"Man kann nicht so tun, als würde das einfach so wieder weggehen!"

Interview mit Kiki Sauer und Christopher Blenkinsop von den 17 Hippies

Jeder Mensch ist in der Welt zuhause und die Welt in jedem Menschen. Niemand vermag diese Binsenweisheit so hervorragend in Musik umzusetzen wie die 17 Hippies aus Berlin. Allerdings wird sich der Mensch verändern müssen, wenn sich die Welt um ihn herum ändert. Auch dafür bietet das vielköpfige Musikantenkollektiv um Kiki Sauer und Christopher Blenkinsop ein lebhaftes Beispiel. Mit dem im Herbst 2018 veröffentlichten jüngsten Album "Kirschenzeit" beschreibt eine Band im Wandel eine Welt, die im Wandel begriffen ist. Ohne dass Ursachen und Begleiterscheinungen ständig als grelles Plakat hochgehalten werden. Selbst das Interview im 17-Hippies-Hauptquartiert in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg bleibt seltsam vage. Längst weiß jeder was Sache ist und Wegducken die falsche Antwort wäre.

SAX: Es braucht einen Moment, bis dem Betrachter aufgeht, vorn auf dem Cover von "Kirschenzeit", das sind zwei rote Kirschen, aber auch ein Paar Boxhandschuhe! Wie stehen das Frontcover und die Songs in Beziehung zueinander?
Kiki Sauer: Sehr gut, wenn das Cover Verwirrung stiftet. Man denkt, das sind Kirschen, tatsächlich sind es Boxhandschuhe! Was sind Boxhandschuhe? Boxhandschuhe sind offensiv, durchaus sportlich, können sich aber auch verteidigen. Allein da steckt schon sehr viel drin.
Christopher Blenkinsop: Es berührt eine Debatte, die wir seit längerem führen. Nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa merken wir, es verändert sich etwas. Radikaler als wir uns das je vorstellen konnten. Das macht Angst, und damit muss man umgehen. Man kann nicht so tun als würde das einfach so wieder weggehen. Das wird nicht weggehen. Bandintern ist das diskutiert worden, und jedes Mal verhedderten wir uns in einer schrecklichen Larmoyanz. Warum dies nicht, warum das nicht, jammer, jammer. Viel eher ist die Frage, was können wir dagegensetzen? Wir müssen eine Haltung entwickeln. Künstlerisch tun wir das, indem wir die Band, unseren Sound modifizieren. Von uns erfordert das einen Mut, den wir brauchen im Umgang mit dem Unbehagen, das sich breitmacht.
Kiki Sauer: Man muss aus dem Schöne, dem Guten etwas machen, für das es sich zu kämpfen lohnt. Das ist der tiefere Sinn der Coverillustration von "Kirschenzeit". Zufällig ist Kirschenzeit gewesen, als das Album in Frankreich entstand, und bei den Franzosen hat die Kirschenzeit einen historischen Bezug zur Pariser Kommune von 1871. Damals ging es um dasselbe. Frauenrechte, Gentrifizierung, alles schon gehabt vor fast hundertfünfzig Jahren.

SAX: Stimmt, Geschichte scheint sich gerade zu wiederholen.
Christopher Blenkinsop: Ja, und man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sowohl wir als auch die, die uns regieren, die Probleme der Gegenwart und Zukunft mit den Mitteln der Vergangenheit zu lösen versuchen. Man möchte innehalten und nachdenken, aber die Ereignisse lassen keine Atempause.

SAX: Also schon ein zeitkritischer Kommentar, das Album?
Kiki Sauer: Unbedingt, aber ohne den Aufruf, auf die Barrikaden zu gehen. Es geht um den Mut seine Empfindungen zu zeigen. Wenn das nach draußen dringt, ist das Draußen nicht mehr so kalt.
Christopher Blenkinsop: Gleichwohl erfordert es die Fähigkeit zuzuhören. Daran mangelt es derzeit am meisten. Man ist schnell dabei, sich gegenseitig niederzubrüllen. Das ist aber nicht der Weg. Mein Vater hat immer gesagt, schön, dass du die Welt verändern willst. Wie wäre es, wenn du bei dir anfängst?

SAX: Die Fähigkeit, einander zuzuhören ist ein Wesensmerkmal der 17 Hippies. Die Band gäbe es gar nicht, wäre es nicht gelungen, ostdeutsche und westdeutsche Mitstreiter aus unterschiedlichsten kulturellen Milieus unter einen Hut zu bringen.
Christopher Blenkinsop: Na klar, das steckt drin in den 17 Hippies.
Kiki Sauer: Jeder bringt das ein, was ihn ausmacht. Es kommt natürlich vor, dass wir streiten.
Christopher Blenkinsop: Das ist aber nicht schlimm!
Kiki Sauer: Nein, gar nicht!
Christopher Blenkinsop: Das ist auch sowas, wo gerade so getan wird, dass das etwas ganz furchtbares wäre, wenn man unterschiedliche Meinung vertritt. Das ist es nicht! Der Witz an der Sache ist, dass man erst dann, wenn man Meinungsverschiedenheiten austrägt Neues schaffen kann. Wir wollen gestalten, und wenn wir streiten, dann streiten wir. Kiki Sauer: Ich denke, dass jeder sich wohlfühlt, wenn er sein kann wie er ist. In der Gruppe merkt man schnell, wo man aneckt. Wenn man das zulässt, entstehen tolle Sachen.
Christopher Blenkinsop: Dazu gehört aber, keine Angst haben zu müssen. Im Augenblick scheint es, als habe jeder Angst.
Kiki Sauer: Sage wer du bist, dann brauchst du keine Angst haben.
Christopher Blenkinsop: Dann kann es dir egal sein, was dein Nachbar über dich denkt.

