestimmte Parteien, nicht nur in Deutschland, wieder zunutze und hetzen die Leute gegeneinander auf, was sehr gefährlich ist.

SAX: Sieht man nur das Äußerliche, das Artwork, Deine Outfits, möchte man meinen, es erwartet einen ziemlich martialische Musik. Die meisten Songs allerdings wirken eher getragen von einer flächigen Atmosphäre aus Gitarren, Synths und Beats, die eher »unrockig« sind. Wie hast du diesen, deinen Sound gefunden?
Jadu: Vielleicht ist es eine Art »harte Schale, weicher Kern«. Ich mag aber auch die Symbiose aus martialischen Begriffen und zarten Tönen, weil ich eben Widersprüche interessant finde. Der Sound hat sich von selbst entwickelt, da ich durch viele unterschiedliche Musikstilistiken beeinflusst wurde und diese letztendlich zusammen meinen eigenen Sound ergaben. Neben den Texten, war es mir auch wichtig, dass die Musik selbst schon ein Gefühl hervorruft, wie man es beispielsweise von Soundtracks und klassischer Musik kennt. Ich habe sehr nerd-mäßig an den Kompositionen gearbeitet und mir war jeder Ton wichtig.
SAX: Wie kann man sich die Umsetzung live vorstellen, wenn es bisher nur ein Album gibt?
Jadu: Auf der Bühne wird das Ganze etwas rockiger und auch theatralischer umgesetzt und meine Band tritt selbstverständlich in Uniform auf. Wir versuchen den Leuten immer auch etwas fürs Auge zu bieten. Unsere Bühne gleicht eher einer Theaterkulisse, die wir je nach Größe des Klubs anpassen. Mit 13 Songs kommen wir sehr gut aus.
Interview: Uwe Stuhrberg

Jadu 6. Oktober, 20 Uhr, GrooveStation

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