"Ihr spinnt wohl, dachten wir irgendwann. Ohne uns!"

Steiner & Madlaina am 29. Januar im Ostpol. Ein Interview

Ihren deutschlandweiten Medieneinstand gab die Schweizer Duoformation Mitte Oktober 2008 im Morgenmagazin des ARD-Fernsehfunks, einem Sendeplatz für Vermischtes aus Politik, Kultur und Sport, eher weniger bekannt für seinen Tiefgang gerade was Populärmusik angeht. Keineswegs im Widerspruch dazu ein Pressetermin Wochen zuvor im Berliner Ramones-Museum, dem nach Kreuzberg verlegten Schrein zu Ehren der New Yorker Punkpioniere. Im innersten Kern des Steiner & Madlaina-Debütalbums "Cheers" rumort ein Unbehagen, das vielleicht im Augenblick noch etwas treuherzig und mainstreamkompatibel daherkommt. Mit Anfang zwanzig hat der Mensch bestimmt schon manches erlebt, die echten Prüfungen aber stehen noch bevor. Zumal vor dem Hintergrund Schweizer Lebensverhältnisse und obendrein aus diesem familiären Kontext heraus. Sie konnte sich des Wohlwollens der Eltern stets sicher sein, jugendliches Aufbegehren hätten ihre alten Herrschaften regelmäßig ins Leere laufen lassen, gesteht Madlaina Pollina, Tochter des italienischstämmigen Songpoeten Pippo Pollina und Schwester von Julian Pollina, erfolgreich unter dem Sängerpseudonym Faber. Nora Steiner, mütterlicherseits mit Wurzeln in Griechenland, erging es ähnlich.

SAX: Laut Pressetext der Plattenfirma zu "Cheers", ist euer gemeinsames Duo aus einer Schulfreundschaft hervorgegangen. Wie ist das zu verstehen?
Madlaina: Eine verrückte Geschichte, Nora erzählt das am besten.
Nora: Ja, wir waren neu an der Schule, seit einer Woche. Wie alt sind wir gewesen, vierzehn?
Madlaina: Könnte hinkommen.
Nora: Jedenfalls fragte Madlaina nach dem Sportunterricht, ob jemand abends bei ihr zum Essen vorbeikommen wolle, ihre Eltern wären nicht zu Hause. Sie meinte eigentlich zwei Freundinnen aus der Klasse, von früher, die aber schon etwas vorhatten. Ich wiederum dachte, die Einladung sei in die Runde gesprochen und antwortete, also ich hätte schon Zeit! Madlaina schaute etwas angetupft, entgegnete aber, okay, ja gut, dann kommst du. Von mir war das total schräg, von ihr megacool. Wir sahen uns dann einen englischen Film an, "Death At A Funeral". Eine schwarze Komödie, superlustig. Es wurde viel gelacht."

SAX: Stand damals bereits zur Debatte, gemeinsam Musik zu machen? Gemeinsam Songs zu schreiben?!
Madlaina: Nein, damit ging es ein Jahr später los. Mehrere Schüler beschlossen, sich im Proberaum der Schule anzumelden und eine Band zu gründen. Wir sind zu acht gewesen, übrig blieben wir beide.
Nora: Der Proberaum war uns bei der Einschulung ausdrücklich ans Herz gelegt worden. Am Anfang erschien uns das auch sehr glamourös. Hey, eine Band! Nach und nach sind die anderen weggeblieben, wir hatten irgendwie Bock drauf.

SAX: Die Schule, über die wir reden, war eine Musikschule?
Nora: Nein, ein Gymnasium, das Profil Musik und künstlerisches Gestalten. Jeder musste ein Instrument beherrschen oder erlernen. Kurioserweise wählten wir beide unabhängig voneinander das künstlerische Gestalten als Orientierung. Unser Musiklehrer war nix, leider.

SAX: Einem fragwürdigen Musiklehrer ist zu danken, dass ihr Musik macht?
Nora: Genau, wir wollten nicht, dass er uns die Lust am Musikmachen verdirbt. Wir verbrachten dann acht Stunden pro Schultag mit Malen oder Filmemachen. Die anderen mussten Videos des Musiklehrers ansehen, die er im Café von sich im Wind bewegenden Fäden gemacht hatte. Sein Kommentar dazu war, dass das der Beweis sei, dass es Fabelwesen gibt. Zum Glück ist uns das erspart geblieben.
Madlaina: Das künstlerische Gestalten war aber nicht bloß eine Notlösung. Ich fand es total spannend, zur Kunst jeweils den historischen Kontext vermittelt zu bekommen.
Nora: Am Anfang war der Musiklehrer auch noch nicht so schlimm. Aber der gesamte Musikunterricht lief darauf hinaus, dass man später Musik studiert. Für uns ohne Nutzen.

