"Ich mochte immer das Unkonkrete, das sich magisch aufladen lässt"

Die Heiterkeit am 26. März im Societätstheater – Interview mit Stella Sommer

Das Hamburger Abendblatt schrieb, als Sängerin der Formation Die Heiterkeit nimmt Stella Sommer den Zuhörer "an die Hand und steigt eine schummrige Kellertreppe hinunter. Hin zu unausgeleuchteten Winkeln, in denen das Schöne umso geheimnisvoller scheint." Richtig, wobei es nicht nur die dunkle, an Nico erinnernde Stimmfärbung ist, von der eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausgeht. Die Faszination beruht mindestens genauso sehr auf Stella Sommers intensiver Poesie. Obwohl überdurchschnittlich eingängig, taugen ihre Songs kaum zum Nebenbeihören. Entweder man lässt sich darauf ein oder sollte es von vornherein bleibenlassen. Ein Kompliment, das die Künstlerin bei der Interviewverabredung in Berlin eher irritierend findet, als dass sie sich geschmeichelt fühlt. "Was passiert ist" heißt das jüngste Heiterkeit-Album.

Deinen Songs ist anzumerken, dass sie von der Poesie herkommen, dass hier eine wahre Poetin am Werk ist!
Ach wirklich? Das ist ja nett.

Du würdest widersprechen?
Weiß nicht, ob ich mich als Poetin bezeichnen möchte. Weil ich mit dem Ziel schreibe, Songs zu schreiben. Wahrscheinlich hätte ich gar nicht das Bedürfnis zu schreiben, ginge es nicht um Songs. Andererseits sind die Unterschiede so grundsätzlich auch wieder nicht, wie Bob Dylan in seinem Essay zur Nobelpreis-Verleihung angemerkt hat.

Die poetische Kraft deiner Songtexte zwingt jedenfalls regelrecht zum Hinhören.
Naja, freut mich.

Die Frage wäre, wie gestaltet sich das rein praktisch. Läuft bei dir ständig im Hintergrund ein Prozess, der Alltagswahrnehmungen sofort in Poesie umwandelt?
Diesen Filter gibt es bei mir tatsächlich. Der nicht ständig läuft, aber ich denke schon, dass ich meine Umgebung wahrnehme und überlege, was ich davon verwenden könnte. Kreativität funktioniert wahrscheinlich so.

Wieviel deiner Lebenszeit fließt in die Poesieumwandlung?
Ich arbeite zielgerichtet. Wenn ein neues Album ansteht, müssen Ideenskizzen bereits vorhanden sein. Ich beginne ungern aus dem Nichts. Es sind jetzt in relativ kurzer Zeit fünf Alben entstanden. Zu viel darf es nicht werden, sonst geht man seinem Publikum auf die Nerven. Das gibt einfach nicht mehr her, gerade wenn man touren möchte. Man kann nicht alle drei Monate mit neuen Songs unterwegs sein. Bei mir ist es so, dass sich, wenn ein Album fertig ist, die Promotionphase abgeschlossen und die Tournee beendet ist, ein Kapitel für mich schließt. Dann muss ich mir sofort etwas Neues suchen. In dem Moment, wo ein Album in die Welt entlassen wird, muss ich direkt weitermachen.

Wer sich das Anfang März veröffentlichte neue Album "Was passiert ist" anhört, wird einmal mehr auch feststellen, dass deine Songs keine Geschichten erzählen, sondern Atmosphäre schaffen.
Stimmt, Storytelling geht anders.

Storytelling liegt dir nicht?
Es hat mich nie so interessiert, Geschichten zu erzählen. Ich mochte immer das Unkonkrete, das sich magisch aufladen lässt. Weshalb, weiß ich nicht. Aber das hat mich immer am meisten gereizt.

Einer der Songs vom neuen Album heißt "Linie im Sand" und besagt im Refrain, "Ich bin die Linie im Sand/ Ich bin etwas, das man sieht/Und intuitiv versteht." Ist das ein Hinweis, wie sich am besten Zugang zu deinen Texten finden lässt?
Das wurde zwar nicht mit diesem Hintergedanken geschrieben, aber ich bin bei Interviews schon einige Male darauf angesprochen worden, ob sich das auf meine Songtexte anwenden lässt. Ich würde sagen, ja, das ist eine interessante Idee. Man kann das durchaus so lesen, wenn man möchte.

Später im Text ist noch die Rede davon, dass etwas intuitiv zerstört?
Das ist einfach eine Fortführung. "Ich bin die Linie im Sand/Ich bin etwas, das man sieht/Und intuitiv versteht/Ich bin die Böe am Strand/ Ich bin etwas, das man hört/Das intuitiv zerstört." So geht der Refrain.

