Jan Vogler never sleeps?

Das Moritzburg-Festival beginnt am 2. August

Jan Vogler vor dem Schloss Moritzburg

Am diesjährigen Moritzburg-Festival hat Jan Vogler unbedingt festhalten wollen. Schon Wochen zuvor postulierte der Künstler: »Eine Totalabsage halte ich nicht für verantwortlich, ein Intendant muss Musik stattfinden lassen.« Musik stattfinden lassen, um sowohl die ureigensten Bedürfnisse der Musikerinnen und Musiker als auch die des Publikums wieder auszuleben. Seit Mitte März fehlt der lebendige, klingende Austausch, von Balkon- und Wohnzimmerkonzerten mal abgesehen. Jan Vogler mit seinem Drang zur multiplen Kunstausübung als Cellist, Strippenzieher und Doppelintendant musste schon die Absage der Dresdner Musikfestspiele verkünden, was ihm schwer genug gefallen sein dürfte. Wenig überraschend war dies aber mit einer gelungenen Flucht nach vorn verbunden: »Music never sleeps DMF« war ein Kontinente, Ohren und Herzen verbindendes 24-Stunden-Online-Festival, das dank Voglers fast weltweiter Vernetzung zustande gekommen ist.

Für das 28. Moritzburg-Festival sollte dies keine Option sein. Vogler und sein Team sind vom Ehrgeiz ergriffen, »ein echtes Festival und keine Placebo-Konzerte« ausrichten zu wollen. Bis auf Großveranstaltungen im Dresdner Kulturpalast sowie vollbesetzte Konzerte in Kirche und Schloss von Moritzburg dürfte nun vom 2. bis zum 16. August fast alles stattfinden, was ursprünglich geplant war. Das Musikfest wird einfach auf die Nordterrasse des Schlosses verlegt und wird somit zum Freiluft-Festival.

Höhepunkte des 28. Jahrgangs beim Moritzburg-Festival werden gewiss das Eröffnungskonzert mit italienischer Gitarrenkunst sowie Bearbeitungen und insbesondere die Uraufführung einer verschollen geglaubten Frühfassung des 2. Streichquartetts von Bohuslav Martinu° sein. Kammermusikalische Gourmets mögen sich darüber hinaus auf Peter Tschaikowskys energiegeladenes Streichsextett
d-Moll »Souvenir de Florence«, Robert Schumanns Klavierquartett Es-Dur und Luigi Cherubinis »Pater Noster« für Solo-Violine und Streichquintett freuen. Die künstlerische Spannbreite reicht vom diesjährigen Jubilar Ludwig van Beethoven über Antonín Dvorák bis hin zu Dmitri Schostakowitsch. Für Stammgäste und solche, die es werden wollen, hält das Festival jetzt schon die Wiedersehensfreude mit Künstlerinnen und Künstlern wie Lisa de la Salle, Baiba Skride, Andrea Lucchesini sowie Mira Wang nebst den Brüdern Kai und Jan Vogler bereit. Ein musikalisch-literarisches Gipfeltreffen verspricht Friedrich-Wilhelm Junge im Garten vom Käthe-Kollwitz-Haus, wo es ebenfalls um Beethoven gehen wird.

Lediglich die Festival-Akademie muss in diesem Jahr auf nur 16 Mitwirkende reduziert werden, führt aber dennoch wieder exzellente junge Musikerinnen und Musiker aus mehreren Ländern nach Moritzburg. Auch die beim Publikum sehr beliebten öffentlichen Proben in der Moritzburger Kirche sollen realisiert werden, aufgrund der geltenden Hygienevorschriften und Abstandsregelungen können allerdings nur etwa einhundert Gäste mit dabei sein.

Unterm Strich sind all die Anstrengungen von Jan Vogler und seinen Mitstreitern ein Ausdruck für den ungebrochenen Willen, die Menschen mit Musik zu verbinden und das Vertrauen in die Kunst zu bewahren. Unter den gegenwärtigen Bedingungen bedeuten sie aber auch viel zusätzlichen Aufwand und – nebst dem damit ohnehin verbundenen Wetterrisiko – deutlich weniger Einnahmen. Vorausschauend hat der Intendant angesichts dieser Fakten schon mal um Verständnis in der Politik gebeten: »Wir werden dieses Jahr überstehen. Wenn es im nächsten Jahr aber wegen Steuerausfällen zu Kürzungen der Kulturmittel kommt, wäre dies eine existenzielle Gefahr. Das würde die Kultur umbringen.«

Auch angesichts dieser unwägbaren Zukunft sei es nun aber höchst wichtig, so Vogler, dass in Moritzburg wieder gezeigt werden kann, wie beglückend das Miteinander von spielfreudigen Künstlerinnen und Künstlern und einem auf lebendige Musik erpichten Publikum ist.
Michael Ernst

28. Moritzburg-Festival
2. bis 16. August, Karten bei SaxTicket in der Schauburg
www.moritzburgfestival.de