SAX: Das gemeinsame Musikmachen begann dann wie üblich mit Coverversionen?
Madlaina: Nein, überhaupt nicht. Coversongs haben wir nie gespielt. Das war eher so, dass im Proberaum gejammt wurde, rein instrumental. Aber wir fanden das extrem langweilig. Nora spielte Gitarre, ich Klavier, und dann schrammelst du deine Akkorde, damit der Trompeter ewig lange Soli darüberlegen kann.
Nora: Genau, ein Trompeter war dabei, der wollte ständig Soli spielen!
Madlaina: Ja, zwanzig Minuten nur er! Da haben wir gesagt, wir brauchen einen Text, eine Strophe, einen Refrain. Etwas, das vorgibt, wo er sich ausbreiten darf.
Nora: So hat das angefangen. Dass wir gesagt haben, das ist der Song. Folgende Struktur, dort und dort darfst du.

SAX: Mit anderen Worten, euer Songschreiben ergab sich mehr oder weniger aus der Notwendigkeit, einen übereifrigen Trompeter in die Schranken weisen zu müssen?
Nora: Sieht so aus. Bei mir sind das natürlich auch Songs gewesen, die mir gefielen und wo ich dachte, sowas würde ich auch gern schreiben.
Madlaina: Und geschrieben haben wir beide so lange wir denken können. Von daher lag es nahe, Songs zu schreiben.

SAX: Bei deinem Familienbackground, Madlaina, überrascht es wenig, dass du schon immer geschrieben hast. Wie war das bei dir, Nora?
Nora: Mein Großvater war Musiker. Meine Schwester singt auch, sie ist mit einem Satireprogramm unterwegs. Meine Eltern sind vollkommen unmusikalisch. Meine Mutter singt meiner Schwester manchmal Songs aus dem Radio vor und will wissen, was das ist. Man erkennt es nie, so falsch wie sie singt. Aber meine Eltern hören viel Musik, Alternative Rock, Indie-Sachen, die Beatles und Bob Dylan rauf und runter. Musikalisch sind meine Eltern sicher nicht, hatten aber immer ein inniges Verhältnis zur Musik.

SAX: Und bei dir, Madlaina, hat dein Musikervater dich aktiv unterstützt? Oder gehofft, dass du später einen anständigen Beruf ergreifen wirst?
Madlaina: Musik war bei uns ein wesentlicher Bestandteil des Alltags. Gitarre und Klavier standen rum. Logisch, dass man als Kind das ausprobiert. Aber mein Vater hat uns nie eingeschränkt. Ich denke, er ist mächtig stolz, dass Julius und ich etwas Ähnliches machen wie er.

SAX: "Cheers" enthält mit "Riot" einen Song, der aber doch vermuten lässt, dass es zu Hause kontrovers zugegangen sein muss. Im Refrain heißt es, "Hey mama/Hi daddy/Do you remember me?/I know you do/But you would never admit/Bye mama/Bye daddy/ I am the bad seed/I know I am/But I'm not sorry for it".
Madlaina: Nein, nein, das Ich im Song bin nicht ich. Das ist ein anderes Ich. Der Song entstand vor Jahren für ein Schulprojekt und einen anderen Sänger, nicht für mich. Es geht um eine Revolution, die ich mir damals gewünscht hätte. Aber meine Eltern fanden den Song super. Hat nicht geklappt mit der Revolte. Ist aber auch schwierig in der Schweiz.