Bezieht sich das auf irgendein bestimmtes Ereignis?
Das ist inspiriert von Eminem und seinem Freestyle-Rap in dem Parkhaus anlässlich der BET HipHop Awards 2017, wo er sagt, "Any fan of mine who's a supporter of his/I'm drawing in the sand a line/You're either for or against/And if you can't decide who you like more/And you're split on who you should stand beside/I'll do it for you with this". Das richtet sich gegen diejenigen seiner Fans, die mit Donald Trump sympathisieren.

Eminem, eine ganz andere Baustelle als deine mit Die Heiterkeit!?
Man versorgt sich mit Anregungen aus den unterschiedlichsten Ecken.

Eine Sängerin, mit der du gern vergleichen wirst, ist Nico. Tatsächlich war es so, dass, als 2014 das Heiterkeit-Album "Monterey" erschien, von vielen, die nicht wussten, was gerade im CD-Spieler läuft, sofort auf Fellinis Muse, Andy Warhols Superstar und einstige Sängerin von Velvet Underground getippt wurde. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass du keine Nico-Kopie sein möchtest oder?
Ich kenne Nico, ihr Werk. Ich mag ihr erstes Soloalbum "Chelsea Girl" und dort besonders den Song "These Days". Auch spätere Sachen finde ich gut. Aber nein, Nico kopieren will ich nicht.

Woher dann die Ähnlichkeiten des Gesangsvortrags?
Schon im Chor habe ich immer Altstimme gesungen. Als es mit der Band losging, wurde das eine andere Art des Singens. Am Mikrofon singt es sich anders, da musste ich mich erst einfuchsen. Ich wusste auch gar nicht, wie klingt meine Stimme überhaupt, bis sie das erste Mal professionell aufgenommen wurde. Bis dahin hatte ich das höchstens mit meinem Kassettenrecorder zu Hause versucht. Am Anfang war das ein einziges Rumprobieren. Und ich glaube, mir fehlte einfach das Selbstbewusstsein, in höheren Stimmlagen zu singen. Es geht bei mir sowieso nicht wahnsinnig weit nach oben, da sind natürliche Grenzen gesetzt. Naja, und dann dachte ich eben auch, dass die Songs nach diesem Gesang verlangen. Es unterscheidet sich trotzdem in Nuancen von Nicos Stimme. Auf dem neuen Album singe ich höher als früher. Man lernt das im Laufe der Zeit, wie und wo die Stimme am besten funktioniert.

Also eine Eigenart, die durch Veranlagung definiert war. Und sich durch Praxiserfahrung gewandelt hat?
Ja, je länger ich Musik mache, je mehr Alben ich aufnehme, je mehr ich über Studiotechnik lerne, verstehe ich besser, wie ich singen kann. Es macht auch einen Unterschied, ob man live auftritt. Sobald man gelernt hat, mit dem Mikrofon umzugehen, tut sich die nächste Hürde auf. Gerade bei Auftritten in kleineren Klubs und wenn man dreistimmig unterwegs ist wie wir. Es sind noch zwei Stimmen über mir unterzubringen. Schon von daher kann ich gar nicht zu weit oben ansetzen. Beim letzten Album "Pop & Tod I+II" von 2016 war das auch ein Problem. Und live hat man durch das Schlagzeug bereits eine gewisse Grundlautstärke. Man kann das Schlagzeug nicht leiser drehen sondern muss schauen, wie man sich gesanglich dazu in Beziehung setzt, zumindest bei Popsongs und wenn man nicht schreiben möchte. Es kommen sehr viele verschiedene Faktoren zusammen.

Du erwähntest vorhin Bob Dylan, bist du von ihm beeinflusst?
Er ist eine wichtige Inspiration für mich, unbedingt.

Was begeistert dich an ihm?
Seine Art zu denken. Seine Unsentimentalität, dieser absolute Unwille, sich festzulegen und für irgendeine Sache vereinnahmen zu lassen. Durch ihn bin ich überhaupt darauf gekommen, Songs schreiben zu wollen.

Und irgendwelche signifikanten Erinnerungen, die sich von früheren Auftritten mit Dresden verbinden?
Ja, das letzte Mal sind wir im Ostpol gewesen, einer alten Villa mit DDR-Charme in der Neustadt. Es war saukalt, die Heizung kaputt, Schnee meterhoch. Wir haben versucht, uns in der Künstlerwohnung im ersten Stock mit Pfeffi warm zu trinken. Sind dann aber im Pyjama wieder runter und schlossen uns der Party an, die im Erdgeschoss lief.
Bernd Gürtler

Die Heiterkeit
26. März, 20 Uhr, Societaetstheater
www.dieheiterkeit.de