SAX: Dass die 17 Hippies in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche selbst einen Verwandlungsprozess durchlaufen, lässt sich daran festmachen, dass die Stücke jetzt mehr Songs und die Songs sehr persönlich sind.
Christopher Blenkinsop: Ja, das sind eher Songs. Wir wollten ein paar alte Zöpfe abschneiden. Es kommt jetzt so gut wie kein Banjo mehr vor, kein Akkordeon, kein Polkabeat. Unserem Akkordeonisten wurde aber nicht gesagt, du darfst nicht mehr mitspielen. Sondern dein Instrument bleibt im Koffer, was könntest du stattdessen beitragen. Dadurch sind wir auf unglaubliche Ideen gekommen.
Kiki Sauer: Nochmal vielleicht wie ich das beschreiben würde: Es sind vielfach Songs, mit ausgedehnten Instrumentalparts, so dass wir jeweils eine eigene Welt entwickeln können. Jeder Song ist anders. Ich würde sagen, uns sind da sehr schöne Sachen gelungen.
Christopher Blenkinsop: Aber obwohl es Songs sind, sind wir keine Singer/Songwriter geworden. Man merkt nach wie vor, dass das eine Band ist, mit vielen Musikern, die alle ihren Raum fordern.

SAX: Man merkt aber auch, dass es mehr darum geht sich mitzuteilen.
Kiki Sauer: Über dem Ganzen steht der Mut zum Gefühl. Dass wir lieben, leiden, trauern, glücklich sind, verrückt zu werden drohen. "Gold" zum Beispiel handelt von jemandem, der beim Radiohören mitbekommt, dass seine Verflossene die Trennung zu einem Song verarbeitet hat. Jetzt fragt er sich, wie es sein kann, dass er sich beschissen fühlt und sie daraus schöpft.
Christopher Blenkinsop: Das Aha-Erlebnis eben, wenn man sich trennt und der andere kreativ damit umgeht. Das stiftet durchaus Verwirrung.

SAX: Zwei Songs auf "Kirschenzeit", "Going Crazy" und "You Can't Kill Yesterday" scheinen ein bissiges Abarbeiten an der Welt zu sein?
Christopher Blenkinsop: "Going Crazy" auf jeden Fall. Es ist ja wirklich so, dies passiert, jenes passiert und je nach Gemütsverfassung denkt man im nächsten Moment durchzudrehen. Man muss sich bloß bei uns hier an die Kreuzung stellen, schon wird klar, worüber wir sprechen. Du willst bei dir sein, brauchst einen Moment des Nachdenkens, aber das ist unmöglich. Ständig überlagern sich Geräusche. Eine Feuerwehr düst vorbei, Straßenbahnen, U-Bahnen rattern, übergeschnappte Autofahrer hupen. Du selbst versuchst, mit dir in einen Takt zu kommen. Das ist einfach nicht möglich. Die Welt, in der wir leben bewegt sich dermaßen asynchron zu einem selbst, dass du das nicht mehr zusammenkriegst.
Kiki Sauer: Ich finde es sehr gelungen, dass sich in dem Song die verschiedenen Stimmen überlagern. Das, was im Kopf abgeht, ist in eine musikalische Form gebracht. Das Ergebnis ist etwas experimenteller, bleibt aber im Rahmen und spiegelt trotzdem die Verrücktheit der Zeit.
Christopher Blenkinsop: Das hat ja auch etwas Schizophrenes. Deshalb in der Mitte die Stimmen, unter anderem aus einem Megaphon. Ständig hast du das Gefühl, du verstehst das, aber es kann nicht stimmen, weil es unlogisch ist. Und "You Can't Kill Yesterday", das ist einfach das Ding, dass du Facebook schaust und Frauen zeigen alles Mögliche, während Männer dazu neigen, ihr Essen zu fotografieren oder den neunundvierzigsten Aufguss eines Beatles-Videos zu posten. Ich kann das Zeugs nicht mehr sehen. Ich bezweifle, dass früher alles toller gewesen ist. Aber egal wie du damit umgehst, es ist ein Teil von dir. Ich muss oft an Loki Schmidt denken, die gefragt wurde, was sie gegen ihre Falten unternehme. Sie, gar nichts, die sind redlich verdient! Eine grandiose Antwort, finde ich.
Bernd Gürtler

17 Hippies 29. Januar, 20 Uhr, Alter Schlachthof
Tickets: www.saxticket.de
www.17hippies.de