SAX: Die besonderen Verhältnisse der Schweiz, darauf bezieht sich offenbar "Das schöne Leben", der Song, der auf "Riot" folgt?
Madlaina: Richtig, dazu gibt es auch eine Hintergrundepisode. Ich kam vormittags von der Fahrschule nach Hause und sah in einer Bar vier ältere Herren mit einem Bier auf das schöne Leben anstoßen. Ich dachte, geht's noch? Der Rest des Songs dreht sich darum, dass dieser Überfluss in der Schweiz ein Riesenproblem darstellt. Echt abgefahren, man fühlt sich schuldig, sobald man auf Dinge hinweist, die einen beim Zeitunglesen oder Nachrichtenschauen regelrecht anspringen.
Nora: Unser eigenes Leben sieht anders aus als das unserer Eltern oder Großeltern. Unglaublich die Freiheiten, die wir genießen, der Wohlstand. Wir konnten tun und lassen was wir wollten, unsere Eltern haben uns unterstützt. Schau, dass du das Abi schaffst, alles andere liegt bei dir, hieß es zuhause immer. Aber das hat auch seinen Preis.
Madlaina: Wir sind privilegiert aufgewachsen. Das wird einem in der Schweiz von Kindesbeinen beigebracht, das weißt du einfach. Später in der Schule kippt das dann in dieses, hey, wir müssen arbeiten, Geld machen. Dieser Stress! Ihr spinnt wohl, dachten wir irgendwann. Ohne uns!
Nora: Das traurige ist, dass die meisten unserer Freunde ihre Träume sausen lassen. Jeder will bloß seinen Wohlstand mehren.

SAX: Wäre es anderseits nicht aber durchaus legitim, das schöne Leben zu genießen? Eure Eltern und Großeltern mussten sich arg krumm machen dafür. Und gerade bei dir, Madlaina, dein Vater hatte sich in Italien mit der Mafia angelegt und war gezwungen, in die Schweiz zu emigrieren. Das kann nicht so einfach gewesen sein, für die gesamte Familie.
Madlaina: Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Das schöne Leben, das ich beschreibe, ist eher eins, das nicht so schön ist. Weil man sich dadurch seine Möglichkeiten verbaut. Bei meinem Vater war das so, würde ich behaupten, dass er, wenn er geblieben wäre, sich Scheuklappen zugelegt oder sogar mitgemacht hätte, was für ihn auch kein Leben gewesen wäre. Wahrscheinlich gibt es solche und solche. Die Mitläufer und die, die sich dagegen stellen wie mein Vater und das Land verlassen müssen. Wenn du nichts unternimmst, wird es auch nicht besser. Er ist weggegangen, was einfacher war. Andere sind geblieben und haben gekämpft. Was ich auch nicht riskiert hätte, denke ich. Das wäre der richtig harte Weg gewesen.

SAX: Trotzdem scheint es, als würden in euren Songs eine gewisse Enttäuschung und Frust mitschwingen? Besonders bei den Liebesliedern. "Wenn du mir glaubst" zum Beispiel erzählt von der zynischen Rache einer sitzengelassenen Gefährtin an ihrem nächsten Liebhaber.
Nora: Das liegt sicher daran, dass wir uns beide gerade getrennt hatten, als die meisten Songs für "Cheers" entstanden sind.
Madlaina: "Wreckless Love" ist doch aber ein richtig positives Liebeslied oder nicht?

SAX: Weil wir gerade dabei sind, die Songtexte sind teils auf Deutsch, teils auf Englisch. Das wechselt.
Madlaina: Dahinter steht kein Konzept. Man hört schon in der Melodie, welche Sprache besser passt, Englisch oder Deutsch.
Nora: Wir merken im Konzert, dass die Leute auch bei den englischen Texten aufmerksamer zuhören, wenn wir zwischendurch Deutsch singen. Dann wird klar, aha, hier geht es um etwas. Das ist keine Band, die man nebenbei hören kann. Von daher werden wir in Zukunft wohl öfter deutsche Texte schreiben.
Madlaina: Wir würden schon sehr gern ein breiteres Publikum ansprechen. Aber auch deutlich machen, dass wir etwas mitteilen wollen, eine Meinung vertreten.
Nora: Das finde ich immer seltsam, wenn Künstler ein Riesenpublikum haben, aber mit ihrer Meinung hinterm Berg halten, bloß um keinen zu vergrätzen. Man sollte seine Position ausnutzen und seinen Standpunkt kundtun.

SAX: Deutsche Songtexte bedeutet in eurem Fall Hochdeutsch. Dein Bruder, Madlaina, wurde dafür scharf angegriffen. Hochdeutsch zu singen, gilt in der Schweiz fast als Landesverrat.
Madlaina: Das ist vorbei. Einwände kommen höchstens noch von älteren Jahrgängen.

SAX: Denen dann sicherlich am besten das auf Schweizerdeutsch gesungene "Herz vorus id Wand" gefällt.
Madlaina:
Ja, die Leute, die ihr Selbstwertgefühl aus Nationalstolz beziehen, sterben nicht aus.
Bernd Gürtler

Steiner & Madlaina
29.Januar, 21 Uhr, Ostpol (ausverkauft)
www.facebook.com/SteinerMadlaina